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Relativitätstheorie : An diesem Buch ist alles erstaunlich

Kip Thorne bei der Pressekonferenz nach dem Erhalt des Nobelpreises für Physik Bild: AFP

Ein Lehrbuch über Einsteins allgemeine Relativitätstheorie, das es zum Status des Kultbuchs brachte? Das gibt es wirklich. Einer seiner Autoren erhielt sogar den Nobelpreis für Physik.

          Kip Thorne kann sich derzeit nicht beklagen. Der 77-jährige Physiker vom California Institute of Technology bekam gerade zusammen mit zwei Kollegen den diesjährigen Nobelpreis für Physik überreicht. Geehrt wird er für seinen Beitrag zur Entwicklung der „Ligo“-Detektoren, mit denen 2015 der erste direkte Nachweis sogenannter Gravitationswellen gelang. Im Jahr davor hatte Thorne über die Grenzen seines Faches für Aufsehen gesorgt, indem er den Regisseur Christopher Nolan bei der Konzeption seines hochgelobten Science-Fiction-Films „Interstellar“ wissenschaftlich beriet. Und jetzt ist auch noch ein von ihm mitverfasstes Buch wieder aufgelegt worden, für das er vor Nobelpreis und „Interstellar“ wohl bekannter war als für alles andere.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An „Gravitation“ von Thorne, John Archibald Wheeler und Charles W. Misner ist so ziemlich alles erstaunlich. Der Umfang von fast 1300 Seiten, das Gewicht von mehr als drei Kilo und der märchenhafte Erfolg. Dabei handelt es sich bei dem „big black book“ oder „the phone book“, wie es unter Studenten auch genannt wird, eigentlich um ein akademisches Lehrwerk, einen mit mathematischem Formelwerk gespickten Fortgeschrittenenkurs in einer der anspruchsvollsten Teildisziplinen der theoretischen Physik: der von Albert Einstein entwickelten modernen Theorie der Schwerkraft, einem Feld obendrein, das bis vor kurzem noch im Ruf besonderer Anwendungsferne stand.

          Trotzdem wurde das Buch in den ersten zehn Jahren nach seinem Erscheinen im September 1973 mehr als 50.000 Mal verkauft – in einer Zeit, da weltweit jährlich nur wenige tausend Menschen in Physik promoviert wurden. Und bevor der Verlag nach einer Reihe von Übernahmen durch andere Häuser den Nachdruck 2015 einstellte, wurden jedes Jahr noch etliche hundert Exemplare abgesetzt. Nun hat Princeton University Press die Rechte erworben und „Gravitation“ als Hardcover wieder herausgebracht – zu einem Preis, rund fünfzig Euro, der inflationsbereinigt deutlich unter dem der Paperback-Ausgabe von 1973 liegt.

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          Dieser seltsame Erfolg kündigte sich schon bald nach Erscheinen an. Eine außergewöhnliche Zahl außergewöhnlich hymnischer Rezensionen wurde verfasst, aber auch Besprechungen, in denen sich zum Beispiel der spätere Nobelpreisträger Subrahmanyan Chandrasekhar an dem oft saloppen Stil der Autoren stieß oder an ihrer eigenwilligen Art, den Lehrstoff zu organisieren: Einsteins Theorie wird hier nämlich auf zwei Pfaden angeboten, einem vergleichsweise schnellen für den (freilich unerschrockenen) Einsteiger und einem, der viele zusätzliche mathematische und physikalische Sehenswürdigkeiten im Programm hat – zum Preis erheblich höheren Aufwandes. Zudem wird ausgiebig von Infokästen Gebrauch gemacht, wie in modernen Schulbüchern. Mit der linearen Methodik traditioneller Lehrbücher hat das tatsächlich nicht mehr viel zu tun, und ein Rezensent fühlte sich sogar an die Erzähltechnik avantgardistischer französischer Filme erinnert.

          Die Resonanz auf das Erscheinen von „Gravitation“ beschränkte sich jedoch nicht auf die Fachwelt. So steht jener Vergleich mit der Nouvelle Vague in der „Washington Post“, die den Band sechs Monate nach Erscheinen einer ganzseitigen Besprechung für würdig befand, und selbst in einer Lokalzeitung im texanischen San Antonio hat der Wissenschaftshistoriker David Kaiser vom MIT, der zu der vorliegenden Neuauflage ein Vorwort beisteuert, einen Artikel zu „Gravitation“ gefunden.

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