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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Julian Dawson: Nicky Hopkins - Eine Rock- Legende Der Welt höflichstes Monster

 ·  Wer kennt Nicky Hopkins? Er spielte für die Rolling Stones und alle, die sonst noch Rang und Namen haben, Klavier. Jetzt gibt es endlich eine Biographie.

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Irgendwann hält jeder seine erste Rolling-Stones-Platte in den Händen. Sagen wir, es ist "Beggars Banquet" (1968). Dort liest man auf dem Rückcover in der geschwungenen Handschrift Folgendes: "We are deeply indebted to Nicky Hopkins and to many friends." Gut, denkt man, bei den vielen Freunden wird es sich wohl um Groupies handeln, die den Stones vor, während oder nach der Arbeit zu Willen waren. Aber Nicky Hopkins - wer mag das sein? Die noble Schönheit der Schrift adelt den Erwähnten, aber dieser adelt auch die Platte und sogar die Band.

Nicky Hopkins war den Rolling Stones nicht zu Willen, aber stets zu Diensten. Und selbst wenn er nicht fünfzehn Jahre hindurch auf ihren Platten mitgespielt hätte, müsste man ihn als den ansehen, der er wirklich war: der wichtigste Pianist der Rockgeschichte. Little Richard und Jerry Lee Lewis, Elton John und Billy Joel müssen das nicht unterschreiben; stimmen tut es trotzdem. Als Solist war Nicky Hopkins nie sonderlich erfolgreich und eigentlich auch fehl am Platz, wie man den wenigen unter eigenem Namen eingespielten Platten anhört, auf denen er die Prominenz, die er normalerweise begleitete, seinerseits hinzu bat und die allenfalls Achtungserfolge bei der Kritik waren. Nicky Hopkins war, wie Ry Cooder an der Gitarre, der perfekte sideman.

Man kommt aus dem Staunen nicht raus

Als solcher wird er nun erstmals umfassend gewürdigt: Julian Dawson, ein britischer Singer/Songwriter, hat mehr als zehn Jahre im engeren Hopkins-Kreis recherchiert und Leute interviewt, wobei dieser engere Kreis sich, bei der Allgegenwart dieses Musikers, dann natürlich unversehens weitet zu einem who's who der Rockmusik. Seine Biographie "Nicky Hopkins - Eine Rock-Legende" enthält eine Diskographie mit den Singles und Alben, auf denen Hopkins seit 1963 mitgespielt hat, und wenn man sie durchgeht, kommt man, auch wenn man vieles davon im Plattenschrank stehen hat, aus dem Staunen nicht heraus. Hopkins war, wie Pannek bei Loriot, immer dabei: Außer für die Rolling Stones haute er für die komplette Elite der Rockmusik in die Tasten - für The Who und die Kinks, Joe Cocker und Jeff Beck, für die solo gewordenen Beatles, für Jefferson Airplane und Steve Miller sowie einmal sogar für Ella Fitzgerald.

Schon weil die Biographie dieses Dickicht aus Namen und Aufnahmeorten mit Akribie und Geduld durchpflügt, stellt sie ein Ereignis dar; und es ist ein Verdienst Elke Heidenreichs, die vermutlich auch weiß, was man an Nicky Hopkins hat, dass sie dieses Buch in ihre Edition aufgenommen hat.

Wie kann es aber sein, dass jemand, der wesentlich am Soundtrack der sechziger und siebziger Jahre mitgewirkt hat, dem großen Publikum (heute) so gut wie unbekannt ist? Es war damals eben nicht jeder so nobel wie die Stones oder Jeff Beck, in dessen "Group" Hopkins eine Zeitlang sogar festes Mitglied war, ihn auf dem Cover zu erwähnen. Die Klage über unsaubere Tantiemenabrechnungen ist so alt wie die Rockmusik. Aber dass selbst ein so gefragter Sessionmusiker wie Hopkins, der es sich leisten konnte, eine Mitgliedschaft bei den Stones auszuschlagen, zeit seines Lebens aufs Geld achten musste, ist schwer zu verstehen. Indessen gehören zu so etwas immer zwei. Nicky Hopkins, dessen Charakter Dawson als einen, man möchte sagen: typisch britischen schildert und der ausgesprochen skurrile Seiten hatte, wollte es wohl nicht anders. Er, der eine Zeitlang der Scientology nahestand, war, so instinktiv er musikalisch immer das Richtige tat, abseits vom Klavier ein cunctator, der keine Strategien, sondern immer nur Musik im Kopf hatte.

Er hat nie die Kontrolle übernommen

Dies bestätigt der Gitarrist Mike Kennedy, der ihn im Herbst 1973 bei den Aufnahmen für Hopkins' zweite Soloplatte "No More Changes" erlebt hat: "Nicky war damals wie die Dustin-Hoffman-Figur in Rain Man - beinahe autistisch. Vielleicht war es für ihn einfacher so, mit allem klarzukommen, aber er hat immer in allem nachgegeben und in seiner eigenen, sehr kindlichen Welt gelebt. Er hat nie die Kontrolle übernommen, nie zuerst an sich und seine eigenen Interessen gedacht. Er brauchte für alles jemanden, der ihm den Weg wies." So sah er, wohl auch, weil ihm die Fähigkeiten eines Bühnenentertainers abgingen und er oft wie in sich gekehrt auf dem Klavierhocker saß, seinen Platz wie selbstverständlich im Hintergrund.

Niemand, der mit Nicky Hopkins zusammen gespielt hat, sollte dies je vergessen, und bemängeln könnte man an dieser Biographie allenfalls, dass die Schilderungen seiner Brillanz in ihrer Stereotypie ein wenig ermüden. Sei's drum - es wurde Zeit, dass dieser unsung hero einmal besungen wurde, um einen Solotitel des Steppenwolf-Sängers John Kay aufzugreifen, für den Hopkins übrigens nie tätig war.

Die Funktion, die Nicky Hopkins einnahm, war vermutlich auch deswegen einzigartig, weil er selbst bei den prominentesten, ambitioniertesten Plattenprojekten auf ganz selbstverständliche Weise eine Art musikalischer Direktor war, der Ideen und bereits vorhandenes Material prüfte, ergänzte und meistens auch veredelte. Steve Miller erinnert sich: "Wir hörten ihn spielen, und er machte alles, was wir aufgenommen hatten, sofort besser. Das war also eine sehr gute Connection." Die tragfähigste war natürlich die Verbindung zu den Rolling Stones, zu denen er in deren problematischer, man könnte mit Franz Schöler auch sagen: unglaubwürdiger psychedelischer Phase 1967 stieß. Hier rettete er, was zu retten war, und machte mit seinem quecksilbrig-flüssigen, dann wieder energisch hämmernden Stil aus Liedern wie "We Love You" und "She's A Rainbow" doch noch wahre Perlen. Man hört diese Lieder eigentlich nur seinetwegen gerne. Das immer wieder aufgegriffene Kapitel Rolling Stones weist die bandtypischen Versatzstücke auf: den Egoismus der Musiker, die ihn vor Tourneen, für die er schon bereitstand, kühl, aber auch fürsorglich wissen ließen, dass er den Strapazen nicht gewachsen sein würde; andererseits die Krankenhausrechnungen, die man diskret beglich. Denn - dies ist das traurige Leitmotiv - Nicky Hopkins hatte mit einer mehr als labilen Gesundheit zu kämpfen. Dawson zeichnet die Leidensgeschichte des am 24. Februar 1944 in London geborenen und, wie viele andere große Rockmusiker seiner Generation, noch im Mutterleib von deutschen Bombenangriffen zwangsbeschallten Jungen nach, der an einer rätselhaften, erst im Nachhinein als Morbus Crohn diagnostizierten Magen- und Darmerkrankung litt, die ihn in einem Alter, in dem andere entscheidende Karriereschritte tun, für ein Jahr niederstreckte und für den Rest seines Lebens immer wieder schwächte, aber selten völlig unpässlich machte. Die in diesem Beruf üblichen Rationen an Drogen und vor allem Alkohol, dazu der ungute Einfluss seiner langjährigen, vom Ehrgeiz zerfressenen Ehefrau Dolly taten ein Übriges.

Die von aufreibenden, entbehrungsreichen Konzertterminen geprägte Londoner-Skiffle-Zeit absolvierte der sorgfältig am klassischen Klavier Ausgebildete quasi als Wunderkind und Geheimtipp, bevor er in den Rockadel der Stones, Who und Kinks vordrang. Nachhaltig in Erinnerung sind seine Dienste auch für zwei andere Bands: Sowohl in den sehr harten Bluesrock der Jeff Beck Group, dem damals Rod Stewart seine Stimme lieh, als auch in die zischende Psychedelic der in San Francisco ansässigen Quicksilver Messenger Service passte er sich ein, verlieh ihnen mit süffigem Barpiano wie mit weit ausgreifenden, bisweilen irrwitzig schnellen Läufen eine gewisse Formstrenge und hinterließ ihnen wunderschöne Instrumentalkompositionen wie "Girl From Mill Valley" und das neuneinhalbminütige "Edward (The Mad Shirt Grinder)", das vermutlich sein bedeutendstes Stück ist.

Stärke des akustischen Klaviers

So wurde Nicky Hopkins mit seiner Weigerung oder Unfähigkeit, sich auf einen Verbund festzulegen, zum geradezu idealtypischen Mittler zweier Rockwelten dies- und jenseits des Atlantiks. Seine Stärke lag, trotz der Rastlosigkeit seiner Engagements, in der Beschränkung, und zu seiner Ausnahmestellung trug sicherlich auch bei, dass er hartnäckig am akustischen Klavier festhielt und zum Moog-Synthesizer wie zum Fender-Rhodes-Piano, die in den siebziger Jahren noch einmal für ganz andere Ausdrucksmöglichkeiten sorgte, auf Distanz blieb. Auch deswegen entwickelte sein Klassizismus wahrhaft legendäre Qualitäten, wobei selbst in der Zeit des künstlerischen afterglow allein die Nennung seines Namens ausreichte, um auch jüngeren Musikern, die sich natürlich für hipper hielten, einen mythischen Schauder über den Rücken zu jagen. Er war, wie es auf einer Quicksilver-Platte heißt, "world's most polite monster".

Nicholas "Nicky" Christian Hopkins, der Mann am Klavier, starb in den frühen Morgenstunden des 6. September 1994 - unvergessen.

Julian Dawson: „Nicky Hopkins - Eine Rock- Legende“. Aus dem Englischen von Kristian Lutze. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2010. 400 S., geb., 22,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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