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Veröffentlicht: 13.04.2011, 17:15 Uhr

Joachim Bauer: Schmerzgrenze Diesseits der Schmerzgrenze

Der Aggressionstrieb als Mythos der Psychoanalyse: Joachim Bauer spürt in seinem neuen Buch den neurobiologischen Wurzeln der Gewalt nach und erklärt, warum wir ohne Aggression nicht überleben könnten.

von Manuela Lenzen
© Verlag

Sigmund Freud hatte im Ersten Weltkrieg zwei Söhne verloren. Traumatisiert wie die meisten seiner Zeitgenossen, suchte er nach einer Erklärung für die Kriegsgräuel und fand sie im Aggressionstrieb: Den Menschen treibe eine Lust am Töten, an Aggression und Zerstörung, der Krieg sei naturgemäß und kaum vermeidbar.

Konrad Lorenz machte den neuen Trieb in den sechziger Jahren populär und seither geistert er im öffentlichen Diskurs herum, dient mal der Rechtfertigung des Raubtierkapitalismus und mal der Erklärung deutscher Verbrechen im Nationalsozialismus. Doch der Mensch ist dem Menschen kein Wolf. Der Aggressionstrieb hat sich als der große Flop der Psychoanalyse erwiesen, schreibt der Mediziner und Psychotherapeut Joachim Bauer und holt aus zu einer neurobiologisch begründeten Theorie der Aggression in Individuum und Weltgeschichte.

Der Mensch, so Bauer, ist seinem innersten Wesen nach sozial. Er besitzt eine natürliche Veranlagung zur Empathie und sein Motivationssystem wird durch nichts so sehr auf Touren gebracht, wie durch soziale Integration und Anerkennung.

Die Erfahrung, unfair behandelt zu werden

Das bedeutet natürlich nicht, dass Menschen nicht aggressiv sein könnten. Doch Aggression hat ihre Wurzel nicht in einem geheimnisvollen dunklen Kämmerchen in der menschlichen Seele. Es gibt keine tief in unserer Biologie auffindbare „Macht des Bösen“. Aggression, so Bauer, ist nicht selbst Teil des Motivationssystems, kein Trieb, sondern ein reaktives Verhaltenssystem, das zunächst dazu da ist, die körperliche Unversehrtheit zu bewahren: Wer einem Lebewesen Schmerz zufügt, wird Aggression ernten. Doch ebenso wie auf körperlichen Schmerz reagieren die Schmerzzentren des Gehirns auf Ausgrenzung und Demütigung. Auch wer einen Menschen unfair behandelt, demütigt, ausgrenzt oder missachtet, überschreitet seine Schmerzgrenze. Aggression, so Bauer, ist ebenso ein System, das den sozialen Zusammenhalt schützen soll.

Diese Einsicht macht den Menschen erst einmal nicht weniger aggressiv, aber nur wenn wir verstehen, wie Aggression funktioniert, können wir ihr richtig entgegentreten, argumentiert Bauer. Es nütze niemandem, etwa einen Amoklauf an einer Schule als ein Ereignis außerhalb der Naturgesetze zu betrachten. Jeder Tat gehe vielmehr eine langsame konsequente Entwicklung voraus und wer sie verstehen und in Zukunft vermeiden will, muss diese nachvollziehen, statt sich auf einen unbeeinflussbaren Aggressionstrieb zu berufen. In diesen Entwicklungsgeschichten spielen Ausgrenzung, Vernachlässigung und die Erfahrung, unfair behandelt zu werden, eine große Rolle.

Formen der Interaktion

Aggression ist nicht von vornherein schlecht und aus der Welt schaffen lässt sie sich auch nicht. Es müsse vielmehr darum gehen, zu verhindern, dass sie in Gewalt umschlägt, so Bauer. Letzteres geschieht, wenn die Aggression nicht kommuniziert werden kann oder als kommunikatives Signal nicht verstanden wird. Ist es erst soweit gekommen, richtet sie sich auch nicht unbedingt gegen ihren Verursacher. „Verschobene Aggression“ nennt Bauer Gewaltausbrüche, die beliebige Unbeteiligte treffen können. Wie also lassen sie sich verhindern? Für die „alltägliche Gewalt“ konstatiert der Autor eine weitgehende Übereinstimmung von Neurowissenschaften und Sozialforschung: Neurowissenschaftler können heute durch Experimente im Hirnscanner zeigen, was Sozialarbeiter seit Dekaden predigen: Fürsorge, Achtsamkeit, Erziehung und Bildung sind die wichtigsten Faktoren der Gewaltprävention.

Was die „globale Gewalt“ angeht, greift Bauer bis hinter die neolithische Revolution zurück. Als die egalitär organisierten Jäger und Sammler noch im fruchtbaren Halbmond lebten, war das Leben demnach überschaubar und friedlich. Dann passierte, was Forscher den „Event“ nennen, was in der christlichen Mythologie „Vertreibung aus dem Paradies“ heißt und was vermutlich weniger mit dem Pflücken von Äpfeln als dem Fällen von zu vielen Bäumen zu tun hatte. Mit dem Event begann der Stress: harte Arbeit in großen, hierarchisch organisierten Gesellschaften. Die alten impliziten Formen der Interaktion passten nicht mehr, Moralsysteme und Religionen traten mit mäßigem Erfolg an ihre Stelle, Gewalt wurde und blieb Markenzeichen der Geschichte.

Der Kern der Moral

Heute ist eine neolithische Revolution im globalen Maßstab im Gange, so Bauer. Leistungsdruck, Desintegration und Gewalt prägen eine Welt, in der sich die Verteilungskämpfe um die knapper werdenden Ressourcen verschärfen und Sozialsysteme mehr und mehr in Ingroups und Outgroups zerfallen. Nicht nur Individuen, auch Gesellschaften kennen Aggressionsgedächtnis und verschobene Aggression und können krasse Ungleichheit nicht ertragen, warnt Bauer.

Die Widerlegung des Mythos vom Aggressionstrieb sei keine illegitime Intervention der Neurobiologie in politische Belange, betont der Autor in seinem kühnen Rundumschlag, in dem weder der Medienkonsum der Jugendlichen noch der Genuss von zu viel Schokolade oder radikale Islamvorstellungen fehlen. In der Tat ist diese Intervention schon deshalb unproblematisch, weil sie die vorhandenen Erkenntnisse bestätigt und unterfüttert.

Was den Kern der Moral angeht, bestätigt Bauer eine viel ältere Position: Wir müssen erkennen, so der Autor, dass es kein eindeutiges Gut oder Böse gibt, und dass wir der Versuchung widerstehen sollten, uns selbst oder andere einer eindeutig moralischen oder unmoralischen Position zuzuordnen: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Und beruft euch nie wieder auf den Aggressionstrieb, wenn es euch nicht gelungen ist, menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen.

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