08.11.2011 · Ein postumer Essay-Band umfasst mehrere Beiträge von Katharina Rutschky. Und er zeigt: ihre Ansichten zum Feminismus sind keinesfalls veraltet, sondern besonders heute von enormer Aktualität.
Von Nadja WünscheWo andere abhakten, hakte Katharina Rutschky nach. „Im Gegenteil“ heißt die postume Aufsatzsammlung der im letzten Jahr verstorbenen Essayistin. Sie versammelt einundzwanzig Beiträge zum Feminismus, die Rutschky in den letzten drei Jahrzehnten publizierte. Von Partnerschaft und Pille über Mode und Manieren bis hin zu Porträts berühmter Frauen sind ihre Themen von ungebrochener Aktualität.
Rutschky sah sich selbst als kritische Beobachterin der deutschen Frauenbewegung. Sie distanzierte sich vom Vulgärfeminismus à la Schwarzer, vom Mainstream-Feminismus des realitätsfernen Ein-Frau-Unternehmens und von Judith Butlers politisch unproduktivem akademischem Tagtraum postfeministischer Avantgarde. Vehement forderte Rutschky einen „anderen und besseren Feminismus“: Deutsche und amerikanische Ausformungen attackierte sie als „Beschwerdekultur“ einer weiblichen Leidensgemeinschaft.
Gerade der Glaube, Vater Staat und Mutter Natur seien den Frauen etwas schuldig geblieben, verstelle den Weg zur Gleichheit. Stattdessen inszeniere die Floskel von der Diskriminierungdas Feindbild Mann - ein Standpunkt, dem Männer gönnerhaft entgegenkommen. So werde „die weibliche Unfreiheit mit kavaliershaften Zugeständnissen auf Dauer gestellt“. Die deutsche Bürokratie tue ihr übriges, indem sie auf die Klagen der Frauen mit Gleichstellungspolitik, Frauenförderung und Frauenforschung reagiere. Fatales Fazit: „Der Feminismus von Staats wegen hat die Frauenbewegung abgelöst.“ Frauenbeauftragte und Frauenministerin zeugen für Rutschky nicht von weiblicher Freiheit, sondern von effizienter Verwaltung.
Auch ihr Essay zur Frauenquote schlägt in diese Kerbe. Die Einführung der Quotenfrau bringe Frauen in die unangenehme Lage, dass ihr Geschlecht im Erfolgsfall ausschlaggebender sei als ihr Können. Selbstkritik als produktive und innovative Kraft vermisste sie zeitlebens an der deutschen Frauenbewegung. Solcher Kritik zeigt sie sich in ihren stilistisch brillanten und streitbaren Essays verpflichtet.