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Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe : Im Tierreich trifft man sich nicht zum Kaffeetrinken

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Bild: Verlag

Ob Charles Darwin das kommen sah? Judith Schalansky hat mit „Der Hals der Giraffe“ einen aufregend trockenen Roman über die brennenden Fragen unserer Zeit geschrieben.

          Die Pilze werden uns überleben. Spezialisiert darauf, die Überreste anderer zu verwerten, verkörpern sie den Lauf der Natur am konsequentesten. „Leben vom Tod anderer. Das taten natürlich alle. Das war das Prinzip alles Lebendigen, auch des noch so hoch entwickelten. Aber das war ja tabu, das wollte wieder keiner wahrhaben.“

          Inge Lohmark hat keinen leichten Beruf. Als Biologielehrerin am Charles-Darwin-Gymnasium in einer Kleinstadt im hinteren Vorpommern unterweist sie die Letzten ihrer Art in den Gesetzen der Natur. Für Parallelklassen gibt es in der Gegend nicht mehr genug Nachwuchs; gerade zwölf Schüler hat die neunte Klasse, die, noch träge von den Sommerferien, nun zu Beginn des neuen Schuljahrs vor ihr sitzt, und wenn dieser schlappe Haufen in vier Jahren fertig ist, wird die Schule dichtgemacht. Bis dahin wird Inge Lohmark diesem armseligen „Nachschub fürs Rentensystem“ aber schon noch beibringen, dass im Überlebenskampf nur eine Chance hat, wer sich an die Verhältnisse anpasst. So, wie sie selbst es stets getan hat, ob nach der Wende oder noch zu DDR-Zeiten. Und überhaupt: „Geschadet hatten die paar Berichte niemandem“, und schließlich hat „Moral in der Biologie genauso wenig zu suchen wie Politik“. Ihr Mann Wolfgang, der früher als Veterinärtechniker Kühe mit Gefriersperma besamt hat, züchtet jetzt eben Strauße. Und was sie selbst angeht, so hat Inge Lohmark über dreißig Jahre hinweg eine klare Vorstellung von effektivem Unterricht entwickelt: „Zum professionellen Verständnis gehörten keine Nähe, kein Verständnis.“

          Spielerische Vorstellungslust und wissenschaftliche Exaktheit

          In ihrem biologistischen Weltbild gehören Nähe und Verständnis auch sonst nirgends hin. Liebe? „Ein scheinbar wasserdichtes Alibi für kranke Symbiosen.“ Die Ehe? Eine Zweckgemeinschaft. „Man blieb ohnehin nur deshalb zusammen, weil die Aufzucht der Jungen unendlich aufwendig war.“ Im Fall von Inge und Wolfgang ist das allerdings nur eine Tochter, Claudia, und die ist vor zwölf Jahren auf Nimmerwiedersehen nach Kalifornien ausgewandert und macht keine Anstalten, Kinder in die Welt zu setzen. „Das tote Ende einer Entwicklung. Aber die Strauße sahen ihre Küken ja auch nie wieder. Im Tierreich kam man sonntags nicht zum Kaffeetrinken vorbei.“ Wer die Gesetze der Natur verinnerlicht, davon ist Inge Lohmark überzeugt, ist gegen Enttäuschungen, Verlustschmerz oder andere, dem Überlebenskampf nicht zuträgliche Regungen gefeit.

          Alles an Judith Schalanskys heute erscheinendem Roman „Der Hals der Giraffe“ ist ungewöhnlich. Da ist zunächst das schöne grobe Leinen, in das er gehüllt ist, mit dem aufgeprägten kopflosen Giraffenskelett und dem Untertitel „Bildungsroman“. Lesend kommt man dann an knapp zwei Dutzend spinnenbeinzarten Illustrationen von Raupe, Pantoffeltierchen und Fruchtfliege über Quallen und Schnabeltier bis hin zum Kreuzungsschema zweier Rinderrassen vorbei. Die Mischung aus spielerischer Vorstellungslust und wissenschaftlicher Exaktheit bewies Judith Schalansky schon in ihrem Schriftkompendium „Fraktur mon Amour“ und der Augenweide ihres „Atlas der abgelegenen Inseln“. Doch nun, in ihrem zweiten Roman, erweitert sie den Lupenblick aufs große Ganze zu einem so fesselnden wie erschreckenden Psychogramm einer Frau, deren Überlebensstrategien zusehends nicht mehr greifen. „Das kluge Tier wartet ab“, sagt sich Inge Lohmark, doch die biologischen Lehrsätze, in denen sie denkt, erweisen sich immer mehr als Worthülsen, eine so wahr und so sinnlos wie die nächste.

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