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Ein Kinderarzt empört sich : Wie aus Kindern Therapiefälle werden

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Wird da am Ende einer auffällig? Bei Tisch in einer Berliner Kindertagesstätte Bild: Gerhard Westrich/laif

Auditive Sprachstörung, Dyskalkulie oder ADHS? Wehe, wenn die Kita-Erzieherin ihre Diagnosen stellt: Der Kinderarzt Michael Hauch warnt vor der Lösung pädagogischer Probleme mit dem Rezeptblock.

          Von der Jahrtausendwende bis zum Jahr 2011 stieg in Deutschland die Zahl der Physiotherapeuten von 23.000 auf 63.000. Im selben Jahrzehnt vermehrten sich hierzulande die Logopäden und Ergotherapeuten von 24.000 auf 58.000. Im Jahr 2013 verordneten Ärzte drei Millionen ambulante Physio-, Ergo- und Logopädie-Therapien für Kinder mit insgesamt 25 Millionen einzelnen Therapieeinheiten. Honi soit qui mal y pense? Der langjährig erfahrene Kinderarzt Michael Hauch findet das nicht. Dass der Markt die Nachfrage schürt, spielt seiner Ansicht nach für die Therapieinflation in der Kinderheilkunde ebenso eine Rolle wie die anderen Ursachen, die er in seinem Buch beleuchtet.

          Laut einer Krankenkassenstatistik der AOK, auf die er sich beruft, müssen 44,6 Prozent der Jungen und 31,5 Prozent der Mädchen irgendwann bis zum Erreichen ihres 15. Lebensjahres mal zum Logopäden, zum Ergotherapeuten oder in die Krankengymnastik. Eine bayerische Statistik weist sogar nach, dass die Kohorte der völlig gesund geborenen Kinder etwa genauso häufig derartige Behandlungen verordnet bekommt wie eine Gruppe von Gleichaltrigen, die mit echtem körperlichem Handicap und/oder Geburtsrisiken zur Welt kamen. Sind wir das Volk der kranken Kinder? Zumindest sind wir das Volk der krankgeschriebenen Kinder, so das Fazit dieser Kritik.

          Im Handumdrehen wird das Kind zum Problemfall

          Der engagierte Pädiater schreibt sich regelrecht in Rage über Kinder, die nur deshalb zu Kranken mutieren, weil vielleicht eine Kita-Erzieherin vorschnell im Kästchen über sprachliche Entwicklung ihr Kreuzchen an der falschen Stelle macht. Wie schlimm das endet, weiß sie schließlich von der Logopädin, die in ebenjener Kita vor kurzem über die Segnungen ihrer Therapien berichtet hat und mahnte, wie rasch sich alle möglichen Entwicklungs- und Behandlungszeitfenster schließen. Denn während Ärzte nicht für sich werben dürfen, können Krankengymnasten und andere Therapeuten ihre Dienste anpreisen, naturgemäß dort, wo sie ihre Klientel vermuten.

          Wenn dann die Kita-Angestellte ihr niederschmetterndes Urteil den Eltern mitteilt und mit sorgenvollem Blick die düsteren Zukunftsaussichten für ein zurückgebliebenes Kleinkind schildert, dazu den Flyer der Praxis gleich hilfreich zu Hand hat, stehen die Eltern in Panik, und eventuell ausgerüstet mit einer Liste weiterer Mankos ihres Kindes - am nächsten Morgen bei Hauch in der Praxis mit der Bitte um ein Logopädie-Rezept. So wird gleichsam im Handumdrehen, das schildert der Kinderarzt in zahlreichen weiteren Beispielen, aus einem Kind, das sich lediglich in einer einzigen Funktion leicht abweichend von der Norm entwickelt, ein therapiebedürftiger Patient.

          Ohne Nummer keine Therapie

          Wenn es überhaupt eine Abweichung ist. Denn, da spart Hauch nicht mit Kritik, über die Güte der Kriterien, mit denen die Kinder bewertet werden, macht sich die Gesellschaft viel zu wenig Gedanken. Zwar benutzen heutzutage Kita-Mitarbeiterinnen und Grundschullehrerinnen Begriffe wie auditive Sprachwahrnehmungsstörung, Dyskalkulie und ADHS mit großer Selbstverständlichkeit. Über deren Bedeutung und Tragweite sind sich indes die wenigsten im Klaren. Die meisten Tests, mit denen die Kinder inzwischen in Kitas traktiert werden, halten einer wissenschaftlichen Validierung nicht stand, noch dazu strickt sich so manche Einrichtung mitunter ohne ausreichende Sachkenntnis ihre eigenen Kriterien. Der offizielle Delfin-Sprachtest für Vorschulkinder zeigt, mit wie viel Dilettantismus man hier auf jeder Ebene rechnen muss: Seit 2007 wurde in Nordrhein-Westfalen das Sprachvermögen der Vierjährigen damit klassifiziert; aufgrund der Proteste von Wissenschaftlern, die bezweifelten, dass der Test überhaupt die Sprachfähigkeit messe, wurde dies 2013 eingestellt. Bundesweit gibt es 21 weitere Sprachtests, deren Eignung derzeit überprüft wird, die Ergebnisse dieser Test-Testung werden 2018 erwartet.

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