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Katja Eichinger: BE Seine Welt war immer die Attacke

Ein Leben, mit dem keiner der von ihm produzierten Filme mithalten konnte: Katja Eichinger hat eine Biographie ihres Mannes geschrieben, die alles hat, was ein Epos braucht.

© Verlag Vergrößern

Das Erstaunliche an dieser Biographie ist ja nicht, dass die Witwe sie geschrieben hat; das Erstaunliche ist, dass es das erste Buch über Bernd Eichinger ist (wenn man absieht von dem hastig zusammengeflickten Band, der schon ein paar Wochen nach seinem Tod im Januar 2011 auf dem Markt kam und dessen Erkenntnisgewinn entsprechend war). Warum hat keiner zu Lebzeiten ein Buch über Werk und Person geschrieben? Denn wenn es eine Gestalt gab im deutschen Film der letzten Jahrzehnte, in deren Vita wirklich alles steckt, was es für einen großen Roman oder ein ausladendes Filmepos braucht, dann war das natürlich der Produzent, der Autor, der Regisseur Bernd Eichinger.

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Wenn nun Katja Eichinger, mit der er seit 2006 verheiratet war, ein solches Buch geschrieben hat, ist auch klar, dass nicht mit dem zu rechnen ist, was akademisch steif „kritische Würdigung“ heißt und meist nur auf öffentlich-rechtliche Ausgewogenheit hinausläuft. Ihr Zugang hat Vorteile, nicht nur, weil sie aus dem Journalismus kommt. Niemand, der bei Trost ist, wird der Witwe vorhalten wollen, das Buch sei zu distanzlos und unkritisch ausgefallen; und niemand muss die Frage nach der Autorisierung stellen, die gerade beim Aufschreiben von Prominentenviten sehr heikel sein kann.

Mit Stil und Takt

Hier sind alle kooperativ, die gefragt wurden, und die Liste der Befragten ist sehr lang und farbig: von Wim Wenders bis zu Werner Herzog, von Edgar Reitz bis zu Uli Edel, von Roger Corman bis zu Uschi Obermaier, nicht zu vergessen Til Schweiger, Bully Herbig, Tom Tykwer; auch viele der ehemaligen Freundinnen und Geliebten haben mit Katja Eichinger sprechen mögen. Völlig unerklärlich daher, warum der Verlag bei diesem Aufgebot auf ein Personen- und Filmregister verzichtet hat.

Was Katja Eichinger aus diesen Ressourcen gemacht hat, ist nun weniger Prosatext als Oral History. Schon durch Schrifttype und Layout abgesetzt, tauchen immer wieder Interviews auf mit den Freunden, Mitarbeitern, Weggefährten. Da sind lange Zitate von Eichinger selbst, der seine Frau mehrfach gedrängt hatte, seine Biographie zu schreiben. Eingestreut sind Auszüge aus Eichingers Tagebüchern, aus Briefen, wie er sie, nur zum Beispiel, in aller Schärfe an Leo Kirch oder Volker Schlöndorff schrieb. Es ist eine abwechslungsreiche Montage aus Originaltönen und -dokumenten, versehen mit eher knappen Überleitungen, was insofern sinnvoll ist, als Katja Eichinger, wenn sie sich selbst einmal als Erzählstimme deutlicher hören lässt, stilistisch nicht sonderlich sicher wirkt: „Gisela ,Gigi’ Oeri kam wie Jesus über das Wasser und rettete ,Das Parfum’.“

Dafür hat Katja Eichinger in einem ganz entscheidenden Punkt Stil und Takt. Sie weiß, wo man aufhören muss, wo es zu intim oder zu verletzend werden würde; und umgekehrt kommt genug zur Sprache, um Eichinger nicht postum zum diplomatischen, arbeitsamen und faden Erfolgsmenschen schrumpfen zu lassen. Warum all die Prostituierten verschweigen, das Kokain, den Alkohol? Warum die Ängste, die Täler der Depression unterschlagen, seine Scheu vor Menschenmengen, das Selbstzerstörerische inmitten dieser enormen Produktivität? Es ist alles eine Frage der richtigen Dosierung, auch dort, wo es um den fast schon hasserfüllten Konflikt zwischen Eichinger und Doris Dörrie geht, als diese ihren schrecklichen Film „Ich und Er“ (1988) drehte.

Eine überfällige Biographie

Es ist auch nicht so, dass eine süffige und gut abgehangene Anekdote sich an die andere reihte. Vieles hört man hier zum ersten Mal: wie dicht Eichinger einmal vor dem Ruin stand und einen Studioboss auf Knien um Rettung anflehte; oder wie er eines Tages in Berlin im Borchardt einen alten Bekannten aus Münchner WG-Zeiten traf und ihn mit einem freudigen „Bärchen!“ begrüßte. Im bürgerlichen Leben hört der Mann auf den Namen Peter Sloterdijk. Es gibt, weil Eichinger viel las und genau beobachtete, auch beiläufige, sehr pointierte Bemerkungen, wenn BE etwa über den damals neuen Chef des BE (Berliner Ensemble), Claus Peymann, schrieb, dessen Äußerungen in einem Interview wirkten „auf eine sehr merkwürdige Weise ... pubertär, angestrengt, altmodisch und fatal irrelevant“.

“Ich war niemals gut in der Defensive. Meine Welt war immer die Attacke.“ So steht das im Tagebuch aus dem Jahr 1990, notiert in Hollywood, wo Eichingers Stimmung zu dieser Zeit zwischen Wut und Verzweiflung oszillierte, nicht halb so selbstgewiss, wie er wahrgenommen wurde, weil ihn dann eben doch, bei aller Angriffslust und Lässigkeit, der Wunsch antrieb, anerkannt zu werden; womöglich sogar von den „Feuilletonisten“, zu deren Urteilen über die Filme Katja Eichinger längst nicht ein so souveränes Verhältnis findet, wie ihr Mann das konnte.

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“BE“ ist eine Biographie, die überfällig war. Die Grabrednerfloskel von der Lücke, die Eichingers Tod gerissen habe, darf ruhig noch mal wiederholt werden, weil sie einfach zutrifft. Und zugleich, weil Bernd Eichinger durch die Lektüre noch einmal so sympathisch, so lebendig geworden ist, frage ich mich mit Bedauern: Warum konnte mit diesem reichen, wilden und erfüllten Leben, mit seinem Quantum an Leidenschaft und Leiden, an Gefahren und Triumphen, mit all diesen Geschichten von Großzügigkeit und Freundschaft, von Charme und Chuzpe, warum konnte mit dem realen Leben dieses großen Produzenten letztlich kein einziger der von ihm produzierten Filme mithalten? Das ist schwer zu verstehen.

Katja Eichinger: „BE“. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012. 576 S., Abb., geb., 24,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 11.09.2012, 16:30 Uhr