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Julian Dawson: Nicky Hopkins - Eine Rock- Legende : Der Welt höflichstes Monster

Bild: Verlag

Wer kennt Nicky Hopkins? Er spielte für die Rolling Stones und alle, die sonst noch Rang und Namen haben, Klavier. Jetzt gibt es endlich eine Biographie.

          Irgendwann hält jeder seine erste Rolling-Stones-Platte in den Händen. Sagen wir, es ist "Beggars Banquet" (1968). Dort liest man auf dem Rückcover in der geschwungenen Handschrift Folgendes: "We are deeply indebted to Nicky Hopkins and to many friends." Gut, denkt man, bei den vielen Freunden wird es sich wohl um Groupies handeln, die den Stones vor, während oder nach der Arbeit zu Willen waren. Aber Nicky Hopkins - wer mag das sein? Die noble Schönheit der Schrift adelt den Erwähnten, aber dieser adelt auch die Platte und sogar die Band.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Nicky Hopkins war den Rolling Stones nicht zu Willen, aber stets zu Diensten. Und selbst wenn er nicht fünfzehn Jahre hindurch auf ihren Platten mitgespielt hätte, müsste man ihn als den ansehen, der er wirklich war: der wichtigste Pianist der Rockgeschichte. Little Richard und Jerry Lee Lewis, Elton John und Billy Joel müssen das nicht unterschreiben; stimmen tut es trotzdem. Als Solist war Nicky Hopkins nie sonderlich erfolgreich und eigentlich auch fehl am Platz, wie man den wenigen unter eigenem Namen eingespielten Platten anhört, auf denen er die Prominenz, die er normalerweise begleitete, seinerseits hinzu bat und die allenfalls Achtungserfolge bei der Kritik waren. Nicky Hopkins war, wie Ry Cooder an der Gitarre, der perfekte sideman.

          Man kommt aus dem Staunen nicht raus

          Als solcher wird er nun erstmals umfassend gewürdigt: Julian Dawson, ein britischer Singer/Songwriter, hat mehr als zehn Jahre im engeren Hopkins-Kreis recherchiert und Leute interviewt, wobei dieser engere Kreis sich, bei der Allgegenwart dieses Musikers, dann natürlich unversehens weitet zu einem who's who der Rockmusik. Seine Biographie "Nicky Hopkins - Eine Rock-Legende" enthält eine Diskographie mit den Singles und Alben, auf denen Hopkins seit 1963 mitgespielt hat, und wenn man sie durchgeht, kommt man, auch wenn man vieles davon im Plattenschrank stehen hat, aus dem Staunen nicht heraus. Hopkins war, wie Pannek bei Loriot, immer dabei: Außer für die Rolling Stones haute er für die komplette Elite der Rockmusik in die Tasten - für The Who und die Kinks, Joe Cocker und Jeff Beck, für die solo gewordenen Beatles, für Jefferson Airplane und Steve Miller sowie einmal sogar für Ella Fitzgerald.

          Schon weil die Biographie dieses Dickicht aus Namen und Aufnahmeorten mit Akribie und Geduld durchpflügt, stellt sie ein Ereignis dar; und es ist ein Verdienst Elke Heidenreichs, die vermutlich auch weiß, was man an Nicky Hopkins hat, dass sie dieses Buch in ihre Edition aufgenommen hat.

          Wie kann es aber sein, dass jemand, der wesentlich am Soundtrack der sechziger und siebziger Jahre mitgewirkt hat, dem großen Publikum (heute) so gut wie unbekannt ist? Es war damals eben nicht jeder so nobel wie die Stones oder Jeff Beck, in dessen "Group" Hopkins eine Zeitlang sogar festes Mitglied war, ihn auf dem Cover zu erwähnen. Die Klage über unsaubere Tantiemenabrechnungen ist so alt wie die Rockmusik. Aber dass selbst ein so gefragter Sessionmusiker wie Hopkins, der es sich leisten konnte, eine Mitgliedschaft bei den Stones auszuschlagen, zeit seines Lebens aufs Geld achten musste, ist schwer zu verstehen. Indessen gehören zu so etwas immer zwei. Nicky Hopkins, dessen Charakter Dawson als einen, man möchte sagen: typisch britischen schildert und der ausgesprochen skurrile Seiten hatte, wollte es wohl nicht anders. Er, der eine Zeitlang der Scientology nahestand, war, so instinktiv er musikalisch immer das Richtige tat, abseits vom Klavier ein cunctator, der keine Strategien, sondern immer nur Musik im Kopf hatte.

          Er hat nie die Kontrolle übernommen

          Dies bestätigt der Gitarrist Mike Kennedy, der ihn im Herbst 1973 bei den Aufnahmen für Hopkins' zweite Soloplatte "No More Changes" erlebt hat: "Nicky war damals wie die Dustin-Hoffman-Figur in Rain Man - beinahe autistisch. Vielleicht war es für ihn einfacher so, mit allem klarzukommen, aber er hat immer in allem nachgegeben und in seiner eigenen, sehr kindlichen Welt gelebt. Er hat nie die Kontrolle übernommen, nie zuerst an sich und seine eigenen Interessen gedacht. Er brauchte für alles jemanden, der ihm den Weg wies." So sah er, wohl auch, weil ihm die Fähigkeiten eines Bühnenentertainers abgingen und er oft wie in sich gekehrt auf dem Klavierhocker saß, seinen Platz wie selbstverständlich im Hintergrund.

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