http://www.faz.net/-gr3-x83m

: Kinderland abgebrannt

  • Aktualisiert am

Beginnen wir mit einem Zitat: "Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und ...

          Beginnen wir mit einem Zitat: "Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer." Was sich liest, als stünde es in dem Buch des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff, das unter dem Titel "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" derzeit für Diskussionen sorgt, ist in Wahrheit zweieinhalb Jahrtausende alt und stammt von Sokrates.

          Winterhoffs Befund klingt indes ganz ähnlich: Die Kinder des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind demnach narzisstisch gestört, nicht mehr lern- und leistungsbereit und agierten rein lustorientiert. Über die Ansätze dieser alten Zöpfe lässt sich natürlich immer trefflich streiten. Die Erziehungswissenschaft tut dies seit jeher, und verlässlich ist dabei allein der Wandel: von der autoritären zur antiautoritären Erziehung, vom Frontalunterricht zur Gruppenarbeit, vom Zwang hin zur Freiheit. Auf die Ächtung der Erziehung folgt dann wieder der Ruf nach Ordnung, eben das Lob der Disziplin.

          Jetzt ist es also Michael Winterhoff, der es mit seinen Überlegungen, warum sich unsere Kinder zu "Monstern" entwickeln, "vor denen wir im Alltag immer häufiger mit einer großen Fassungslosigkeit stehen", in die Bestsellerlisten geschafft hat. Winterhoff sieht Deutschland im "Höllenritt" auf eine Katastrophe zusteuern. Mit Übertreibungen solcher Art will der Autor offenbar Aufmerksamkeit erregen, doch lenkt er damit vor allem von einigen seiner durchaus bedenkenswerten Thesen ab.

          Tatsächlich verzeichnet die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung seit ein paar Jahren einen Anstieg der Anfragen, dreißig Prozent aller Kinder und Jugendlichen befinden sich heute in Behandlung von Ergotherapeuten, Logopäden und Psychotherapeuten, und ein Viertel aller Schulabgänger hat Schwierigkeiten während der Ausbildung. Anders als früher, so Winterhoffs Resümee nach dreißig Jahren psychiatrischer Praxiserfahrung, könnten viele Kinder heute nicht mehr richtig sprechen, sich nicht mehr konzentrieren, seien motorisch unterentwickelt und unfähig zu Freundschaft: "Jeder Zugang zu ihnen scheint unmöglich geworden zu sein, sie terrorisieren ihre Umwelt mit einem inakzeptablen Verhalten und sind gegen Steuerungsversuche von außen absolut immun." Ihr Sozial- und Leistungsverhalten sei viel schlechter als das vergleichbarer Altersgruppen vor fünfzehn Jahren. Und während die Öffentlichkeit verhaltensauffällige Kinder allzu oft in verwahrlosten Verhältnissen verortet, begegnet Winterhoff in seiner Sprechstunde immer häufiger Kindern aus sogenannten intakten Familien, deren Eltern sich besonders liebevoll um den Nachwuchs bemühen.

          Gerade darin liegt für den Autor ein großes Problem, das er auf dem Feld der Tiefenpsychologie und der Psychiatrie diskutiert: Nicht die Kinder sind demnach krank und müssen therapiert werden; vielmehr sind es die Eltern, deren beziehungsgestörtes Verhalten dazu führe, dass Kinder oftmals psychisch unterentwickelt sind. "Die heutige Misere ist deshalb keine Bildungsmisere, sondern eine Beziehungsmisere", glaubt der Kinderarzt. Weil Kinder heute nicht mehr geführt, in ihrem Verhalten gespiegelt und also geschützt, sondern durch Kumpelei der Erwachsenen um ihre Entwicklung gebracht würden: Eltern machten sich Kinder als kleine Erwachsene ebenbürtig und überforderten sie damit restlos. Eltern verwechselten Geborgenheit mit Grenzenlosigkeit und wollten in einer Gesellschaft, die Bedürfnisse nach Anerkennung und Ordnung kaum erfüllt, die innere Leere mit der Liebe ihrer Kinder kompensieren. Dass die Kinder zum Partner erhoben werden und als Zuwendungslieferant herhalten müssen, stellt für Winterhoff einen emotionalen Missbrauch an Kindern dar auf den Stufen der Partnerschaft, Projektion und Symbiose. Er fordert, Kinder wieder als Kinder wahrzunehmen, was freilich schon Rousseau nicht anders empfahl.

          Weitere Themen

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Wahlchaos in Florida : Erinnerungen an Bush gegen Gore

          In Florida werden die Stimmen für die Senats- und die Gouverneurswahl neu ausgezählt. Donald Trump spricht schon von Betrug. Böse Erinnerungen werden wach.
          Der Kult-Comicautor Stan Lee

          Ganz normale Superhelden : Kult-Comicautor Stan Lee ist tot

          Im Wettkampf am Zeitungskiosk war Stan Lee eine treibende Kraft, die Charaktere sprudelten aus dem Comicautor nur so heraus. Viele seiner rund 350 Figuren waren menschlicher und nahbarer als die der Konkurrenz. Die Comic-Welt verliert einen Helden unter Superhelden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.