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: Kaum entdeckt und schon ganz gut gedeutet

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Kein Zweifel: Es war eine Sternstunde für die Wissenschaft, als am Karfreitag des Jahres 2002 bei Ausgrabungen im antiken Athener Vorort Kerameikos ein Arbeiter während der Freilegung eines Wasserkanals auf die linke Schulter und die Perllockenfrisur eines marmornen Kuros stieß. Eigentlich wollten ...

          Kein Zweifel: Es war eine Sternstunde für die Wissenschaft, als am Karfreitag des Jahres 2002 bei Ausgrabungen im antiken Athener Vorort Kerameikos ein Arbeiter während der Freilegung eines Wasserkanals auf die linke Schulter und die Perllockenfrisur eines marmornen Kuros stieß. Eigentlich wollten die Archäologen nur mittels einiger Sondagen die Chronologie des Heiligen Tores genauer klären. Der ersten Überraschung jedoch folgten weitere, als nicht nur die erstaunlich gut erhaltene Jünglingsstatue geborgen werden konnte, sondern noch weitere Zeugnisse archaischer Bildhauerkunst aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus ans Tageslicht kamen.

          Am Ende der Ausgrabung lagen vor den Augen der Wissenschaftler - aufgereiht wie eine Jagdstrecke - die imposanten Fragmente einer Sphinx und zweier Löwen; dazu die Teile einer ionischen Säule mit Kapitell und eines großen dorischen Kapitells - alles aus Marmor (F.A.Z. vom 11. Mai 2002). Es ist das umfangreichste Ensemble attisch-archaischer Plastik, das seit den berühmten Funden aus dem "Perserschutt" auf der Athener Akropolis entdeckt wurde.

          Erfreulich ist, daß nun - entgegen häufiger Übung - der Fund bereits kurz nach seiner Entdeckung in erstaunlich ausführlicher Form der Öffentlichkeit und der Fachwelt vorgestellt wird. In dem Band "Der Kuros vom Heiligen Tor" dokumentiert Wolf-Dietrich Niemeier, der Erste Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen, in zahlreichen Abbildungen die Auffindung der Stücke und ihre Bergung - die Ausgrabung kann anhand entsprechender Bilder und mittels Lektüre des zugehörigen Textes gleichsam wiederholt werden.

          Das Unterfangen einer solchen Vorabpublikation - für eine eingehende wissenschaftliche Bearbeitung müssen die Stücke ja gesäubert, vermessen und restauriert werden - bedeutet natürlich, daß bezüglich der stilistischen und chronologischen Einordnung sowie der historischen Interpretation der Funde so manche Frage noch nicht beantwortet, so manche Vermutung noch nicht abschließend verifiziert werden kann. Aber auch weitere Überraschungen können noch nicht berücksichtigt werden. So ist bei Nachgrabungen in diesem Frühjahr der linke Arm - leider ohne Hand - des Kuros entdeckt worden, der Bruch an Bruch anpaßt; dazu das Marmorfragment einer Kore, die in etwa so groß gewesen sein muß wie der Kuros. Dennoch: Was bislang an Ergebnissen vorliegt und begründet vermutet werden kann, rechtfertigt zweifellos die Konzeption eines solchen Bandes.

          Der ursprünglich etwa 2,10 Meter große Kuros wurde offenbar vom sogenannten "Dipylon-Meister" geschaffen, dessen namengebendes Werk im Athener Nationalmuseum zu sehen ist: der überlebensgroße Kopf einer Kuros-Statue, 1916 am "Dipylon", dem berühmten Doppeltor auf dem Kerameikos, entdeckt, nur wenige Meter entfernt vom Fundort des neuen Kuros. Die seitenverkehrte Schwester der Sphinx steht ebenfalls im Nationalmuseum, wurde aber bereits 1907 am Heiligen Tor entdeckt. Ob die Skulpturen ursprünglich zum Grabbezirk einer adligen Familie gehörten oder zu verschiedenen Grabanlagen, ob die Sphinx einst mit ihrer Schwester als Akroterion einen Grabbau flankierte oder allein eine Stele bekrönte, all das sind Fragen, die noch einer abschließenden Antwort harren. Die Lektüre des Bandes jedenfalls ermöglicht einen profunden Einblick in die Forschungsproblematik und bietet zugleich einen kurzen, aber prägnanten Abriß über die Bedeutung und Entwicklung der griechischen Kuroi.

          Als treffliche Einleitung in das Thema, ja sogar als kleinen Führer kann man den Abschnitt "Der Ort des Geschehens" bezeichnen. Denn dort informiert der Autor seine Leserschaft in knapper Form in Bild und Text über Entstehung, Aussehen und Nutzung dieses schönsten antiken Vorortes von Athen und über die Ausgrabungen, die dort seit mehr als hundertvierzig Jahren stattfinden. Hier arbeiteten die Töpfer, hier säumten Grabanlagen griechischer Familien die Straßen vor den Toren, hier hielt Perikles seine berühmte, von Thukydides überlieferte Grabrede auf die im ersten Jahr des Peloponnesischen Krieges (431 bis 404 vor Christus) gefallenen Athener, hier wüteten die Perser, und hier wurde schließlich der Panathenäen-Festzug zu Ehren der Stadtgöttin Athena vorbereitet.

          MICHAEL SIEBLER

          Wolf-Dietrich Niemeier: "Der Kuros vom Heiligen Tor". Überraschende Neufunde archaischer Skulptur im Kerameikos in Athen. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. IV, 58 S. mit 42 Farb-, 23 Schwarzweiß- und 2 Strichabb., geb., 24,80 [Euro].

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