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Johnny Depp Der Rebell

 ·  Mit „Fluch der Karibik“ spielte er sich in das Gedächtnis von Millionen Zuschauern. Doch Johnny Depp ist weit mehr als nur ein Erfolgsgarant. Er ist ein Außenseiter, dem seine Freiheit wichtig ist. Jetzt erscheint eine neue Biographie über ihn.

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Angesichts des beispiellosen Erfolgs des „Fluchs der Karibik 2“ ist schwer vorstellbar, daß irgend jemand noch nicht wüßte, wer Johnny Depp ist. Das Porträt des Schauspielers von Alexandra Seitz, das in der Reihe „Stars!“ des Bertz und Fischer Verlags erschienen ist, aber könnte die vielen, die ihn nur als Rock-'n'-Roll-Piraten kennen, über all das andere unterrichten, was Johnny Depp außerdem ist und immer sein wollte - Außenseiter und Rebell, Exzentriker und vor allem an einem interessiert: seiner Freiheit.

Wenn man seine Karriere chronologisch und die Regisseure betrachtet, mit denen er bevorzugt gearbeitet hat - Tim Burton, Jim Jarmusch, Terry Gilliam -, versteht sich das fast von selbst. Doch rollt man seine Karriere rückwärts auf, ist es keineswegs selbstverständlich. Denn nichts ist weniger rebellisch, weniger außenseiterisch und gehorcht strikter Hollywoods Geschäftsprinzipien als der Blockbuster mit Fortsetzung und weiterer Fortsetzung, wie Depp sie mit der Piratensaga vorgelegt hat.

Melancholischer Blick als Markenzeichen

Andererseits entspricht seine, sagen wir: ungewöhnliche Rolleninterpretation natürlich überhaupt nicht dem, was man von einem Formelfilm erwarten kann, sondern knüpft eine Verbindung zu anderen Figuren, die er gespielt hat - zum Transvestiten in Julian Schnabels „Before Night Falls“ vor allem, in dem Depp seiner androgynen Ausstrahlung eine radikale Wendung gibt. In jenem Film spielte Depp noch eine andere Rolle, nämlich die des machistischen und gewalttätigen Leutnants Victor. Und in diesen beiden Rollen, so die intelligente Interpretation von Alexandra Seitz, werden die beiden „Extreme der Kino-Persona“ Depps „wie zu Klärungszwecken auseinanderdividiert“, die er in so vielen anderen Rollen in einer Figur zusammenführt. Als Pirat treibt Depp seine sexuelle Uneindeutigkeit dann auf die Spitze, ohne in die billige Tuntenparodie abzusacken. Das will etwas heißen.

Johnny Depp: Biographie

Vor allem heißt es, daß Depp ein deutlich besserer Schauspieler ist als all die anderen, die an der Kinokasse für ähnliche Erfolge sorgen können. Alexandra Seitz zeichnet den Weg nach, den Depp seit seinen Anfängen bei der Fernsehserie „21 Jump Street“ im Jahr 1987 gegangen ist, und belegt an nahezu jeder einzelnen Rolle seit „Cry Baby“ von John Waters aus dem Jahr 1990, wie Depp sich schauspielerische Freiheit verschaffte, zuerst natürlich als „Edward mit den Scherenhänden“, ebenfalls von 1990. Was Depp mit schauspielerischer Freiheit meint, zeigt sich in dieser berührenden Kreatur, die kaum spricht, unendliche Sehnsucht ausstrahlt und am Ende nicht bekommt, was sie am meisten begehrt. Er erfand ihren roboterhündchenhaften Gang, den winzigen Mund und vor allem natürlich den unsagbar melancholischen Blick, dem auch Alexandra Seitz nicht widerstehen kann. Wenn sie von Depps Augen spricht, ist sie nur noch Fan.

Zwischen Dazugehören und Ausgeschlossensein

Nicht nur deshalb ist es schade, daß die Autorin offenbar keine Möglichkeit hatte, mit Johnny Depp selbst oder irgendwem zu sprechen, der sich mal eine Weile in seiner Nähe aufgehalten hat, einem seiner Regisseure etwa. So saugt sie all ihre Informationen aus Interviews in Zeitschriften und Zeitungen, die sie noch in ihren banalsten Äußerungen säuberlich als Anmerkung verzeichnet, als traue sie sich nicht, die gesammelten Informationen in eine eigene Erzählung zu packen. Für ein Buch dieser Art, das schnell zu lesen sein muß, scheinen haufenweise Zitate, teilweise auch noch unübersetzt, und Anmerkungen in dieser Fülle keine gute Idee.

Der zentrale Punkt ihrer Argumentation aber trifft genau, was Johnny Depp auch heute noch abseits des Erwartbaren im Mainstream stellt - daß die Figuren, die Depp spielt, am Rand stehen, irgendwo an der Grenze zwischen Dazugehören und Ausgeschlossensein, Drinnen und Draußen, daß sie die Unangepaßten und Einsamen sind und daß Entfremdung das „Thema seiner Darstellung“ sei. Sie beschreibt Depps Karriere als ständiges Hin und Her zwischen Image und Imageverweigerung und bescheinigt ihm, daß er einer der wenigen sei, die sich nicht, jedenfalls nicht langfristig, zu einem Produkt machen ließen. Käpt'n Sparrow, Figur aus einem Themenpark und aus demnächst drei der erfolgreichsten Filme aller Zeiten - ein Gegenentwurf, ein rebellischer Akt.

Alexandra Seitz: „Johnny Depp“. Bertz + Fischer GbR, Berlin 2006. 190 S., Abb., br., 9,90 Euro.

Quelle: F.A.Z., 17.08.2006, Nr. 190 / Seite 39
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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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