16.09.2011 · Jeremy Rifkins neues Buch „Die dritte industrielle Revolution“ beschreibt eine konkrete Utopie: die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter. Dabei wird der Begriff der Lebensqualität frisch poliert.
Von Erhard EpplerIn Deutschland war es der 2010 verstorbene Hermann Scheer, der in gescheiten Büchern hartnäckig darauf bestand, dass ein dezentrales System erneuerbarer Energien sich auf die gesamte Wirtschaft, auch auf die Gesellschaft und auf die Demokratie auswirken werde. Jeremy Rifkin, der sich - für einen Amerikaner - recht gut in Deutschland auskennt, weiß offenbar nichts von diesem unbeugsamen Abgeordneten, der mehr bewegt hat als mancher zuständige Minister. Er geht allerdings auch einige Schritte über Scheer hinaus und verwendet für das, was sich verändert und verändern muss - in Deutschland rascher als etwa in den Vereinigten Staaten -, den Begriff der „Dritten Industriellen Revolution“. Er findet, dass „das Zusammentreffen von Internettechnologie und erneuerbaren Energien zu einer Umstrukturierung der zwischenmenschlichen Beziehungen von vertikal zu lateral“ führen müsse. Beides zusammen, dezentrale Energieerzeugung und dezentrale Kommunikation, beenden das Ölzeitalter, das geprägt war von riesigen Konzernen, von mächtigen Lobbys, von Hierarchien, von Befehlsketten.
Das Adjektiv „lateral“ ist in den meisten deutschen Wörterbüchern nicht zu finden. Aber es soll ja auch etwas Kommendes bezeichnen: eine Gesellschaft, in der die Menschen Seite an Seite leben, gleichberechtigt, auf gegenseitige Hilfe angewiesen, in ständigem Austausch. Dass Rifkin dabei zu sehr im Abstrakten bliebe, kann man ihm nicht vorwerfen. Für ihn soll die revolutionierte Gesellschaft auf fünf „Säulen“ stehen. Gemeint sind im Einzelnen: „der Umstieg auf erneuerbare Energien; die Umwandlung des Baubestands in Mikrokraftwerke, die die erneuerbaren Energien vor Ort erzeugen; der Einsatz von Wasserstoff- und anderen Energiespeichern in allen Gebäuden sowie an den Knotenpunkten dieser Infrastruktur zur Speicherung von unregelmäßiger Energie; die Nutzung der Internettechnologie, um das Stromnetz auf jedem Kontinent in ein Energy-Sharing-Netz (Intergrid) zu verwandeln; die Umstellung der Transportflotten auf Steckdosen- und Brennstoffzellenfahrzeuge, die Strom über ein intelligentes und interaktives kontinentales Stromnetz kaufen und verkaufen können“.
Der Weg in eine lichtere Zukunft
Rifkin ist überzeugt, dass, wer etwas Neues schaffen will, ein „Narrativ“ braucht. Er muss etwas zu erzählen haben. Rifkin führt sogar das Scheitern Obamas darauf zurück, dass er kein Narrativ gehabt habe, nur „eine Sammlung von Pilotprojekten und isolierten Programmen“. Aber was hätten wohl die Amerikaner zu den fünf Säulen der Dritten Industriellen Revolution gesagt, solange die Hälfte von ihnen die Erderwärmung für einen Trick hält, mit dem besonders raffinierte Linke die Märkte fesseln wollen? In Europa könnte Rifkin mehr Glück haben. Hier könnte sogar seine These ankommen, die Krisen unserer Tage hätten vor allem mit dem Ölpreis zu tun und seien Folge des Auslaufens, ja, des „Untergangs“ einer Zivilisation, die von den Ölreserven des Globus gelebt habe. Wenn das stimmt, dann ist die Energiewende in Deutschland nicht nur eine Aufgabe, die Milliarden verschlingen muss, sondern der Weg in eine lichtere Zukunft.
Sie soll demokratischer sein. Rifkin spricht von der „Demokratisierung von Energieerzeugung und -verteilung“ und von Millionen von „Mini-Energieunternehmern“. Da Deutschland eine Tradition der städtischen Selbstverwaltung und des föderativen Aufbaus hat, passe dieses „dezentrale, kooperative Konzept“ in die deutsche Politik. Natürlich hat die Dritte Industrielle Revolution - die Rifkin schon mit DIR abkürzt - auch Folgen für die Wirtschaftspolitik. Was hier geschehen soll, ist ja nichts, was den Märkten allein überlassen werden kann. Sie werden sicher nicht dafür sorgen, dass alle Häuser zu Mikrokraftwerken umgebaut werden. Also muss es zur „umfassenden Partnerschaft“ kommen zwischen „Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft“. Der zu erwartende Gegenwind wird noch kälter und heftiger, wenn der Autor auch „die Basis der klassischen Wirtschaftstheorie in Frage“ stellt. „In einer dezentralen und kollaborativen Wirtschaft wird das Recht auf Zugang zu globalen sozialen Netzwerken so wichtig wie das Recht auf Privateigentum auf nationalen Märkten.“ Und dann fügt Rifkin, der sich selbst als „Außenseiter im eigenen Land“ bezeichnet, auch noch hinzu: „Das liegt daran, dass die Lebensqualität einen höheren Stellenwert bekommt.“ Gemeint ist: höher als das Wirtschaftswachstum.
Der Mensch ist „biologisch zur Empathie prädisponiert“
Das erinnert an die deutsche Diskussion der frühen siebziger Jahre. Damals wurden von Wissenschaftlern Wälzer geschrieben über die Kriterien, ja, über Kennzahlen der „Lebensqualität“, und ein SPD-Parteitag hat 1972 eine - gar nicht so üble - Definition dieses damals neuen Begriffs beschlossen. Aber Rifkin wird es nicht anders gehen als denen, die damals versuchten, einen neuen Maßstab für das Gelingen einer Gesellschaft zu finden: Marktradikale Ökonomen werden ihn wieder mit Hohn überschütten. Rifkin wird dies gelassen hinnehmen, denn er hat ein anderes Menschenbild als die neoklassischen Ökonomen. Er ist überzeugt - und kann dabei auch auf neuere Erkenntnisse verweisen -, „dass der Mensch biologisch zur Empathie prädisponiert ist“. Das erinnert an Rifkins letztes Buch von 2009: „Die empathische Zivilisation“. Man mag einwenden, der Mensch habe noch ganz andere, weniger schöne Möglichkeiten, und etwas vom homo oeconomicus stecke in jedem Menschen. Aber politisch wichtig ist eben, welche Möglichkeiten des Menschen man anspricht, weckt, stärkt und auf welche menschlichen Möglichkeiten man eine Gesellschaft bauen will.
Der Übergang zu neuer Technik ist auch eine Machtfrage
Was Rifkin vorlegt, ist so etwas wie eine konkrete Utopie. Sie wird so, wie er sie uns zeichnet, wohl nie Wirklichkeit werden. Rifkin fragt seine Kritiker, ob sie eine eigene, andere, bessere Utopie, einen Plan B hätten. Nicht nur er kann diesen Plan B nirgends finden. Dies allein wiegt schwer in einer Zeit, in der Hoffnung rar geworden ist. Die marktradikale Utopie, die uns drei Jahrzehnte begleitet, bewegt oder auch bedrückt hat, stirbt in einer Welt, in der Banken sich gegenseitig keinen Kredit mehr geben ohne Staatsgarantie.
Es kommt nicht darauf an, ob der Autor in allem recht hat, auch nicht, ob seine Terminologie immer angemessen ist. Es kommt darauf an, ob wir uns in seiner Richtung bewegen wollen, ob sein Weg gangbar ist. Unter vielen unsicheren „Wegen in der Gefahr“ (Carl Friedrich von Weizsäcker) könnte dies einer sein, der Hoffnung weckt, Aktivität erzeugt, ein Weg, den jeder und jede mitgehen kann, sogar wenn sie von Politik wenig halten. Aber Revolutionen haben es an sich, dass sie die Macht neu verteilen. Der Übergang zu neuer Technik ist auch eine Machtfrage. Das wusste schon Hermann Scheer. Wie Jeremy Rifkin rechnete er mit dem Widerstand derer, die ihre Macht verlieren sollen und die vorläufig noch sehr mächtig sind.