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Klaus Heinrich Kohrs: Hector Berlioz’ „Les Troyens“ Hier hat man es mit einem Genie der Sensibilität zu tun

Vergil als Drama: Klaus Heinrich Kohrs spürt einem riskanten Unternehmen von Hector Berlioz nach und versenkt sich in die Monumentaloper „Die Trojaner“.

© Verlag

Das Herz von Hector Berlioz schlug im Zweivierteltakt: Sechzehntel, Achtel, Achtel, drei Sechzehntel. Synkopisch also. Unruhig. Aufgeregt. Er hat es notiert: am 9. Mai 1847 in Sankt Petersburg. An Franz Liszt, daheim in Paris, schickt er eilig die Zeilen: „Adieu, mein Lieber, ich kann Dir nicht mehr schreiben, mich packt wieder mein nervöses Zittern, und mein Herz schlägt diesen Rhythmus“ - dann kommt die Notenzeile - „und dem muss ich mich fügen.“

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Was sich wie ein ärztliches Bulletin liest, ist eine gezielte Überformung des Körpers durch Kunst. Beim notierten Rhythmus handelt es sich nämlich um ein leicht abgewandeltes Zitat aus der Oper „Iphigénie en Tauride“ von Christoph Willibald Gluck. Berlioz hat ihn bewundert, sich selbst in dessen Nachfolge gesehen. Dieser Brief macht die Verehrung also zur Herzenssache. Und wie die Kunst das Herz ergreift, damit das Herz die Kunst in ihrer ganzen Komplexität aufschließen kann - das ist das Thema der Werk-Monographie: „Hector Berlioz’ ,Les Troyens’“, verfasst von Klaus-Heinrich Kohrs.

Vergil galt als Genie der Sensibilität

Man würde bei dieser fünfstündigen Monumentaloper über den Trojanischen Krieg und die Flucht des Aeneas nach Karthago und Italien nicht sofort auf das Thema „Empathie“ kommen. Näher läge es, das Stück zeithistorisch als nationale Herkunftserzählung der Franzosen im zweiten Kaiserreich von Napoléon III. zu hören, mit dem Berlioz große Hoffnungen verband. Dass dieser tönende Koloss von 1858 seine Uraufführung in Karlsruhe erlebte, und zwar erst 1890, einundzwanzig Jahre nach dem Tod des Komponisten, lässt vermuten, dass auch für den wilhelminischen Nachbarn der Aspekt einer in die Vergangenheit verlängerten Größe von besonderem Interesse war.

Hector Berlioz © picture alliance Vergrößern Hector Berlioz

Nichts davon bei Kohrs. Ihm gelingt es anhand vieler Detailbeobachtungen - besonders der Klarinettensoli -, plausibel zu machen, dass „Les Troyens“ ein Großwerk des Mitleids, der Einfühlung, der wissenssatten Herzlichkeit sind. Berlioz, der das Libretto selbst schuf und sich damit der riskanten Aufgabe stellte, Vergils Epos der „Aeneis“ in ein Drama zu überführen, folgte mit diesem Unternehmen der französischen Sicht seiner Zeit auf den lateinischen Dichter: Vergil galt als Genie der Sensibilität, als „tendre Vergil“. Und dass in der Adaption von Berlioz die Figuren zu Mitleid füreinander fähig sind „vor allen Eröffnungen über Herkunft und Verdienst“, ist ein Befund, der nationale oder machtpolitische Lesarten der Oper eindrucksvoll durchkreuzt.

Ich habe mein Leben mit Halbgöttern verbracht

„Ein Dialog mit Vergil“ lautet der Untertitel der Monographie. Diesen Dialog wollen weder Berlioz noch Kohrs als herrische Aneignung verstanden wissen. Es gibt zwar viele Stellen, wo der Komponist erfand, was bei Vergil nicht stand: die Figur des Matrosen Hylas, den großen Monolog der Kassandra, das trunkene Liebesduett zwischen Dido und Aeneas. Aber immer ging es Berlioz dabei um Entfaltung dessen, was bei dem Dichter angelegt war. „Progressiven Klassizismus“ nennt Kohrs dieses Verfahren, Neues zu schaffen aus der liebevollen Bewunderung für das Alte, das als Aktuelles erfahren wird.

Etwas mehr Abstand zu seinem Gegenstand hätte dem Buch gutgetan, weil es in zu großer Nähe manchmal vergisst, sich an Dritte zu wenden. Es setzt intime Kennerschaft mehr voraus, statt sie mitteilbar zu machen. Und manchmal berauscht es sich sogar an ihr, was dann zu bildungssprachlichen Selbstverliebtheiten führt wie „Aeneas’ sardanapalesker Hyperbel“. Das ist gewiss nicht in gleicher Weise als Scherz gemeint wie jene Kontaktanzeige, in der Glenn Gould einmal eine Frau für „tristanesque trip taking“ suchte.

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Auch versteht man nicht, warum Kohrs vorab auf eine starke Thesenbildung verzichten will zugunsten reicher Detailarbeit. Zum Beispiel läge doch die These nahe, die mythologische Oper des neunzehnten Jahrhunderts als Versuch zu beschreiben, die profane Zeit abermals zu sakralisieren. Sinn kosmogonischer Riten sei es doch - so schrieb es Mircea Eliade -, für bestimmte Augenblicke wieder „Zeitgenosse der Götter“ zu werden. Genau diese Denkfigur findet sich, wenn Berlioz über die Figuren der „Aeneis“ schreibt: „Ich habe mein Leben mit diesem Volk von Halbgöttern verbracht.“ Das Buch von Klaus Heinrich Kohrs hält reiches Material bereit für eine musikalische Gegenstromerzählung zum Prozess der Säkularisierung.

Klaus Heinrich Kohrs: „Hector Berlioz' ,Les Troyens'". Ein Dialog mit Vergil. Stroemfeld Verlag/ Roter Stern, Frankfurt am Main 2011. 252 S., br., 28,- €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.12.2011, 16:20 Uhr