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: Kino intim

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Zweiundsiebzig Jahre hat es gedauert, bis dieses Buch endlich erschienen ist. Als sein Autor Hanns Brodnitz 1933 die Druckfahnen vom Erich Reiss Verlag erhielt, war es bereits zu spät für eine Veröffentlichung dieser Memoiren eines jüdischen Kinomachers. Aber die Fahnen haben überlebt: Ein Sammler ...

          Zweiundsiebzig Jahre hat es gedauert, bis dieses Buch endlich erschienen ist. Als sein Autor Hanns Brodnitz 1933 die Druckfahnen vom Erich Reiss Verlag erhielt, war es bereits zu spät für eine Veröffentlichung dieser Memoiren eines jüdischen Kinomachers. Aber die Fahnen haben überlebt: Ein Sammler hatte sie 1990 von der Witwe eines Literaturkritikers erworben und an Gero Gandert vom Filmmuseum Berlin weitergegeben. Dort hat Wolfgang Jacobsen für die Zeitschrift "FilmExil" eine Biographie von Brodnitz zusammengetragen, und gemeinsam haben die beiden nun Vor- und Nachwort zu dem wunderbaren Buch verfaßt, das nun endlich im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen ist.

          Hanns Brodnitz, 1902 als Sohn eines Textilkaufmanns in Berlin geboren, hatte früh versucht, als Filmkritiker zu landen, und dann seine Leidenschaft fürs Kino umgelenkt, indem er Filmtheaterbetreiber wurde. Schon mit einundzwanzig übernahm er das Kino Mozartsaal am Nollendorfplatz, zwei Jahre später kamen Capitol und Marmorhaus dazu, und mit sechsundzwanzig wurde Brodnitz Kinodirektor der Ufa. Er war der umtriebigste Kinomacher der Weimarer Republik, der Chaplin in Berlin populär machte und überhaupt ein Faible für amerikanische Filme hatte. Dem Helden seines Buches hat er zwar ein Pseudonym gegeben, aber es ist klar, daß es sich um seine eigenen Erinnerungen handelt, die schon deswegen viel anschaulicher sind als vergleichbare Texte, weil ihr Stoff in erster Linie der Alltag des Kinobetriebs ist und es erst in zweiter Linie die Filme selbst sind.

          Verblüfft realisiert man beim Lesen, wie jung das Kino und wie neu der Tonfilm damals noch waren - und wie sehr die Probleme bereits den heutigen ähnelten. All die Klagen über Produktionen, die sich nur auf bewährte Rezepte verlassen, könnte man umstandslos aufs Jahr 2005 anwenden. Und auch das wunderbare Kapitel über die Kurzlebigkeit des Filmruhms und die unbarmherzige Vergeßlichkeit des Publikums klingt enorm vertraut. Aber das schönste sind die Schilderungen vom lebendigen Umgang mit dem Kino: von den Tumulten, wenn der Film nicht gefiel und die Kassierer bedrängt wurden; von dem Agenten Sam Rachman, der, als "Charleys Tante" durchfiel, im spärlich besetzten Saal aufstand, "wie wahnsinnig klatschte und ins erschrockene Publikum schrie: ,Mir gefällt's!'"; vom Dakapo, das es für Chaplins Brötchentanz im "Goldrausch" und Harold Lloyd in "Ausgerechnet Wolkenkratzer" gab; aber auch von den SA-Horden, die "Im Westen nichts Neues" durch Pöbeleien und ausgesetzte weiße Mäuse zum Abbruch brachten.

          Das war der Anfang vom Ende. Ab 1938 mußte sich Hanns Brodnitz verstecken, 1944 wurde er in Auschwitz umgebracht. Sein herrliches Buch hat überlebt.

          MICHAEL ALTHEN

          Hanns Brodnitz: "Kino intim". Eine vergessene Biographie. Jüdische Memoiren Band 14. Hentrich & Hentrich, Teetz 2005. 252 Seiten, Abb., 24,- [Euro].

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