29.01.2008 · Brachialkomiker Ingo Appelt als Erziehungsexperte, Christian Ulmen als Enthüllungsjournalist: Hape Kerkelings Erfolg vor Augen, versuchen sich etliche Fernsehmenschen neuerdings als Buchautoren.
Von Jörg ThomannEs ist ein „außergewöhnlicher Reisebericht“, den uns der Rowohlt Verlag in seiner Programmvorschau verspricht, „charmant, humorvoll und spannend“. Der Verfasser Jan Josef Liefers, im Hauptberuf Schauspieler unter anderem im Münsteraner „Tatort“, wird uns erzählen von seiner Motorradreise durch Südamerika von Ecuador bis nach Patagonien - „10.000 Kilometer der Unwägbarkeiten und Gefahren“. Als unwägbar und gefährlich hat sich in der Tat schon der Beginn der Tour erwiesen. Anfang des Jahres verunglückte Liefers unweit von Lima mit seinem Gefährt, brach sich das Schlüsselbein und zwei Rippen. Die Reise ist bis auf weiteres verschoben - und womöglich auch der anvisierte Erstverkaufstag des Buches, der 1. Oktober. Der Titel des Werks wiederum hat eine eigentümliche Doppeldeutigkeit gewonnen: „Komme gleich wieder“ soll es heißen.
Das ist natürlich eine Anspielung, eine direkte Antwort gar auf das erfolgreichste deutsche Sachbuch seit Menschengedenken. Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ straft nach wie vor seinen Titel Lügen, steht wie festbetoniert an der Spitze der Bestsellerliste und ist inzwischen 2,7 Millionen Mal verkauft worden. Seinem Autor, der außerhalb des Fernsehschirms ein sehr zurückhaltender, höflicher Mensch sein soll, dürfte dieser Erfolg fast peinlich sein - zumal angesichts der Konsequenzen, die sich zunächst auf dem arg ausgetretenen Jakobsweg und jetzt auch auf dem Buchmarkt abzeichnen. Was jenem eine Vielzahl von Pilgern deutscher Zunge, ist diesem eine Fülle überraschender Sachbuchdebütanten.
Wickert als Vorreiter
Fernsehleute als Sachbuchautoren - einer der Vorreiter dieses Trends war Ulrich Wickert. Anders als er schreibt der typische Fernsehjournalist gar keine Bücher oder allenfalls solche über Länder, in denen er als Korrespondent gewirkt hatte. Wickert aber hat sich mit seiner Eigenschaft, ein gerne gesehenes Gesicht zu sein, früh als Verfasser grundsätzlicher politik- und gesellschaftskritischer Betrachtungen etabliert: von „Freiheit, die ich fürchte“ (1981) bis zu „Gauner muss man Gauner nennen“ (2007). Gewiss haben Wickerts geistige Fertigkeiten manchen Bücherfreund zum Erwerb seiner Werke animiert, doch darf als wichtigster Kaufanreiz getrost unterstellt werden, dass hier „der Wickert aus dem Fernsehen“ schrieb. Seine Kollegen aus den Nachrichtenjournalen folgten ihm. Petra Gerster beklagte den „Erziehungsnotstand“ (2001) und widmete sich mit der „Reifeprüfung“ (2007) der „Frau von 50 Jahren“, Peter Hahne steht mit „Schluss mit lustig!“ (2004) seit 147 Wochen in den Bestsellerlisten. Eva Herman hat sich ganz aufs Sachbuchschreiben verlegt, was jedoch bekanntlich keine ganz freiwillige Entscheidung war.
Doch es sind nicht nur Journalisten, die ihren Fernsehruhm in Bestseller ummünzen wollen. Schauspieler oder Moderatoren, die früher einzig ihre Memoiren veröffentlichten, sehen sich aufgerufen, uns ihre unbekannten Seiten zu zeigen. Sie lassen uns an ihrem Kampf mit dem eigenen Körper teilhaben wie Susanne Fröhlich, die dem „Moppel-Ich“ gleich das „Runzel-Ich“ hinterherschickte. Sie verfassen, wie Harald Schmidts vom Bildschirm verdrängter Redaktionsleiter Manuel Andrack, ein Wanderbuch nach dem nächsten. Sie klären uns auch über exotischere Hobbys auf wie die Komiker Wigald Boning (über den Nachtsport) und Bernhard Hoëcker (übers „Geocoaching“). Sachbücher mit thematisch gestaltetem Cover könnten, wenn der Trend sich fortsetzt, zur Minderheit werden gegenüber jenen, die das Foto ihres prominenten Schöpfers ziert.
Ulmen als Wallraff-Nachfolger
Am konsequentesten schreitet auf dieser Linie der Rowohlt Verlag mit seinen Taschenbüchern voran. Seine Programmbroschüre gleicht streckenweise einem Fernsehlexikon. Der einstige Viva-Star Tobias Schlegl kündigt unter dem Titel „Zu spät?“ eine „Inspektion“ der jungen Deutschen an (Juni 2008). Der bislang eher für Leichtes bis Seichtes bekannte Schauspieler Walter Sittler („Girlfriends“) übt die Rolle als Aufklärer mit „Wem gehört die Politik? Unsere Unmündigkeit muss ein Ende haben“ (September). Da überrascht es nicht mehr, dass das Erbe Günter Wallraffs ebenfalls ein Fernsehgesicht antritt: Christian Ulmen schildert in „Inkognito“ (Oktober), wie er sich unter falschem Namen als Praktikant in einer noch ungenannten Firma verdingte. Der Brachialkomiker Ingo Appelt schließlich mischt sich mit „Dreckskerle und Söhne“ (Juni) in die Erziehungsdebatte ein. Bei Pro Sieben verlor er einst seine Show, nachdem er seine Gäste mit Kinderpuppen auf eine Torwand schießen ließ; ein gewisses Expertentum für das Gebiet wird man ihm mithin nicht absprechen können.
All diese Bücher werden ihre Käufer finden, das eine oder andere mag sich durchaus als lohnende Lektüre erweisen. Aber ein wenig beunruhigend ist es schon, wenn Verlage bei der Wahl ihrer Spitzentitel mehr auf die Fernseh-Prominenz des Autors achten als auf das, was er inhaltlich zu bieten hat. Nach dem verlegerischen Kriterium der Bildschirmpräsenz läuft jetzt alles auf die Frage zu: Wann wird Günther Jauch, der in Umfragen seit Jahren zum Bundespräsidenten gekürt wird, zur Feder greifen?
Die wichtigsten Sachbücher in Rezensionen der F.A.Z.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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