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Karl-Heinz Ott: „Tumult und Grazie“ Ein sehr barockes Buch

16.03.2009 ·  Karl-Heinz Ott hat alles andere als ein wohltemperiertes Buch über den Komponisten Georg Friedrich Händel geschrieben: Sein Buch ist eine glühende Hommage, die analytische Qualitäten jedoch trotzdem nicht vermissen lässt.

Von Jürgen Kesting
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Mit dem übervollen Herzen des glühenden Enthusiasten ist dieses Buch über Georg Friedrich Händel geschrieben. Der ehemalige Opern-Dramaturg Karl-Heinz Ott legt hier freilich keine romanhafte Biographie vor, die mit den Mitteln psychologisierender Bescheidwisserei den seltsam unbekannten Menschen hinter dem berühmten Komponisten sichtbar zu machen versucht. Vielmehr legt es Ott darauf an, ein Zeitalter zu durchwandern und in dessen Protagonisten - neben Händel vor allem Bach, Scarlatti, Vivaldi und Rameau - das Gleichzeitige im Ungleichzeitigen und den Farbenglanz der Vielfalt zu entdecken.

Das Einleitungskapitel kommt als jubelnde Liebeserklärung für „Die stinklangweilige Barockmusik“ daher; als Philippika gegen sinnenfeindliche Dogmatiker, die, wie Theodor W. Adorno, der „verzwirbelten“ Musik von Bach den Vorzug vor der sinnenfreudigen von Händel geben; als Polemik gegen den „symphonischen Grandiositätsgestus“ des neunzehnten Jahrhunderts, bei dem Generalmusikdirektoren „eine ganze Infanterie aus Geigern, Paukern und Bläsern“ befehligen; als Lobgesang auf die Harnoncourt und Hogwood, Gardiner und Minkowski, die, im Alten des Neue entdeckend, für Delirien des Delektierens gesorgt haben.

Mit sanftem Cantabile und dem Furor eine Tromba-Arie

Geschrieben sind die acht Kapitel dieser Hymne auf den musikalischen Hedonismus mit dem für die Musik des Barock typischen Pathos, aber ohne deren formale rhetorische Disziplin. Ott, der Erzähler, gleicht bisweilen den Primadonnen und Primi uomini, die den Dacapo-Teil ihrer Arien prunkvoll auszierten. Sein Personarium gleicht einem Heer. Er lässt Komponisten von einst und Interpreten von heute aufmarschieren, Dichter wie Shakespeare, Dryden und Cervantes, Philosophen wie Leibniz, Rousseau, Spinoza, Lacan und Deleuze, um möglichst viele Blickwinkel der Rezeptionsgeschichte aufzuzeigen. Mit assoziativer und ausschweifender, oft sprunghaft-kühner Kombinatorik knüpft er ein Gewebe mit tausend Fäden. Ein roter ist darunter allerdings nur schwer zu finden.

Doch liegt gerade im Verzicht auf alle festen Verknüpfungen - aus der Sicht des ordnungsliebenden Musikhistorikers wohl ein methodisches Manko - der Reiz des manchmal mit sanftem Cantabile, manchmal mit dem Furor einer Tromba-Arie geschriebenen Buches. Es leuchtet hinein in die Sozial- und die Mentalitätsgeschichte, die für die Entwicklung der Komponisten und ihrer musikalischen Ausdrucksmittel ebenso wichtig war wie der Einfluss der Religionen.

Über das Ziel hinaus

Ott setzt einen Komponisten ins Recht, dessen Werk nicht, wie das der Heroen des romantischen Geniekultes, der Verwirklichung einer Idee entsprach. Wie Romain Rolland, der den Rang Händels nicht zuletzt darin sah, dass er eine „überragende Unpersönlichkeit“ war, betont Ott, dass Händel als Kosmopolit zum Durchkreuzungsphänomen für die musikalischen Strömungen seiner Epoche werden konnte.

Der Enthusiasmus seiner Darstellung steckt an. Er bringt den Leser dazu, die suggestiv und kundig dargestellten Schönheiten der Musik sogleich hörend erleben zu wollen. Der Autor schießt auf ärgerliche Weise übers Ziel hinaus, wenn er sich lästig-leitmotivisch über das „Verdrillte“ oder „Gekringelte“ in der Musik Bachs mokiert; wenn er immer wieder mit vitriolischer Feder gegen Adorno anschreibt; wenn er die Clichés über die Barockmusik mit Clichés widerlegt oder die Vorurteile über die einseitig als monstres sacrés dargestellten Sänger fortschreibt. Und doch ist er ein hinreißender Cicerone durch die Gedanken- und Gefühlswelt dieser Musik. Bedauerlich ist allerdings, dass diesem sehr barocken Buch sowohl ein Literatur- und Quellenverzeichnis als auch ein Namensregister fehlt.

Karl-Heinz Ott: „Tumult und Grazie“. Über Georg Friedrich Händel. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008. 317 S., geb., 22,- Euro

Quelle: F.A.Z.
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