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Veröffentlicht: 03.12.2012, 16:30 Uhr

Joachim Fischer: Wie sich das Bürgertum in Form hält Am Ende ist eben doch alles eine Frage der Form

Aber davor bitte zum Workout ins Kunstmuseum: Joachim Fischer fasst sein Lob des Bürgers in soziologische Begrifflichkeit. Doch auch inhaltlich bleiben Ärgernisse.

von Jochen Schimmang
© Verlag

Vor einigen Jahren gab es bei uns diese etwas putzige Debatte um die Neue Bürgerlichkeit, bei der man nie genau wusste, ob es sich dabei um Kleidervorschriften, die Wahl des richtigen Restaurants in der Hauptstadt (Borchardt: „Essen zwischen Tradition und Weltoffenheit“), die Wahl der richtigen Schule oder um einen Kampfbegriff gegen die gleichzeitig erfundene „Neue Unterschicht“ handelte. Diese Diskussion ist inzwischen glücklicherweise verdampft, und mit ihr hat Joachim Fischers Buch auch eigentlich nichts zu tun - und entkommt ihr doch nicht ganz.

Zunächst einmal hat es einen Geburtsfehler. Es handelt sich um die Überarbeitung, Kompilation, Kombination und Erweiterung von vier Aufsätzen, die bereits in verschiedenen Sammelbänden und Zeitschriften erschienen sind. Das führt zu erheblichen Redundanzen und damit beim Leser hier und da zu Ermüdung.

Fischer geht von drei miteinander gekoppelten Grundthesen aus, die er anhand verschiedener Teilsysteme immer wieder neu auflegt und illustriert. Die erste Grundthese lautet, dass das Bürgertum, historisch eigentlich schon dem Untergang geweiht, im Bewusstsein der eigenen Kontingenz überlebt hat, also „nicht unbedingt notwendig für die Lebensform der Moderne, aber umgekehrt auch nicht notwendig“ verschwindend ist.

Wer hält am längsten durch?

Diese „unwahrscheinliche Sozialfigur“ Bürger ist sogar nach 1989 zur „Prägnanzgestalt der sozialen Gegenwart“ geworden, unter anderem auch deshalb, „weil hier nicht traditionale und feudale Gesellschaften, also nicht vormoderne, sich in moderne verwandeln (. . .), sondern bereits moderne Gesellschaften sich in bürgerliche Gesellschaften transformieren“. Und drittens verbindet der Bürger heute aufs schönste den Bourgeois (risikobereites Unternehmertum, Kommerz), den Citoyen (Selbstbestimmung und -verwaltung, gesellige Assoziation, ganz allgemein: soziales Kapital) und den Kulturbürger (“ein Bildungsbürgertum, das die erreichten Idiosynkrasien, Leiden und Individualisierungen einander gesellig kommuniziert“) - das Ganze also „im Sinne einer commercial-civil-society“. Soziologen schreiben so, Fischer steht da nicht allein.

Das versucht er nun anhand des Bereichs der Kunst, der „Rückkehr der okzidentalen Stadt“ und der „Verbürgerlichung der Weltgesellschaft“ vorzuführen. Dabei ist der erstgenannte Essay bei weitem der erhellendste. Sein voller Titel ist „Nonkonformismus. Moderne bildende Kunst als Herrschaftsmedium“. Das ist wichtig, denn der Nonkonformismus (als Sprache der modernen Kunst) ist nach Fischer „soziologisch gesehen in erster Linie eine Frage der Form - und zwar im Sinne von: Wie bleibt wer in Form, nämlich in Kondition, in einer Leistungs-Verfassung - sodass er geschichtlich unter wechselnden Umständen durchhält, die Gegner in Schach hält?“ Eine Fragestellung, die dem Band seinen Titel gibt und die für eine „unwahrscheinliche Sozialfigur“ in der Tat überlebenswichtig ist. An dieser Stelle merkt man, nebenher gesagt, dass der Autor auch ironiefähig ist. Leider zeigt sich das zu selten.

Der Zwang, sich zu verständigen

Der Aufsatz führt vor, warum es die abstrakte Avantgardekunst war, die nach dem Zweiten Weltkrieg beim Bürgertum gewonnen hat: weil sie den Strukturprinzipien bürgerlicher Vergesellschaftung entspricht. „Diese Kunst mit ihren Collage- und Konstruktionsprinzipien ist die Anschauungsschule für die Individualisierung der Lebensverhältnisse und Lebensstile geworden, das Bezugsfeld selbstentworfener Leitbilder.“ Fischer weist darauf hin, dass es selbstverständlich in nichtbürgerlichen Gesellschaften auch eine gegenständliche Avantgarde gab, deren Akzent auf der Bildwürdigkeit bisher nicht bildwürdiger Figuren und Gegenstände lag, siehe Tübkes Bauernkriegspanorama.

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