Affen reden nicht miteinander. Primatologen natürlich schon und nicht zuletzt darüber, was unsere evolutionsgeschichtlich nächsten Anverwandten eigentlich davon abhielt, wie wir auf die Bahn der Sprache und einer von ihr geprägten rasanten kulturellen Evolution einzuschwenken. Umgekehrt sollte sich aus Antworten auf diese Frage gerade erhellen lassen, wie es zu unserem eigenen Sonderweg kam: Wie also unsere Vorfahren zu symbolischer Kommunikation und zu anderen Techniken der kulturellen Tradierung fanden.
Halten wir gleich fest: Wie das zuging, wissen wir immer noch nicht. Aber mittlerweile sind diese Ursprungsfragen nicht mehr das Terrain sehr luftiger Spekulationen, sondern werden mit experimenteller Raffinesse in die Reichweite empirisch traktierbarer Fragestellungen gebracht - soweit das auf dem Feld evolutionsgeschichtlicher Fragestellungen, die immer zu indirekten Vorgehensweisen nötigt, eben möglich ist. Entwicklungspsychologie und Linguistik, Anthropologie und Kognitionswissenschaft, Verhaltensökologie, genetische und kognitive Ethologie kommen da mit ins Spiel.
Keine „Theory of Mind?“
Es mangelt auch nicht an gemeinverständlichen Darstellungen, die sich für die eine oder andere Ursprungshypothese stark machen. Und je nachdem, wie dabei Sprachentwicklung, Sozialität und die Genese von Verhaltensnormen verknüpft werden, treten dann auch Befunde aus der Erforschung der sozialen und kognitiven Fähigkeiten von Affen auf den Plan.
Wer sich ein bisschen auf diesem Feld umgesehen hat, dem sind also manche Primaten bekannt und auch einige der gewitzten Versuchsanordnungen, die zum Verständnis ihres Verhaltens und Innenlebens ersonnen wurden. Dabei gerät die Übersicht darüber, was nun wirklich auf solide Weise über das Sozialverhalten, die kognitiven Fähigkeiten und die Kommunikation von Affen sagen lässt, allerdings leicht aus dem Blick. Hat man sich eigentlich darüber geeinigt, ob ihre verschiedenen Warnrufe tatsächlich bezeichnenden Charakter haben oder bescheidener zu interpretieren sind? Wie weit reichen denn nun die Revisionen der zwischendurch schon einmal diskutierten These, dass sie gar keine Vorstellung vom Innenleben ihrer Artgenossen, also keine „Theory of Mind“ hätten? Wie steht es mit lokal tradierten, also kulturellen Verhaltensvarianten? Oder was hat man eigentlich aus all den Projekten gelernt, in denen Affen ein Umgang mit Symbolen und sogar deren Verkettungen beigebracht wurde?
Auf die Details kommt es an
Aber nun kann man zu einem Buch von Julia Fischer greifen, in dem die Primatologin und Göttinger Professorin für Kognitive Ethologie einen Überblick über den Stand der Forschung gibt und die Entwicklung der wichtigsten Fragestellungen nachzeichnet. Es ist eine bündige und gleichzeitig lebendige Darstellung geworden, die auch Eindrücke von der konkreten Forschungsarbeit in freier Wildbahn und im Gehege bietet.
Diese eingestreuten Geschichten von den Mühen und Belohnungen der Beobachtungsarbeit tragen auf ihre Weise dazu bei, dem Leser ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie schwierig oft die Kontrolle aller Faktoren ist, die das Verhalten der Affen bestimmen könnten. Vorsicht hat denn auch bei der Auswertung der Beobachtungen zu walten und Kontrollversuche müssen die Neigung zu schnellen Schlüssen auf die dahinter stehenden Fähigkeiten unserer Verwandten in Schach halten.
Julia Fischer neigt nicht zu großen Thesen und gewagten Interpolationen. Die Grundthese ihrer Darstellung, dass die kognitiven und kommunikativen Kompetenzen nur im Zusammenspiel mit der sozialen Organisation der Affengesellschaften angemessen zu erhellen sind, dürfte kaum strittig sein. Aber auf die Details kommt es dabei an, und durch sie führt die Autorin auf überzeugende Weise.
Zeigegesten oder Lautgebung?
Nehmen wir nur die Frage, ob Schimpansen über das Konzept einer Anzahl von Elementen verfügen. Nichts einfacher als ein erster Versuch: Links liegen drei, rechts acht Rosinen. Klarer Fall, denkt man, zumal die Fokussierung auf Essbares - neben jener auf Hierarchien und mögliche Sexualpartner - doch erwiesen ist. Aber gerade deshalb, zeigt sich dann, fällt der Versuch nicht wie erwartet aus: Die Affen greifen ohne signifikanten Unterschied nach links oder rechts. Also nichts mit Zahlkonzepten?
So einfach ist es auch wieder nicht, denn wenn man die Aufgabe abstrakter stellt, indem man die Wahl zwischen zwei Knöpfen entweder mit drei oder acht Rosinen belohnt, haben die Schimpansen den Dreh schnell heraus und holen sich die acht Stück. So wie sie auch, solange man sie nicht darauf trainiert, Zeigegesten nicht folgen. Aber kaum ist die Versuchsleiterin hinter dem Vorhang verschwunden, schon funktioniert deren hinausgestreckter Arm als Hinweis.
Dieser Versuch spricht zwar nicht grundsätzlich dagegen, das natürliche Reagieren auf Zeigegesten und die mit ihnen hergestellte gemeinsame Ausrichtung der Aufmerksamkeit - auf ein Objekt oder einen Vorgang - zu einem entscheidenden Differenzmerkmal des Menschen zu machen. Aber vorsichtiger wird man schon. Und wer sich schon fast überzeugt sah von Michael Tomasellos daran geknüpfte These, dass der Sprachursprung bei pantomimischen Gesten zu suchen sei und nicht in den Lautgebungen (F.A.Z. vom 15. Januar 2009) -, der kann bei Julia Fischers Ausführungen über eben diese Lautgebungen schnell wieder etwas Skepsis gegenüber dieser Auflösung einer großen Frage einüben.