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Klimakriege : Die Apokalypse ist ein unfertiges Puzzle

Eine Gesellschaft, zugrundegegangen an Verteiligungskämpfen: Osterinsel Bild: REUTERS

Weltuntergang! Immerhin, wir waren dabei. Harald Welzer erklärt dem umweltbewussten mitteleuropäischen Mülltrenner, dass all seine Anstrengung umsonst ist. In seinem Buch „Klimakriege“ betreibt er eine Soziologie der Katastrophe.

          Dieser Autor schont weder sich noch uns. „Es gibt Bücher, die schreibt man in der Hoffnung, dass man Unrecht hat.“ Aber die Hoffnung trügt. Troja brennt schon, Kassandra packt ihre Sachen. Die Aufklärung, die westlichen Demokratien, die Sache der Freiheit und der Menschenrechte, das alles habe seine Zeit gehabt, ruft uns die Seherin zum Abschied zu - bloße zweihundertfünfzig Jahre von vierzig Jahrtausenden Menschheitsgeschichte. Aber nun ist Schluss. Der neuen, bösen Wirklichkeit von Klimawandel, Dauerkriegen und globaler Klassengesellschaft hat die Kultur des Westens nichts Wesentliches entgegenzusetzen. „Sie wird an ihr scheitern.“ Das ist das Ende des Stücks. Kein Evoë, kein Requiem - Weltuntergang! Immerhin, wir waren dabei.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Kassandrastimme gehört Harald Welzer, der am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen Gedächtnisforschung betreibt und an der Universität Witten/Herdecke Sozialpsychologie lehrt. Mit seinem „Klimakriege“-Essay hat Welzer die beiden Reizthemen des neuen Jahrhunderts zu einem veritablen Angstpaket zusammengeschnürt. Das Buch ist ersichtlich nicht für Leute geschrieben, die um versiegende Brunnen und verdorrende Weidegründe kämpfen oder dem nächsten Hurrikan entgegenbangen. Es gilt dem umweltbewussten Mitteleuropäer, der seinen Müll trennt, mit dem Fahrrad zum Einkaufen fährt, auf unnötige Flugreisen verzichtet und hofft, seinen Kindern und Enkeln so das Schlimmste am Klimawandel ersparen zu können.

          Das Klima rächt sich

          Für diesen Leser hält Welzer eine bittere Wahrheit bereit: Es reicht nicht! Alles vergebens. Denn für jede Tonne Kohlendioxid, die bei uns eingespart wird, blasen Chinesen, Inder und Südamerikaner drei in die Luft. Und selbst wenn die Umweltzerstörung wider Erwarten zum Stillstand käme, blieben ihre Folgen noch mehrere Generationen lang spürbar - allerdings nicht dort, wo am meisten vom Naturreichtum verbraucht wird, sondern in den Elendszonen des Globus: Afrika, Südostasien, Ozeanien.

          Das Klima rächt sich an seinen Verbrauchern, aber zu spät und am falschen Ort. Wo seine Rache indessen hinfällt, wo die Wüste wächst, der Urwald stirbt, das Meer die Reisernten verschlingt, da flammt eine neue Form von Gewalt auf: Boden- und Wasserverteilungskriege wie in Darfur, Übervölkerungskriege wie beim Genozid in Ruanda, Banditenkriege wie in Somalia. Diese Konflikte - sofern sie nicht durch massive militärische Intervention erstickt werden - fressen sich fest, sie verwandeln sich in Dauerkriege, vor denen immer mehr Menschen ins Ungewisse flüchten. Die Robustesten unter ihnen lassen sich von Schleusern an die Ränder der westlichen Wohlstandswelt bringen, wo sie vor Hochsicherheitszäunen, an schwer bewachten Stränden und zu Festungen ausgebauten Grenzübergängen scheitern.

          Die Hinterbühne der Gesellschaft

          All das ist nicht neu. Neu ist das Panorama, zu dem Welzer die einzelnen Aspekte der Krise ergänzt. Er will nicht weniger als eine Soziologie des Klimawandels entwerfen: eine Skizze der sozialen Katastrophe, die durch die Veränderungen der natürlichen Lebensräume ausgelöst werde. Dabei nimmt er drei historische Menetekel als Zeichenvorlagen. Das erste, jüngste ist der Wirbelsturm „Katrina“, der im August 2005 die amerikanische Stadt New Orleans zerstörte. In kürzester Zeit brach damals die öffentliche Ordnung zusammen, es kam zu Plünderungen, Schießereien, Vergewaltigungen. Dieser Blick auf die „Hinterbühne der Gesellschaft“, so Welzer, werde uns in Zukunft öfter geboten werden - wenn auch meistens im Fernsehen. Denn die ökologischen Lasten sind zwischen Reisbauern und Besitzern von Flachbildschirmen ungleich verteilt: „Während die einen ferne Ängste in Bezug auf die Zukunft ihrer Enkel entwickeln müssen, sterben schon die Kinder der anderen.“

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