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Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie : Aus den Wäldern auf die Gipfel

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Gewaltlos immer, doch mit recht disparaten Zielen: Der Historiker Joachim Radkau hat eine imposante Weltgeschichte der Umweltbewegungen vorgelegt.

          Wo anfangen? Diese Frage muss, obwohl in Geschichtsfragen alles andere als ungeübt, für den Bielefelder Historiker Joachim Radkau die entscheidende Hürde gewesen sein, nicht schon früher den großen umwelthistorischen Wurf zu wagen. Am Thema selbst jedenfalls kann es kaum gelegen haben. Radkau ist seit vier Jahrzehnten mit ökologischen Themen befasst. Und er ist überdies ein „Öko“, wie man so sagt, ein Überzeugungstäter. Genau darin liegt aber offenbar sein Problem als Historiker: Kaum eine soziale Bewegung ist - nach seinen Maßstäben jedenfalls - geschichtsblinder als die internationale Ökoszene.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Mögen zu ihr auch viele Intellektuelle zählen, klagt Radkau, für die eigenen Wurzeln haben sich die wenigsten auch nur ansatzweise interessiert. Dieser Vorwurf gipfelt in einer beinahe selbstentlarvenden Feststellung: Substantielle Auskünfte zur Ökoära, dieser nach Radkaus Überzeugung „neuen grünen Aufklärung“ der Moderne, dürfen wir von allen erwarten, nur eben nicht von den Ökos und jener bunten Schar an „kritisch-reformerischen Intellektuellen“, die sich seit 1970 hinter die Bewegung gestellt haben.

          Hoffnung spendende Konstante

          Man darf hier getrost festhalten: Radkau hat sich von diesen Akteuren emanzipiert. Er hat es geschafft, als Öko eine „grüne Weltgeschichte“ zusammenzutragen, wie man sie in der Fülle an ökologischen Motiven, an charismatischen Figuren und politischen Verflechtungen bisher noch kaum irgendwo lesen konnte. Er markiert den Beginn der Umweltbewegungen mit dem „Naturkult“, der Waldromantik und der zugleich grassierenden Holznot zu Zeiten der Aufklärung. Damals wurden deutsche Regionen international zu Vorreitern der Aufforstung und Japan zu einem östlichen Pionier der nachhaltigen Forstwirtschaft.

          Radkau sympathisiert offen mit diesen Bewegungen. Er hält die in ihnen zum Ausdruck kommende, tief verwurzelte Naturliebe angesichts der vielen inneren Widersprüche in der Ökoszene für eine Hoffnung spendende Konstante: Natur und Umweltschutz, sogar Vegetarismus und auch das Klima (“der härteste Brocken“), könnten durch das, was der Biologe Edward O. Wilson als die „Biophilie“ des Menschen bezeichnete, vielleicht doch noch zu einer „machtpolitischen Chance“ neben dem allmächtigen Wirtschaftswachstum kommen.

          Charismatische Leitfiguren

          Man muss solche Wertungen Radkaus nicht unbedingt teilen. Zudem lassen manche seiner Ausführungen vor allem in den ersten Kapiteln, in denen er dem Leser das begriffliche „Chamäleon Umweltschutz“ näherzubringen sucht, sprachliche Klarheit vermissen. Der einfließende Expertenjargon sorgt fast für Überdruss - bis dann endlich der Sprung ins Historische gelingt. Diese Teile freilich, immerhin gut drei Viertel der fast achthundert Seiten, entschädigen mit spannender Geschichte. Genauer: mit Erzählungen und Geschichtszahlen, wie sie vorher wohl in keiner Darstellung zu finden waren.

          Wichtig war dem Autor, nicht nur die Geschichte der international durchaus bedeutenden deutschen Umweltschutzbewegungen und -politik zu erzählen. Vor allem die amerikanische Naturschutzbewegung, die weit bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreicht und die er als die eigentliche Vorläuferin der späteren europäischen Umweltszene ansieht, beleuchtet Radkau genau. Die Beschreibung ihrer charismatischen Leitfiguren von Julian Huxley über Rachel Carson (“Der stumme Frühling“) bis David Brower (dem Erfinder von „global denken, lokal handeln“) hat Radkau aus vielen Quellen zusammengetragen, das Internet natürlich eingeschlossen.

          Zwischen Tschernobyl und dem Erdgipfel

          Ein blindes Zusammentragen an Fakten war das dennoch keineswegs. Vielmehr liefert Radkau immer wieder aufschlussreiche Hintergrundinformationen, die erkennen lassen, warum die Umweltinitiativen insgesamt keiner gemeinsamen Theorie, geschweige denn gemeinsamen Zielen folgen. Die einzige Konstante, die Radkau dabei ausmacht: Gewaltlosigkeit als sympathischer Wesenszug, trotz der zuweilen tiefen politischen Konflikte - man denke nur an die Anti-atombewegung. Diesen Zug entdeckt Radkau in allen „drei Zeitfenstern“ der Ökobewegung. Bei den ersten Natur- und Heimatverteidigern im achtzehnten Jahrhundert genauso wie bei den Vorkämpfern eines Umweltaktivismus, der aus der Hygienebewegung und dem Tierschutz vor hundert Jahren hervorging. Und noch deutlicher im zweiten Zeitfenster um 1970 - dem Jahr der „ökologischen Revolution“ und des ersten „Earth Day“.

          Geprägt sind diese ökologischen Wendejahre - genauso wie jene im „dritten Zeitfenster“ zwischen Tschernobyl und dem Erdgipfel - von äußeren Konflikten in einem immer stärker ausufernden Ökokonferenz- und Vertragswesen und noch viel mehr von inneren Zielkonflikten, wie sie auch die heutigen Auseinandersetzungen um die Klimapolitik bestimmen. Konflikte, die Radkau nüchtern und ohne Alarmismus betrachtet sehen will. Es seien Widersprüche, mit denen man eben zu leben wissen müsse. Der Staat als traditioneller Widerpart sei dabei durchaus nicht immer das tatsächlich geeignete Feindbild der Umweltbewegungen: Denn „dass der Umweltschutz von der ,Bewegung zur Verwaltung' wird, ist bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich“.

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