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Johan Huizinga: Amerika Die Zukunft hieß Amerika

Seine Schilderung der Welt des Mittelalters hat ihn berühmt gemacht. Nun kann man Johan Huizinga auch als Zeitdiagnostiker kennenlernen.

© Verlag Vergrößern

Der Ruhm des niederländischen Kulturhistorikers Johan Huizinga beruht auf einem einzigen Buch: „Herbst des Mittelalters“. Daneben haben sich allenfalls seine Essays über Erasmus und über den „Homo ludens“ behauptet. Huizinga gilt als Meister der Schilderung vergangener Welten, die er auf einzigartige Weise zu beleben verstand. So hat er das ausgehende Mittelalter durch Betrachtungen zu Literatur und Kunst in ein ganz neues Licht gerückt. Es war die Kunst, aus der er die Wesenszüge der Epoche herauslas.

Damit glückte ihm etwas Seltenes, wenn nicht Einzigartiges: diese Zeit nicht, wie es üblich geworden war, in die Bewegung der europäischen Renaissancen einmünden zu lassen, sondern als Abgesang, als Ausklang, eben als Herbst des Mittelalters zu sehen, in dem sich Neues, nie Gesehenes als späte Blüte zeigte. Diese Umdeutung einer Spätzeit zur Quelle eines unvordenklich Neuen faszinierte die Zeitgenossen, die dadurch einen Sinn für die innovatorischen Kräfte einer Spätkultur bekamen. Sollte nicht auch das Europa, das man als überaltert empfand, ähnliche Blüten hervorbringen können? Wenn schon keine Renaissance, dann wenigstens Keime des Neuen im Alten. Bis heute gilt dieses Epochenverständnis als Durchbruch zu einer neuen Kulturgeschichte.

Herantasten an Kulturprobleme der Gegenwart

Das übrige Werk Huizingas wurde dadurch in den Schatten gerückt, ein solches Zauberkunststück lässt sich nicht ohne weiteres wiederholen. Es ist insofern eine Überraschung, wenn jetzt aus der Feder des Mittelalterhistorikers ein Buch über Amerika erscheint, von dessen Existenz wohl nur Fachkollegen wussten: „Mensch und Masse in Amerika“. Es erschien 1918, ein Jahr vor „Herbst des Mittelalters“. Vielleicht wurden beide Werke gleichzeitig von ihrem Verfasser redigiert. Man möchte deswegen eine gewisse Komplementarität zwischen beiden Büchern vermuten. Während das eine Alteuropa erkundet, blickt das andere auf Amerika als die von diesem Europa losgelöste Entfaltung eines Neuen. Die deutsche Ausgabe ergänzt das Buch von 1918 durch Betrachtungen unter dem Titel „Amerika - Leben und Denken“, die 1926 zuerst erschienen, und ein erst jüngst in den Niederlanden veröffentlichtes Tagebuch von April bis Juni 1926, vor allem über Begegnungen an amerikanischen Universitäten.

Nun sind Statur und Rang der beiden kulturhistorischen Werke kaum zu vergleichen. Das eine das Ergebnis vieljähriger Vertiefung in den Reichtum der Welt des ausgehenden Mittelalters, das schmale Amerikabuch eher eine aus Vorlesungen hervorgegangene Skizze, ein Herantasten an Kulturprobleme der Gegenwart. Huizingas Amerikastudien können ihren experimentellen Charakter nicht verleugnen. Wenn auch nicht ausdrücklich, wollen sie ein Urteil über gegenwärtige Verhältnisse gewinnen, auch auf deren Auswirkung auf Europa.

Automatisierung des Gemeinschaftslebens

Damit greift Huizinga die Fragestellung von Alexis de Tocquevilles Werk über die „Demokratie in Amerika“ noch einmal auf, das die Eigenart der Institutionen und Lebensformen der amerikanischen Demokratie mit Blick auf die Zukunft Europas zu erkennen suchte. Nach mehr als einem halben Jahrhundert war das prognostische Interesse noch nicht erlahmt, wenn auch verhaltener formuliert. Huizinga hielt sich mit weit ausgreifenden Prognosen zurück, aber die Frage, in welchem Maße die Vereinigten Staaten die Zukunft sind, war nicht weniger beunruhigend als zur Zeit Tocquevilles. Mit dem Weltkrieg waren die Vereinigten Staaten erstmals nach Europa gekommen.

Von dieser Gegenwart spricht Huizinga allenfalls implizit. In gedrängter Form, fast in einem amerikanischen Tempo, lässt er die Geschichte der Vereinigten Staaten Revue passieren. Dabei rückt er die politischen Ereignisse in den Hintergrund. Ungleich wichtiger ist ihm, was in den Überschriften seiner Essays schlagwortartig beschworen wird: Individualismus und Assoziation, die Automatisierung des Gemeinschaftslebens und Staatssinn und Geschäftsgeist.

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Veröffentlicht: 05.10.2011, 20:00 Uhr