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Klaus Lieb: Interessenkonflikte in der Medizin Wir hätten da einen Karrierebeschleuniger für Frau Doktor

 ·  Die Hersteller von Medizinprodukten wissen sich ihrer Klientel anzudienen. Ein exzellenter Sammelband durchleuchtet das Beziehungsgeflecht zwischen Ärzten und der Pharmaindustrie.

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Käufliche Ärzte erregen meist erst dann Aufmerksamkeit, wenn offensichtliche Betrügereien im Spiel sind, wie beim Herzklappenskandal. Das ist jedoch nicht das Hauptthema des Sammelbandes „Interessenkonflikte in der Medizin“. Er zeigt vielmehr, dass die Light-Variante der Bestechlichkeit im Gesundheitssystem unterschwellig überall lauert und warum unabhängige Mediziner eher zu Losern als zu Vorbildern werden.

Nahezu alle Medizinprodukte werden von Ärzten verordnet, benutzt oder auf ihre Empfehlung hin angeschafft. Das gilt nicht nur für Arzneien, sondern auch für den Laser, das Operationsbesteck oder die Zahnfüllung. Infolgedessen möchten sich die Hersteller die Türsteher der Marktsegmente gewogen machen. Dass der vorliegende Band überwiegend das Beziehungsgeflecht zwischen Pharmaindustrie und Ärzten durchleuchtet, liegt nicht zuletzt daran, dass dieses am besten erforscht ist.

Nicht frei von Einflüsterungen

Umschmeichelt ist die Zunft von Anfang an. Sechsundfünfzig Prozent der amerikanischen Medizinstudenten berichten im dritten Jahr von drei oder mehr Pharmakontakten. Hierzulande geben sich rund sechzehntausend Pharmareferenten, früher hießen sie Vertreter, jährlich bei etwa zwanzig Millionen Besuchen bei Ärzten die Klinke in die Hand. Sie überreichen Schreibwaren, Medikamentenproben und Essenseinladungen, auch teure Reisekosten zu Kongressen werden übernommen. Nur vier Prozent der befragten Ärzte gaben an, keinerlei Geschenke anzunehmen. Der Außendienstmitarbeiter lernt, wie man sich dem Arzt als Freund präsentiert, er selbst soll sein Gegenüber indes psychologisch gewappnet als Kunde betrachten.

Die eigentlichen Objekte der Begierde sind die Meinungsführer unter den Ärzten, deren Einfluss sich insbesondere in Therapie-Leitlinien niederschlagen kann. Leitlinien legen fest, welche Medikamente als erste Wahl zu gelten haben. Wie viel Einfluss ihnen zugemessen wird, lässt sich an der amerikanischen Antithrombose-Leitlinie zur Verhinderung von Gerinnseln ablesen. Noch die achte Version wurde als unzureichend, weil nicht frei von Einflüsterungen, eingestuft.

Der Industriepartner ist stets an deiner Seite

Ein umworbenes Terrain ist auch die ärztliche Fortbildung. Auf medizinischen Fachkongressen gibt es spezielle, von der Industrie finanzierte Satellitensymposien. Während Vorträge auf den übrigen Veranstaltungen unentgeltlich gehalten werden, honoriert man die handverlesenen Redner auf Industriesymposien großzügig. So verwundert es nicht, wenn sie die vom Sponsor hergestellten Medikamente als besonders wirksam anpreisen, die Darstellung der Erkrankung wird förmlich darauf zugespitzt. Auf großen Kongressen kann es vorkommen, dass ein geschickter Experte auf dem Symposion des einen Herstellers die Vorteile des Mittels X hervorhebt, eine Stunde später diejenigen des Mittels Y der Konkurrenz, mit jeweils perfekt angepassten Argumenten und vorgefertigten Power-Point-Illustrationen des jeweiligen Sponsors.

Nicht nur das Geld begünstigt solche intellektuellen Volten, wie man in den vielschichtig argumentierenden Beiträgen nachlesen kann. Der Experte ist längst auch innerlich dem Industriepartner verpflichtet, denn er wurde in langjähriger Kooperation, was er ist. Forschungsarbeiten sind häufig auf Arzneien bezogen, auf deren Testung am Patienten - eine Studie prüft, ob ein Mittel den Bluthochdruck senkt, eine Impfung tatsächlich vor der Infektion schützt. Damit beginnt man als Doktorand, damit macht man als Assistenzarzt weiter, und die Früchte erntet man als Klinikdirektor.

Bestehen auf kritischer Berichterstattung

Wer sich darauf einlassen möchte, dem schnürt die Industrie ein Servicepaket für die Karriere: „Ghost management“ nennt sich die Konzeption und Auswertung von Medikamentenstudien, deren Schlussfolgerungen meist günstiger ausfallen als bei der Überprüfung mittels unabhängig finanzierter Forschung. Ghostwriter der Firma übernehmen zu guter Letzt auch das Verfassen der auf solchen Studien fußenden wissenschaftlichen Artikel für eine Veröffentlichung in Fachzeitschriften. Davon benötigt der Mediziner wiederum möglichst viele, um sich auf Chefarztstellen zu bewerben, von denen aus er immer wieder gern für einschlägige Fortbildungsveranstaltungen gebucht wird, um seinen Fachkollegen die Vorteile einer neuen Substanz zu erläutern.

Aus Gerichtsakten um das wegen seiner Risiken vom Markt genommene Schmerzmittel Rofecoxib (Vioxx) geht hervor, dass in Fachartikeln über diese Substanz siebenundsiebzig Prozent der an prominenter Stelle genannten „Autoren“ erst bemüht wurden, nachdem das Manuskript dafür bereits geschrieben war. Weil auch die meisten medizinischen Fachzeitschriften von der Werbung der Industrie abhängen, ist folgerichtig ein eigenes Kapitel der heiklen Frage gewidmet, wie nachdrücklich sie auf einem Outing ihrer Autoren und auf kritischer Berichterstattung bestehen können.

Der Intensivmediziner kann unbehelligt arbeiten

Das Buch möchte, wenn schon nicht „das Kind mit dem Bade ausschütten“, so doch offensichtlich Sand ins Getriebe solch reibungsfreier Bündnisse streuen. Es verweist auf unabhängige Fortbildungen, die unter dem Motto „Mein Essen zahl’ ich selbst“ dem internationalen Vorbild der „no free lunch“-Organisationen nachempfunden sind. Es nennt unabhängige Zeitschriften wie den „Arzneimittelbrief“, die sich an die Standards der „International Society of Drug Bulletins“ halten. Oft werden die Vereinigten Staaten als Vorbild zitiert. Dort erzwingt der „Physician Payments Sunshine Act“ von 2013 die Veröffentlichung einer Liste aller Ärzte, die mehr als hundert Dollar an Zuwendungen erhalten haben. Kodizes für den Umgang mit Interessenkonflikten sind dort ebenfalls besser verankert. Während in Deutschland Regeln für den Umgang mit der Pharmaindustrie, wie sie sich etwa die Psychiatrische Universitätsklinik in Mainz selbst gegeben hat, eher eine Rarität darstellen, haben in den Vereinigten Staaten neunzig Prozent der rund hundertfünfzig medizinischen Hochschulen vergleichbare Grundsätze veröffentlicht.

Dass vieles auch hierzulande in Bewegung ist, lässt sich allein daran ablesen, dass private Träger wie die „Helios“-Kliniken sich eigene Transparenzregelungen geben, die Fortbildung ihrer Mitarbeiter selbst zahlen und strikt zwischen Ärzten und denen, die Medizinprodukte einkaufen, trennen. Dort schneit jedenfalls kein Pharmavertreter herein, um dem Intensivmediziner ein neues Antibiotikum anzudienen. Auch die „Freiwillige Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie“ hat die Zeichen der Zeit erkannt und strikte Spielregeln formuliert. Die Vorschrift, dass Redner künftig nach der Gebührenordnung entlohnt werden sollen - ein im Vergleich zu früheren Gepflogenheiten mehr als magerer Satz - könnte für ein Aussterben von Satellitensymposien sorgen.

Die Zwecke heilen nicht die Beeinflussung

Wenngleich manche Kapitel verständliche Erklärungen für den medizinischen Laien vermissen lassen, wünscht man dem Buch viele Leser. Ein Manko ist allerdings, dass zwei Themenkreise ausgespart wurden. Das betrifft zum einen die inzwischen gut dokumentierten Versuche, die Selbsthilfegruppen zu Handlangern von Verkaufsstrategien zu machen. Zum anderen sind es die massiven Interessenkonflikte, die die Krankenkassen verursachen. Auch die Kassen bezahlen Rednern Honorare, auch sie entdecken Wissenschaftler als Werkzeuge, auch sie wollen ihre Ziele mit Hilfe der Ärzte durchsetzen. Man denke nur an die jüngsten, schamlosen Versuche, mehr Mitglieder als chronisch Kranke zu deklarieren, um mehr Geld aus den Gesundheitsfonds zu beziehen.

Nur weil die Kassen als Kostendämpfer und als Antipoden der Pharmaindustrie deren Kritikern als gleichsam natürliche Verbündete gelten, heiligen ihre Zwecke deshalb nicht jede Form der Beeinflussung. Die einen wollen verdienen, die anderen sparen, beides keine hinreichenden Ziele, für die sich Ärzte einspannen lassen sollten.

Klaus Lieb, David Klemperer, Wolf-Dieter Ludwig (Hrsg.): „Interessenkonflikte in der Medizin“. Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten, Springer-Verlag, Berlin und Heidelberg 2011, 300 S., Abb., br., 59,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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