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Joachim Whaley: Germany and the Holy Roman Empire So tiefgründig kann deutsche Geschichte sein

Ein Muster historischer Gelehrsamkeit - und ein Lesevergnügen: Joachim Whaley legt den ersten Teil seiner Geschichte des Heiligen Römischen Reiches vor.

© Verlag

Seit Jahren wurde in der Fachwelt gemunkelt, dass Joachim Whaley an einem Opus magnum arbeite, deutsche Archive besuche und immer wieder längere Forschungsaufenthalte, zum Beispiel in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, absolviere. Das stimmte. Sein Buch „Germany and the Holy Roman Empire“ ist die erste moderne englischsprachige Gesamtdarstellung der frühneuzeitlichen deutschen Geschichte, die aus einer Hand stammt. Das Werk ist mit mehr als 1400 Seiten das umfänglichste, das in jüngerer Zeit zu diesem Abschnitt der deutschen Geschichte erschienen ist, und wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, den Rang eines Standardwerkes behaupten - nicht nur in der anglophonen Welt.

Im Mittelpunkt steht das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Die Darstellung widerlegt die tradierte Annahme eines Mangels deutscher nationaler Identität vor Ausbruch der Revolutionskriege. Whaley folgt damit der neueren deutschen Geschichtsschreibung, knüpft unter anderem an Georg Schmidt an und entkräftet zudem die traditionelle Vorstellung, dass die Frühe Neuzeit für das Reich eine Periode des Niedergangs gewesen sei. Der erste Band, um den es hier geht, beginnt mit dem Regierungsantritt des späteren Kaisers Maximilian I. als Erzherzog von Österreich 1493 und führt bis zum Westfälischen Frieden 1648. Der zweite Band reicht bis zum Untergang des Reiches 1806. Womit soll man dieses erratische Monument angelsächsischer Gelehrsamkeit vergleichen?

Das Ende der feudalen Anarchie

Vielleicht mit Peter H. Wilsons 2009 bei Penguin erschienenen „Europe’s Tragedy“, der knapp tausendseitigen neuen Geschichte des Dreißigjährigen Krieges? Seit der vierbändigen Darstellung Karl Otmar von Aretins „Das Alte Reich 1648 bis 1806“, die zwischen 1993 und 2000 erschien, gibt es nichts, was der Leistung Wilsons oder Whaleys entspräche. Wilson ist Professor an der University of Hull, Whaley Senior Lecturer für deutsche Geschichte in Cambridge. Angesichts der Lehr- und Verwaltungsbelastung deutscher Hochschullehrer ist es unwahrscheinlich, dass ein deutscher Historiker in absehbarer Zeit ein vergleichbares Werk zu dieser Schlüsselepoche der deutschen Geschichte vorlegen wird.

Im ersten Band von Wahleys Werk stehen die Spannungen im Vordergrund, welche zur Reformation führten, die Aufspaltung der reformatorischen Bewegung in verschiedene Zentren und Richtungen sowie ihre Auswirkungen auf das Alte Reich und die deutsche Gesellschaft. Whaley zeigt, wie sich die Institutionen des Reiches infolge von Krisen herausbildeten. Die Etablierung der höchsten Gerichtsbarkeit, des Reichskammergerichts und später des Reichshofrats, beendeten mit Hilfe der Reichsexekutionsordnung sowie der 1500 beziehungsweise 1512 geschaffenen, erst sechs, dann zehn Reichskreise die feudale Anarchie in all jenen Teilen des Reiches, in denen die Landesherren dies nicht selbst leisten konnten.

Experte für Ideengeschichte

Joachim Whaley demonstriert, wie das Reich als Ganzes die Reformation „meisterte“, durch die Einführung einer neuen, nicht konfessionsneutralen, aber der konfessionellen Differenz angepassten Geschäftsordnung, dem Augsburger Religionsfrieden von 1555. Die Leser erfahren, wie die Verfassung des Reiches und die kaiserlichen Wahlkapitulationen ständig umkämpft waren und sich so stetig weiterbildeten. So entstand ein funktionierendes politisches System eigener Art. Den Dreißigjährigen Krieg betrachtet der Verfasser unter Berücksichtigung einer Vielzahl zusätzlich intervenierender Variablen im Grunde als einen deutschen Verfassungskonflikt. Ähnlich hatte Johannes Burkhardt 1992 diese blutige Scheitelepoche der Frühen Neuzeit als einen Staatsgründungskrieg charakterisiert und diese Bewertung 2006 im „Gebhardt“, dem klassischen Handbuch der deutschen Geschichte, bekräftigt.

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