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John Rawls: A Brief Inquiry into the Meaning of Sin and Faith : Das höchste Gut bleibt außen vor

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Bild: Verlag

Zwei postum edierte Texte von John Rawls zeigen, wie ernsthaft und früh sich dieser einflussreiche philosophische Theoretiker des Liberalismus mit dem Eigensinn der Religion vertraut machte.

          Im Werk von John Rawls ist die Religion nicht nur Thema, sondern auch Motiv. Unüberhörbar sind die Anklänge an biblische Sprachbilder in den Schlusszeilen seiner epochemachenden „Theorie der Gerechtigkeit“ von 1971, wenn er die „Reinheit des Herzens“ als moralisches Ideal beschwört. Gewährleistet wird es durch einen hypothetischen Urzustand, in dem die Einzelnen die normativen Grundstrukturen ihres Zusammenlebens hinter einem „Schleier des Nichtwissens“ festlegen, der eigene Ziele, Interessen und Dispositionen ausblendet. Rawls’ Urzustand soll erlauben, unsere Welt und uns selbst ganz vernünftig sub specie aeternitatis zu sehen, vom je eigenen Standpunkt aus und doch aus dem Blickwinkel der Ewigkeit, „nicht nur unter allen gesellschaftlichen Gesichtspunkten, sondern von allen Zeiten her“.

          Rawls selbst sah seine Gerechtigkeitstheorie zunehmend durch die Tatsache des Pluralismus, vor allem des religiösen Pluralismus, herausgefordert. In seinem „Politischen Liberalismus“ von 1993 stellt er die Frage in den Mittelpunkt, wie die Anhänger einer auf die Autorität von Schrift, Tradition oder Lehramt gegründeten religiösen Doktrin zugleich die liberalen Grundstrukturen einer gerechten demokratischen Gesellschaft akzeptieren können.

          Wissen um den Eigensinn der Religion

          Lange vor der vielbeschworenen „Wiederkehr der Religion“ beschäftigte Rawls deren politische Rolle. Über seine eigene Religion allerdings schwieg er sich in seinen Büchern aus. Die sei nur für ihn selbst von Interesse, schrieb er 1997 in einem kurzen Text, der erst nach seinem Tode 2002 auf der Festplatte seines Computers gefunden wurde. Dass Rawls, ungeachtet aller persönlichen Gründe für seine Zurückhaltung, mit dieser Einschätzung unrecht hatte, erweist eine postume Neuerscheinung, deren Lektüre das Denken des großen Liberalen neu erschließt.

          Seine nur wenige Seiten umfassende Stellungnahme „On My Religion“ ist gerade gemeinsam mit einem nicht weniger faszinierenden Text erschienen, der die in dem späten Selbstzeugnis des Philosophen skizzierte religiöse Entwicklung im Detail illustriert. Die Ende 1942 beim Department of Philosophy der Princeton University eingereichte Abschlussarbeit des einundzwanzigjährigen Rawls, unlängst vom Religionswissenschaftler Eric Gregory wiederentdeckt, belegt jene ernsthafte Beschäftigung des jungen Studenten mit theologischen Fragen, von der der berühmte Philosoph sich im Rückblick Rechenschaft gibt. In der Zusammenschau zeigen beide Texte, dass Rawls’ dezidiertes Votum für eine Trennung von Religion und Politik in einer profunden religiösen Leidenschaft und einem tiefen Wissen um den Eigensinn der Religion gründet.

          Theologische Standortbestimmung

          Als Rawls an seiner Abschlussarbeit schrieb, überlegte er ernsthaft, in ein Priesterseminar der Episkopalkirche einzutreten. Im Elternhaus hatte er Religion nur als blasse Konvention erlebt, während des Studiums wurde er überzeugter Christ in der episkopalen Tradition – „orthodox“, wie er rückblickend schreibt. In seiner mit Höchstnoten bewerteten Arbeit „A Brief Inquiry into the Meaning of Sin and Faith: An Interpretation Based on the Concept of Community“ scheinen bereits die zentralen Themen und Ideen seiner späteren Schriften zur politischen Theorie auf. Und dies, obgleich das Politische gänzlich ausgeklammert bleibt.

          Dem Autor ging es vor allem, wie der Religionsphilosoph Robert Merrihew Adams erläutert, um die eigene theologisch-ethische Standortbestimmung im konfliktgeladenen intellektuellen Klima der von Karl Barth inspirierten Neoorthodoxie. Doch in seinem Verständnis der Begriffe „Sünde“, „Glaube“ und „Gemeinschaft“ scheint bereits sowohl die später zentrale Bedeutung einer aus Individuen konstituierten Gemeinschaft auf wie das Plädoyer für eine durch personale Beziehungen bestimmte Moral, die die Frage nach einem „höchsten Gut“ außen vor lässt. Auch die strikte Ablehnung jeder utilitaristisch begründeten Gesellschaftsvertragstheorie ist, in der Auseinandersetzung mit den Positionen Reinhold Niebuhrs, bereits vorgezeichnet.

          Jean Bodin als Anreger

          Nach dem Erwerb seines Bachelorgrades entschied sich Rawls, vor dem Eintritt ins Priesterseminar in der U.S. Army zu dienen. Die Kriegserfahrung veränderte alles: Im Juni 1945 hatte Rawls seinen christlichen Glauben hinter sich gelassen, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Ereignisse des Holocaust. „Wie sollte ich beten und Gott um Hilfe bitten, obgleich er Millionen Juden nicht vor Hitler gerettet hat?“, fragt er in seinem Text von 1997. 1946 kehrt Rawls nach Princeton zurück, um ein philosophisches Promotionsstudium zu beginnen. Seine Beschäftigung mit der Geschichte der Inquisition verschärft die Zurückweisung einer christlichen Dogmatik und Tradition, die immer wieder politische Macht dazu genutzt habe, ihre Vormachtstellung zu etablieren und andere Religionen zu unterdrücken.

          Doch ebenso wie Gott blieb auch die Überzeugung von Wert und Bedeutung der Religion im Hintergrund seines Denkens präsent. Indem er eine politische Form des Liberalismus entwickelte, die Pluralität ermöglicht und befördert, suchte Rawls zu beweisen, dass kulturelle und religiöse Toleranz auch und gerade von Glaubenden verwirklicht werden kann. Dissens über die Natur der Welt, das Ziel des Lebens oder den Weg zum Heil ist für ihn kein Desaster, sondern die natürliche Konsequenz der freien Betätigung des Verstandes.

          Sein anspruchsvoller politischer Liberalismus setzt indes voraus, dass sich alle Mitglieder einer pluralen Gesellschaft gemeinsamen politischen Institutionen und einem vernunftgeleiteten öffentlichen Diskurs verschreiben, in dem sie ihre Gründe und Intuitionen in eine allgemeinverständliche Sprache übersetzen. Er verlangt ein Ethos der Toleranz, wie es Rawls bei dem Katholiken Jean Bodin fand, auf den er sich in seinen späten Reflexionen bezieht. Nach Rawls’ Lesart ist für Bodin die Toleranz, deren politische Unabdingbarkeit er betonte, vor allem religiös begründete Pflicht, die Streit und Kontroverse verbietet. Der vernunftgeleitete Austausch über weltanschauliche Differenz wird in dieser Perspektive ebenso „wichtiger Teil des religiösen Lebens“ wie die respektvolle Akzeptanz des Nebeneinanders unterschiedlicher Überzeugungen.

          John Rawls: „A Brief Inquiry into the Meaning of Sin and Faith“. With „On My Religion“. Edited by Thomas Nagel. With commentaries by Joshua Cohen and Thomas Nagel, and by Robert Merrihew Adams. Harvar

          Quelle: FAZ.NET

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