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Jürgen Todenhöfer: Teile dein Glück und du veränderst die Welt : Ich habe das Glück fünfzig Jahre lang am falschen Ort gesucht

Bild: Verlag

Das neue Buch von Jürgen Todenhöfer gibt Einblicke in ein ebenso erfolgreiches wie versehrtes Leben. Heiter im Duktus, ist es ein Dokument moralischer Empfindlichkeit.

          Hinter dem Freimut, mit dem Jürgen Todenhöfer über biographische Niederlagen und Lebenslügen spricht, steht auf jeder Seite seines neuen Buches die Freude, ja Ehrfurcht über „dieses kurze Seindürfen“, wie es der Siebzigjährige nennt. Dass er überhaupt ist und nicht etwas nicht, ist für Todenhöfer keine abstrakte philosophische Überlegung, sondern der Witz jeden Tages. Präzise erinnernd erzählt er aus seinem Leben wie ein Pausenclown (so Todenhöfer über sich selbst), der durch das Stück eines politischen Tausendsassas und langjährigen Medienmanagers führt.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei allem Schwanken zwischen Demutsgesten und Koketterie ist ihm ein beinahe kindlich-staunendes Buch gelungen. Der leichte, nicht selten heiter-humorvolle Tonfall wechselt mit Maximen in der Tradition barocker Klugheitsregeln, die Todenhöfer einstreut, teils mit ausdrücklicher Berufung auf Klugheitslehrer wie Baltasar Gracián und dabei keinen Zweifel lassend, dass es nicht etwa um Glücksrezepte geht, sondern um sich gern auch widersprechende Empfehlungen, die erst in der Lebenssituation Gestalt gewinnen, sollen sie nicht leere Sprüche bleiben.

          Ideale schlagen Zynismus

          „Ich habe das Glück fünfzig Jahre lang am falschen Ort gesucht“, gesteht Todenhöfer in nachgerade augustinischer Zerknirschung. „Ich habe es gesucht im süßen Leben, das ich als Jugendlicher trotz leerer Taschen reichlich genossen habe. Im Ruhm, der sich allerdings nur kurz für mich interessierte. Und im Wohlstand, um den ich hart kämpfen musste. In all diesen Dingen habe ich es nicht gefunden. Heute weiß ich, dass man das wahre Glück nicht in materiellen Dingen, nicht in Äußerlichkeiten suchen darf. Sondern nur in sich selbst.“ Man stutzt zunächst über derartige Konfessionen.

          Sie scheinen, wenn nicht naiv, dann doch von einer solchen Allgemeinheit, dass jeder sich mit ihnen einverstanden erklären, jeder sie als Versuchungen seines eigenen Lebens darlegen könnte. Und doch machen sie im Kontext der konkreten biographischen Erzählungen eher staunen darüber, dass hier eine Figur aus dem politischen und medialen Hochbetrieb offenkundig nicht dem Zynismus verfallen ist, dass hier jemand Ideale behauptet, ohne sie gleich wieder psychologisierend zu entmachten und sich im Gegenteil an diesen Idealen zu messen bereit ist. Das verdient für sich genommen schon Respekt und hat als Lebenshaltung der Dankbarkeit und Demut etwas Anrührendes gerade bei jemandem, den man als provokanten Politiker und durchsetzungsstarken Manager im Gedächtnis behalten hat.

          Geh durch die dunklen Täler, immer weiter bis zum Ziel

          „Ab meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr habe ich mich endlich, dann aber viel zu sehr in die Arbeit gestürzt. In meiner Arbeitswut habe ich es versäumt, den Menschen, die bereit waren, meine Wege mitzugehen, die Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken, die sie brauchten. Irgendwann habe ich sie alle verloren. Es wurde schwer, mit mir zu leben - selbst für mich.“

          Nicht weniger hart kommt einen die Schilderung des Schicksals von Todenhöfers Tochter Nathalie an, die mit neunzehn Jahren mit Multiple Sklerose (MS) zusammenbrach und sich heute als Leiterin einer von Todenhöfer initiierten Stiftung um MS-Kranke in Not kümmert. „Ich habe - nach eigenen Fehlern, aber auch nach Schicksalsschlägen wie Nathalies Zusammenbruch - in manchen Nächten bis zum Morgengrauen senkrecht im Bett gesessen und gedacht, es gehe nicht mehr weiter. Es geht weiter. Du darfst nur nicht aufgeben! Du musst durch viele dunkle Täler gehen, um dein Ziel zu erreichen. Wie ich das Nathalie und anderen schwerkranken Menschen erklären soll, weiß ich allerdings auch nicht.“

          Wohlstand erschwert die Kindererziehung

          Es ist ein beruflich erfolgreiches - als Stellvertreter seines früheren Klassenkameraden Hubert Burda führte er lange Jahre das Medienunternehmen - und durch Schicksalsschläge versehrtes Leben, das Todenhöfer hier mit leichter Hand beschreibt. „Es klingt seltsam, wenn das ein wohlhabender Mensch sagt. Aber manche meiner Sorgen kamen erst mit dem Wohlstand. Er gab mir manches, aber er nahm mir auch viel. Er gab mir einige Bequemlichkeiten. Aber er nahm mir die Zeit für mich und meine Familie, meine innere Ruhe, meine Freiheit und mein Glück. Ich fand plötzlich keine Zeit mehr zu leben. Und er machte die Erziehung und Motivation meiner Kinder schwer.“

          Für die Schicksalsschläge stehen die Tochter Nathalie, der Bruder Joachim. Dieser hatte sich das Leben genommen, nachdem er bei der Bundeswehr durch eine Prüfung gefallen war. Auf einen Zettel hatte er in den letzten Minuten seines Lebens - als sein Vater, Staatsanwalt und Richter, gerade zum Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Karlsruhe befördert worden war - geschrieben: „Lieber Vati, ich gratuliere dir noch einmal zu deiner Ernennung zum Senatspräsidenten. Du hast jetzt alles erreicht. Seit heute weiß ich, dass ich nichts erreichen werde. Bitte verzeih mir! Ich habe dich sehr lieb. Dein Joachim.“

          Sein Vater, so schreibt Todenhöfer, habe diesen Schicksalsschlag, der ihn im Augenblick des höchsten Glücks traf, nie überwunden. „Zu groß war sein Schmerz. Ich habe ihn nie mehr fröhlich lachen hören. Jeden Tag, fast vierzig Jahre lang, ging er zu Fuß zum Grab seines Sohnes am anderen Ende der Stadt. Bei Wind und Wetter. Er wollte bei ihm sein. Zum Fußballstadion, das in der Nähe des Friedhofs lag, ging er nie mehr. Er hatte es früher so gerne besucht.“

          Leben heißt Schuldigwerden

          Das Buch, das solche Begebenheiten erzählt, ohne dass je die Frage aufkäme: Was geht mich das an? - dieses Buch bezieht seine Dramaturgie aus der nicht verleugneten, sondern ebenso diskret wie eindringlich skandalisierten Tatsache, dass Leben Schuldigwerden bedeutet. So geht die Geschichte des tragisch ums Leben gekommenen, eigenbrötlerischen Bruders Joachim bei Todenhöfer noch weiter: „Auch ich habe Joachim, der drei Jahre jünger war als ich, nie geholfen. Ich habe ihn gnadenlos alleingelassen. Nie habe ich ihn zu irgendeiner Party mitgenommen oder Freundinnen und Freunden vorgestellt. Stattdessen habe ich ihn wegen seiner Kontaktarmut mit saudummen Bemerkungen kritisiert wie: ,Dann sitz halt nicht so blöd zu Hause rum!' Nie habe ich ihm ein gutes, ein liebes Wort gesagt, nie, nie, nie.“

          Das schreibt wiederum jemand, der meint, sich wegen seines individualistischen Lebensstils anderen „nicht zumuten“ zu können - „zwei durch mein Verschulden gescheiterte Ehen sagen hierzu alles“ -, jemand, von dem lange vor diesem Buch bekannt war, dass er sein Vermögen konsequent für wohltätige Zwecke einsetzt. So sorgte auf seine Weise auch Todenhöfer für Aufsehen durch Afghanistan-Visiten. In Kabul hatte er mit dem Honorar eines seiner Bücher ein Waisenhaus gebaut. Wegen des extremen Klimas begannen nach und nach der Putz abzublättern und die Wasserhähne zu wackeln. Aber keiner wollte richtig anpacken, erzählt der Autor.

          Rein in den Blaumann und angepackt!

          „Also zog ich mir bei meinem Besuch im Februar 2010 einen blauen afghanischen Arbeitsanzug an. Dann machte ich mich an die Renovierung der Toilette des Verwaltungspersonals. Sie war der heruntergekommenste Raum des ansonsten wunderschönen Heims, das von einem deutsch-afghanischen Förderverein betrieben wird. Ich brauchte einen ganzen Nachmittag, um mit einem Spachtel die alte Farbe abzuschaben und anschließend das Klo zu reinigen. Es war eine schmutzige, mühsame Arbeit. Zwei Tage später benötigte ich nur noch ein paar Stunden, um den Klowänden einen neuen Anstrich zu verpassen. Ich habe keine Ahnung, wie lange die Farbe halten wird. Aber ich weiß wieder, wie hart Handwerker und Putzhilfen arbeiten müssen, um ihre Familien zu ernähren. Und woher ich komme und wie sehr mich das Leben verwöhnt hat.“

          Der Klempner Todenhöfer hat die Stiftung „Sternenstaub“ ins Leben gerufen, die sich um Kinder in Afghanistan, in Pakistan, im Irak, im Kongo, in Israel und in Palästina kümmert. Sowie um alte einsame Menschen in München. Im Irak finanziert sein Projekt „Wir sind die Welt“ Arm- und Beinprothesen für Kinder, die der Krieg verstümmelt hat. „Siebzehn irakische Kinder laufen inzwischen mit unseren Prothesen herum. In Afghanistan bauen wir zur Zeit ein Heim für afghanische Mädchen und Jungen, die durch westliche Waffen zu Waisen wurden. Sie sollen eine gute Schulausbildung bekommen. Auch das Honorar, das ich für dieses Buch erhalte, wird für die Ausbildung dieser Kinder eingesetzt.“

          Unterwegs in privater Friedensmission

          In all diesen Ländern ist Todenhöfer seit Jahren in privater Friedensmission unterwegs. Was sich in seiner Zeit als entwicklungspolitischer Sprecher der Unionsparteien vorbereitete - seine kritische Sicht auf die martialischen Demokratie-Exporte des Westens in die Länder des Nahen Ostens -, nimmt sich heute wie ein persönlicher Feldzug gegen den „westlichen Terror im Namen der Tugend“ aus. Mit ganzseitigen Anzeigen in der amerikanischen Presse hat Todenhöfer gegen den Irak-Krieg protestiert. Nun bekräftigt er die Anklagen gegen den westlichen „Staatsterrorismus“.

          Ein Mann mit der moralischen Empfindlichkeit Todenhöfers - einer Empfindlichkeit, die an seiner eigenen Person leidet wie an den Kriegsverstümmelten dieser Erde - ist, wie er schreibt, „auf Reisen leise geworden“. Sein sehr persönliches, wunderbares Buch erzählt, warum das nicht anders sein kann.

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