04.02.2010 · Sie ist bunt, sie ist schön, sie ist grausam. Eine Reise in die Bildwelt des Amerikaners Henry Dargers zeigt: wir haben noch lange nicht alles gesehen.
Von Fabian GranzeuerDer Amerikaner Henry Darger lebte in Chicago, arbeitete manisch und starb unbekannt. Erst mit seinem Tod im Jahr 1973 beginnt die Geschichte seiner Kunst. Zeit seines Lebens malte er befreit von geltenden Kunstnormen, keine Spur vom Zwang zur ständigen formalen Erneuerung. Davon befreite ihn sein Alltag in beinahe vollständiger sozialer Isolation. Gedruckte Bilder aus Zeitungen und Büchern waren seine Obsession. Auf diesen Bildern gründet sich sein Werk. Überliefert ist es, wie auch manches biographische Detail, dank seines Vermieters Nathan Lerner.
Der verhinderte beim Räumen von Dargers Wohnung, dass dessen Besitz in den Abfallcontainer wanderte. Stattdessen stieß er frühe Ausstellungen der Aquarelle in den Vereinigten Staaten an. Dargers Panoramen sind randvoll mit Comic-Helden, Cowboys, Soldaten und vor allem mit Kindern. So wie in dem Ausschnitt aus „Jennie Richee. Storm continues. Lightning strikes shelter but no one is injured“. Die Individualität der Figuren ist Fiktion, denn Darger bedient sich eines unübersichtlichen Sortiments an Umrissen.
Ohne illustrierenden Zusammenhang
Seine großen Querformate zeigen die Opulenz der amerikanischen Popkultur ebenso wie deren Neigung zum Schematischen. Dazu kommen phantastische Erfindungen: Drachen, Hermaphroditen und Tornados. Seiner Erfahrung sind hingegen die extremen Gewaltszenen geschuldet. Mit ihnen bricht Dargers Biographie in den Bilderstrom ein, Spuren einer Kindheit, die durchsetzt von der Gewalt Erwachsener war. Einen opulenten Einblick in das Werk Dargers gibt jetzt ein von Klaus Biesenbach herausgegebener Bildband. Hier lässt sich Dargers Umgang mit Figuren detailliert nachvollziehen. Von der Vorlage zum Umriss, zum Schema und dann von den Schemata zu Figurengruppen, die sich offenbar willenlos als Figurenband durch phantastische Landschaften und Innenräume schlängeln.
Die Suche nach einer Halt gebenden Narration ist indes aussichtslos. Vage, eher assoziative Orientierungspunkte zum Inhalt liefern Dargers Texte und seine Bildinschriften. Aber zu glauben, dass es zwischen den Texten und Bildern einen klaren illustrierenden Zusammenhang gebe, ist ein Irrtum.Verwirrend wirkt noch ein anderer Umstand: Auch wenn Darger die Umrisse seiner Figuren immer wieder verwendet, achtet er peinlich genau auf die Variation ihrer Accessoires.
So übertrug Darger manche Figurengruppe gespiegelt von einer Blattseite auf die andere. Freilich mit einem anderen Hütchen hier oder einem anderen Kleidchen da. Wäre auch die Zweiseitigkeit von Dargers Panoramen im vorliegenden Bildband umgesetzt, es fehlte ihm nichts. So aber sollte er Platz im Gepäck eines jeden finden, der Dargers Originale sehen möchte. Man muss dazu nicht in die Vereinigten Staaten reisen. Die Collection de l'Art Brut in Lausanne ist aber eine unumgehbare Adresse.