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Karl Lippegaus: John Coltrane : Ein Heiliger des Jazz

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Eine Jahrhundertfigur im historischen Kontext: Karl Lippegaus hat eine äußerst lebendige und anregende Biographie des Saxophonisten John Coltrane geschrieben, der mit seinem Werk einen Anspruch auf Unsterblichkeit hat.

          Vier Jahre hat der Autor und Medienjournalist Karl Lippegaus an seiner Biographie des Jazzmusikers John Coltrane gearbeitet. Dazu trieb es den Autor um die Welt auf der Spurensuche in Zeitschriftenjahrgängen, Radio-Interviews, Filmen, Kommentaren auf Plattenhüllen, Äußerungen von Musikern, Veranstaltern, Managern und Schriftstellern. Aus diesen Zitaten formt Lippegaus kein eigenständiges Puzzle, sondern bepflanzt mit ihnen die Ufer seines eigenen Erzähl- und Informationsflusses. Durch die Vielfalt der einmontierten Meinungen und Blickwinkel erhält der Text Farbe und Bewegung.

          Da steht er nun also wieder vor Augen, dieser scheue, höfliche, besessene Sucher, der von den Evergreens ausging und gleichzeitig deren Harmonieherrschaft überwand und nur noch über einem Grundton oder Skalen improvisierte, geradezu demonstrativ in seiner berühmten Version von „My Favorite Things“, die dem „modalen“ Jazz den entscheidenden Schub gab; Coltrane, der den Sound des Tenorsaxophons zu einer auch im wörtlichen Sinn „himmelschreienden“ Expressivität entwickelte, die fortan nahezu jedem Spieler des Instruments das Leuchtfeuer bedeutete; Coltrane, der vor allem in späten Jahren die spirituellen Aspekte seiner Musik zum Ausdruck brachte wie kein anderer Jazzmusiker und der auch der einzige Jazzmusiker ist, nach dem eine Kirche benannt wurde (in San Francisco); Coltrane, der einzige Heilige des Jazz, der noch einen größeren Anspruch auf Unsterblichkeit hat als Charlie (“Bird Lives!“) Parker. Lippegaus legt ihm ein Wort von Henri Matisse in den Mund, der auf die Frage „Glauben Sie an Gott?“ antwortete: „Ja, wenn ich male.“ Coltrane also: „Ja, wenn ich Saxophon spiele.“

          Improvisation auf der Toilette

          Das Buch ist nicht nur ein Geschichtsbuch, sondern durch die vielen Zitate auch ein Geschichtenbuch. Etwa wenn man erfährt, dass Coltrane den Trompeter Howard McGhee sieben Stockwerke in sein Zimmer hochtrug, nachdem der aus dem Krankenhaus wegen Zahlungsunfähigkeit rausgeworfen worden war; oder dass er sich von Miles Davis wehrlos verhauen ließ, nachdem er im Heroinrausch während eines Konzerts eingeschlafen war; oder dass er in seiner bescheidenen Art kaum auffiel, wenn er „unter Einfluss“ stand, und Drogenfahndern weismachen konnte, die Einstiche an seinen Armen seien Muttermale. Drogen waren allerdings Coltranes Dauerproblem nicht. Unter dem Einfluss von Sonny Rollins kam er, ein kurzer Rückfall in späteren Jahren eingeschlossen, von der Sucht los.

          Coltrane übte fanatisch. Zu Hause ohnehin, aber auch bei längeren Soli seines Pianisten McCoy Tyner zog er sich auf die Toilette zurück und übte dort weiter. Was ihm den Vorwurf einbrachte, dass er auch in Konzerten gelegentlich „nur“ geübt habe. In der Luft lag die Ermahnung: „Practice at home!“. Coltrane dazu: „Ich habe immer öffentlich geprobt. Aber eigentlich ist es das falsche Wort. Wenn du Jazz spielst, musst du spielen, was dir im Moment einfällt. Etwas, das du noch nie vorher gesagt hast. Man sollte also nicht von Proben sprechen. Das Wort heißt: improvisieren.“

          Am Ende will man alle Platten noch einmal hören

          Hervorragend gelingt Lippegaus die Einbettung der Figur Coltrane in den Kontext der sechziger Jahre mit ihren Rassenunruhen, Civil-Rights-Demonstrationen, den Appellen Martin Luther Kings, der Einkerkerung von Nelson Mandela, dem Kennedy-Mord. Coltrane wurde zwar nicht zu einem wortgewaltigen Aktivisten der Bewegung, aber trotzdem zu einer politischen Instanz - etwa mit seinem Stück „Alabama“ als Reaktion auf einen Ku-Klux-Klan-Mord an vier Mädchen: „Es steht musikalisch für etwas, das ich dort unten sah, aus meinem Inneren in Musik übersetzt.“

          Die Zitate aus persönlichen Gesprächen Lippegaus' mit Musikern stammen von Archie Shepp und Miles Davis bis hin zu Vijay Iyer. Fast alle Schallplatten von Coltrane werden ausführlich besprochen - formal analysiert, in das Gesamtwerk eingeordnet, bewertet, in ihrer Wirkung eingeschätzt. Man fühlt sich von dem mit vielen kaum bekannten Fotos schön und lesefreundlich aufgemachten Buch angeregt, alle Coltrane-Platten noch einmal zu hören - mit der Gewissheit, dass einem viele neue Lichter aufgehen würden.

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