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: Kai ist der weiße Hai und der Staat unendlich fern

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Vielleicht liegt der Reiz dieses großartigen Buches darin, daß es den Leser zugleich abstößt und vollkommen einnimmt. Ferdinand Sutterlütys preisgekrönte Frankfurter Dissertation widmet sich jugendlichen Gewaltkarrieren. Aus sorgfältig dokumentierten Gesprächen mit den Tätern vollzeiht Sutterlüty minutiös ihre sinnlos scheinenden Gewalthandlungen nach.

          Vielleicht liegt der Reiz dieses großartigen Buches darin, daß es den Leser zugleich abstößt und vollkommen einnimmt. Ferdinand Sutterlütys preisgekrönte Frankfurter Dissertation widmet sich jugendlichen Gewaltkarrieren. Aus sorgfältig dokumentierten Gesprächen mit den Tätern vollzeiht Sutterlüty minutiös ihre sinnlos scheinenden Gewalthandlungen nach. Er fragt die Jugendlichen behutsam nach ihren Motiven und verbindet dies mit einfühlsamen Analysen ihrer biografischen Hintergründe. An deren Ende begreift der Beobachter nicht nur die Täter, sondern er findet ihre Brutalität erschreckend wie nie zuvor.

          Sutterlütys Zugang über die Empirie ist wohlbegründet und ergiebig. Kritisch konstatiert er, bestimmte Forschungsansätze interessierten sich oft mehr für den Diskurs über Gewalt als für diese selbst. Damit bleiben sie blind für die tatsächlichen Erscheinungsformen von Gewalt im sozialen Nahraum. Sutterlütys Buch besticht hingegen dadurch, daß es mikroskopische Situationsanalysen mit scharfsinnigen Erklärungsmustern verknüpft. Es ist in der Anlage schlank, in der Argumentation präzise und von einer vorbildlichen sprachlichen Klarheit. In den Auslegungen der Interviews gelingen dem Soziologen Sutterlüty wahre hermeneutische Meisterstücke.

          Man darf sich diese Aufgabe nicht zu leicht vorstellen. Die aufgezeichneten Gespräche mit Berliner Jugendlichen sind voller Stockungen, Andeutungen und rätselhafter Verweise. Sutterlüty hat nur die Namen der Befragten verändert, druckt aber ihre Sätze bis in die Sprechpausen und Seufzer ab, so daß man ihm bei seiner anschließenden Argumentation präzise über die Schulter schauen kann. "Kai" etwa, der für sich eigentlich den Decknamen "Weißer Hai" wählen wollte, redet im Berliner Idiom über sein scheinbar zielloses Umherstreifen, an dessen Ende ein Unbekannter seine extreme Grausamkeit erdulden mußte und mit entstelltem Gesicht zurückblieb.

          Aus Satzfragmenten wie "war einfach bloß 'n schönet Gefühl gewesen", mit denen Kai seine Tat kommentiert, und den Selbstbeschreibungen seiner Phantasien rekonstruiert Sutterlüty den Emotionskosmos eines Neunzehnjährigen. Da liest man, wie Kai sich ausmalt, "daß ick Leuten uff dem Kopf rumspringe, daß det knackt oder so wat. Aber wäre mal 'ne lustige Erfahrung also, hhf, det einfach mal so zu machen also." Sutterlüty zeigt, wie diese Gewalttaten Faszination für die Täter gerade aus ihrer Grenzüberschreitung gewinnen. Intensität und Brutalität erzeugen die Aura des im positiven Sinne Außeralltäglichen. Kai ist wie andere Täter auch berauscht, weil er vorsätzlich etwas Ungeheuerliches getan hat.

          Ihre eigenen moralischen Bewertungen und Interpretationen der Taten sind voller Ambivalenzen. Mal stilisieren sie ihre Gewaltausübung zum ritualisierten Kampf, der in konsensueller Absprache mit dem Opfer stattgefunden haben soll. Dann wieder schreiben sie dem Opfer Mitschuld zu, weil es sie angeblich "blöde angeguckt" hat. Bei anderen Erzählungen blenden sie die Vorgeschichte des Vorfalls und ihre eigene Verantwortung aus, halten ihr Publikum für schuldig, weil es ja "nüscht getan und nüscht gesagt" hat. Oft läßt sich auch eine Koexistenz verschiedener Handlungstypen und Handlungsrationalitäten sowie nichtrationaler Handlungsformen nachweisen.

          Um diese Komplexität auch in ihren Motiven angemessen zu begreifen, ist genau jene individualisierende und fallbezogene Methode fruchtbar, die Sutterlüty wählt. Denn sie zeigt die Vielfalt an Gefühlslagen, die situativ eine Eigendynamik in Gang setzen können. Empathie für das Opfer, die in positives Mitleid umschlägt, liegt dabei hauchdünn neben dem Gewaltexzeß, der gerade das Machtgefühl über den am Boden liegenden Mitmenschen auskostet. Ein von Sutterlüty in diesem Kontext angeführtes Canetti-Zitat lautet: "Der Mensch will töten, um andere zu überleben."

          Mit einem rationalen Kalkül wird man diesen Situationen nicht mehr gerecht. Denn die Handlungsmotive entwickeln sich oft erst in den Situationen, und sie können zu einer fatalen Eskalationsdynamik führen. Treibend wirken auch die bizarren Gewaltmythologien, denen die Täter anhängen. Sie schreiben der Gewalt positive Wirkungen zu, die sie objektiv gar nicht hat. Sie glorifizieren in ihren lebensweltlichen Theorien kontrafaktisch Macht, Stärke und Kampf. Der sechzehnjährige aus Polen stammende "Murat" etwa, Mitglied einer türkischen Bande, orientiert sich an Vietnam-Erzählungen, erwägt sogar eine militärische Ausbildung in Vietnam und weiß doch nicht einmal, daß der Krieg dort beendet ist.

          Die Erklärungsmuster, die Sutterlüty im Verlauf seiner Arbeit entfaltet, klingen zunächst konventionell, weil sie stur auf frühere Gewalt- und Ohnmachtserfahrungen verweisen. Das scheint auf den ersten Blick banal, bis Sutterlüty es so raffiniert differenziert, daß daraus neue Deutungsansätze entstehen. In der Tat haben seine Interviewpartner regelmäßig familiäre Gewalt erlebt, so daß der Titelbegriff vom "Kreislauf" an seiner Oberfläche ebenso plausibel wie heuristisch wenig tragend erscheint. Immerhin bliebe unklar, warum andere Jugendliche mit den gleichen Erfahrungen nicht gewalttätig werden.

          Doch Sutterlüty zeigt in präziser Manier, daß nicht die Tatsache der Gewalterfahrung entscheidend ist, sondern die Verletzung von fundamentalen Anerkennungsbedürfnissen hinzukommen muß. Auch wer selbst nicht geschlagen wird, kann doch in der Familie isolierende Ohnmachtserfahrungen erlitten haben. Einmal in der Semantik von Ohnmacht und Mißachtung sozialisiert, neigen die Opfer dazu, ihre Perspektive auf andere Konstellationen zu übertragen. Sie haben gelernt, daß Distanzgebote nicht eingehalten werden und sie überwältigend schutzlos sein können. Dann begegnen sie anderen Menschen und erwarten ebenso naiv wie brutal nur die Alternative, mißachtet zu werden oder selbst zu mißachten. Weil sie in ihren Interpretationsregimes so sensibilisiert sind, genügen für die Exzesse der Täter marginale Wahrnehmungen.

          Natürlich gibt es Grauzonen und Fälle, bei denen keine eindeutigen Erklärungsmuster greifen. Dafür wären die menschliche Psyche auch zu komplex und die Umwelteinflüsse nicht eindeutig genug. Dennoch wird aus dem kleinen Sample von Interviews klar, daß zumindest bei diesen Jugendlichen Gewalt nicht die Nebenfolge von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen (Arbeitslosigkeit et cetera) ist, daß Gewalt ferner nicht einfach medial über gewalttätige Leitbilder induziert wird oder gar antrainiert ist. So behaupten es die soziologischen Theorien, gegen die sich das Buch wendet.

          Deutlich wird bei Sutterlüty die Innenansicht von Menschen, die von Gewalt so geprägt sind, daß sie in bestimmten Situationen zu brutalem Handeln neigen. Daß er dieses intime Verständnis für die Täter erreicht, ohne die Opfer zu marginalisieren, macht eine wesentliche Qualität seines Buches aus. Im Gegenteil, die unbarmherzige Gesinnung, jene an Niedertracht kaum zu überbietenden Motive, die juristisch nach harten Strafen für diese Intensivtäter schreien, kommen gerade durch Sutterlütys Psychogramme und Mikrostudien zur Geltung. In allen Fallerzählungen wird dabei die überragende Rolle der Familie deutlich, die alle anderen Sozialisierungsinstanzen in den Schatten stellt. Der Staat ist unendlich fern.

          MILOS VEC

          Ferdinand Sutterlüty: "Gewaltkarrieren". Jugendliche im Kreislauf von Gewalt und Mißachtung. Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie, Band 2. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003. 381 S., br., 24,90 [Euro].

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