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Klaus Harpprecht: Arletty und ihr deutscher Offizier Die passionierteste seiner Kinolieben

Historisches Panorama mit französisch-deutschem Liebespaar in Kriegszeiten: Klaus Harpprecht schreibt ein Buch rund um den französischen Filmstar Arletty, bei dem die Titelfigur manchmal auf der Strecke bleibt.

© Verlag Vergrößern

Wäre dieses Buch eine Eselsbrücke deutsch-französischer Gegenliebe, müsste man sagen: Es wackelt. Doch ist es eher ein in sich verspiegeltes Spiegelporträt und wir können sagen: Es flimmert, und zwar reizvoll. Haben wir eine Biographie über den französischen Kinostar Arletty mit der spitzbübischen Weiblichkeit und dem losen Mundwerk vor uns? Die Durchleuchtung einer unzeitgemäßen Liebesaffäre zwischen der Schauspielerin und einem Wehrmachtoffizier? Oder die verborgene Bilanz einer dreißigjährigen Frankreichliebe seitens des Autors? Alles zusammen, man liest drei Bücher in einem.

Und fest stehen zwei Dinge. Der Autor ist der Darstellerin Arletty schon in jungen Jahren verfallen. Seitdem er 1947 den Film „Die Kinder des Olymp“ sah, blieb sie die „passionierteste seiner Kinolieben“. Als Blickfang für eine vertiefte Darstellung deutsch-französischer Wechselbeziehungen, auf die Klaus Harpprecht sich so gut versteht, ist die Dame mit ihrer sarkastischen Einsilbigkeit für alles Politische jedoch denkbar ungeeignet. So gerät die Lektüre zum Rösselsprung durch die Jahrzehnte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, bei der bald die Schauspielerin im Vordergrund steht, bald die Geschichtsereignisse die Oberhand gewinnen und von Arletty keine Rede mehr ist. Wie gesagt: reizvoll und originell.

Von Politik wollte Arletty nichts hören

Der Autor hat das Arbeiterkind aus der Pariser Vorstadt, das um 1920 ohne besondere Ausbildung zur Schauspielerei fand, genau studiert. Gertenschlank, beschreibt er sie, enge Taille, straffer Po, kleiner und fester Busen, Beine lang und wohlproportioniert, orientalisch dunkler Blick, glattes Haar à la Louise Brooks, insgesamt androgyne Erscheinung, latent lasziv: ganz, wie der Geschmack der zwanziger Jahre es wollte. Über diese Äußerlichkeiten hinaus stellt Harpprecht die Frau aber geschickt in den dichten Kontext der Zeit.

Da war der Durchbruch 1938 mit Marcel Carnés Film „Hôtel du Nord“, dessen Dreharbeiten durch die Sudetenkrise vorübergehend unterbrochen wurden und dessen Dialogrepliken - „Atmosphäre, Atmosphäre“ . . .- Arletty zur Ikone machten. Da folgte der Volksheldinnenfilm zwischen Revolution und Restauration, „Madame Sans-Gêne“, dessen Außenszenen im Juni 1941 im Château de Grosbois gedreht werden sollten, wo jedoch der Luftwaffenkommandeur Hanesse einquartiert war und wo dessen inoffizieller Protokollchef Hans-Jürgen Soehring der Anziehungskraft der Hauptdarstellerin zum Opfer fiel. Da kam die Krönung mit „Les Enfants du Paradis“, während dessen Premiere 1945 die Darstellerin der Garance wegen ihrer Liebe zum Deutschen fern von Paris unter Polizeikontrolle in Quarantäne saß.

Das Zusammensein Arlettys mit dem in Paris tätigen Armeerichter Hans-Jürgen Soehring dauerte keine drei Jahre. Es war die Liebe zwischen einer gut vierzigjährigen Frau und einem zehn Jahre jüngeren Mann, die alles andere auszublenden suchte. Am Kamin wurde gemeinsam der dank Arlettys Beziehungen besorgte Hummer geknabbert, während in Europa Krieg herrschte und das besetzte Paris hungerte und fror. Von Politik wollte Arletty nichts hören, Soehring nichts sagen. Er suchte später seine Erlebnisse literarisch zu verarbeiten, speziell in der Erzählung „Cordelia“. Der Autor Harpprecht muss also mit vielen offenen Fragen und Hypothesen auskommen. Sprachen die beiden miteinander über die Verbrechen der Nazis? Hatte Soehring, der für die Legion Condor in Spanien im Einsatz war, Picassos „Guernica“ gesehen? Hatte Arletty bei ihrem Berlin-Besuch im Sommer 1933 die Stimmung nach dem Reichstagsbrand und den ersten Beweisen politischer Verrohung, die sie in ihren Erinnerungen später nicht erwähnte, überhaupt bemerkt?

Weit ausholend, sorgfältig recherchiert

Harpprecht kann aber auf einen etwas redseligeren Zeitzeugen zurückgreifen: den Reservehauptmann Ernst Jünger, der ein ähnlich verdrücktes Vorbeischauen an den Nazi-Rohlingen wie die anderen uniformierten Frankreich-Vertrauten praktizierte und seine Privateindrücke im Tagebuch festhielt. Von Jüngers Impressionen schließt Harpprecht auf jene von Soehring - ein kühner Schritt. Überzeugender geraten ihm die eingestreuten Randbetrachtungen wie die über die Bedeutung des Kriegs für die sexuelle Befreiung der westeuropäischen Frauen: Männer zunächst abwesend, dann verschollen oder verstümmelt. Und die französischen Frauen, die je nach Schätzung während den Besatzungsjahren zwischen fünfundsiebzigtausend und zweihunderttausend Kinder von deutschen Vätern zur Welt brachten, haben laut Harpprecht auf paradoxe Weise schon der Aussöhnung Adenauers, Schumanns und de Gaulles vorgearbeitet.

Das weite Hintergrundwissen verleitet den im historischen Weitblick geübten Autor zu Betrachtungen, bei denen die Titelfigur seines Buchs oft auf der Strecke bleibt. Gewichtsverschiebungen zwischen deutscher West- und Ostfront, das Erwachen des französischen Widerstands, die Überorganisation des deutschen Führerstaats, der die frankophilen Stimmen eines Ernst Jünger, Friedrich Sieburg, Otto Abetz institutionell zerrieb, die Pariser Kunst- und Intellektuellenszene der Besatzungszeit von Picasso und Jean Paulhan bis Cocteau und Drieu La Rochelle - über Dutzende von Seiten verlieren wir den französischen Filmstar ganz aus den Augen, bis ein „Und Arletty?“ ihn in die Darstellung zurückholt. Bei einem Kenner der deutsch-französischen Kulturlandschaft, wie Klaus Harpprecht einer ist, blüht selbst das Krappblümchen - so die Übersetzung des Namens Garance aus den „Enfants du Paradis“ - zur bedeutungsträchtigen Zierpflanze auf. Die weit ausholende, hauptsächlich aus publizierten Quellen schöpfende, manchmal eigenwillig gewichtete, aber sorgfältig recherchierte Darstellung macht dieses Buch als Doppelbiographie, als historische Skizze und als persönlicher Rückblick auf eine sechzigjährige Frankreich-Liebe lesenswert.

Klaus Harpprecht: „Arletty und ihr deutscher Offizier“. Eine Liebe in Zeiten des Krieges“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2011. 441 Seiten, geb., 24,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 13.06.2011, 16:55 Uhr