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Jean Baudrillard: Im Schatten der schweigenden Mehrheiten Man merkt den Superlativ und ist verstimmt

12.05.2010 ·  Erstmals auf Deutsch: Jean Baudrillards massenkritisches Werk "Im Schatten der schweigenden Mehrheiten"

Von Thomas Thiel
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Die Geschichte der Massen kennt nur eine kurze Phase der Euphorie. Taub für den geschichtlichen Appell, resistent gegenüber den marxistischen Versuchen, sie zum revolutionären Subjekt zu machen, sank die Masse bald wieder zurück ins Unförmige und Verachtete. Unter dem Eindruck neuer Medien ist ein neues Lob des Massenhaften ausgebrochen, das digital belebten Kollektiven eine eigene Form der Intelligenz attestiert und die überall mitmachende, sendende, kommentierende Masse als Hoffnungsträger egalitärer Utopien feiert.

Die digitale Utopie geht in der Masse der Medien unter

Im Reich der unzähligen Sender, Freunde und Gesprächspartner herrscht die Tendenz, Quantität als Qualität zu bewerten. Wenn das Ausgezeichnete schon nicht in die Masse diffundiert, dann kann Quantität immerhin - Stichwort Emergenz - in Qualität umschlagen. Demgegenüber dräut mehr und mehr das Bewusstsein, dass auch die digitale Utopie der von ihr produzierten Masse erliegen könnte.

Im Licht dieser Umdeutung haben die massentheoretischen Überlegungen Jean Baudrillards einen neuen Reiz, die gut dreißig Jahre nach ihrem Entstehen bei Matthes & Seitz erstmals auf Deutsch in Buchform vorliegen. Baudrillards etwas müde gewordene Formeln vom Ende der Geschichte und dem Verschwinden des Realen in der medialen Simulation, vom sinnentleerten und deshalb um so reibungsloseren Fortlaufen einer erkalteten Zivilisation könnten in der von Algorithmen immer weiter ausgeleuchteten Gegenwart eine sattere Farbe haben, hätte Baudrillards superlativische Theoriesprache nicht schon früh die sprachlichen Register ausgereizt.

Die Gefahr liegt bei Baudrillard im Exzess. Die Rettung kann nicht von den Massen kommen. Baudrillard sieht sie als dumpfe, gestaltlose Formen im Herzen der Gesellschaft lagern, ein Schwamm, der alle Energien aufsaugt und nichts zurückgibt, nur das Schauspiel will und sich dem Sinn verweigert. Vergeblich die Versuche, die Massen mit den Mitteln der Umfrage, der Abstimmung und der Statistik zum Leben zu erwecken und zum Träger des Politischen zu machen. Das alles schafft nur eine neue sinntötende Masse, diesmal an Information. Das Digitalzeitalter potenzierte dieses Problem.

Konsum stürzt das System

Die Absage an alle Belebungsversuche lässt auch medienemanzipatorische Thesen in Rauch aufgehen, die der massenmedialen Hypnose durch individuelle Umdeutung des herrschenden Codes entgehen wollen. Im Gegenteil: Die Massenmedien selbst sind es, die vor der allesfressenden Masse in Schutz genommen werden müssten. In einer bemühten Volte deutet Baudrillard den schweigenden Konsum der Massen schließlich zur absichtsvollen List um, das im Exzess leergelaufene System mit den eigenen Mitteln zum Platzen zu bringen, es durch Hyperkonformismus in den Kollaps zu treiben. Auch die jetzt wieder durch die Museen strömenden Massen wären da kein Frühling der Kunst, sondern nur die finale Erledigung des Kunstsystems.

Baudrillards oft vom Originalitätszwang verführten Überlegungen wären leichter verdaulich, würden sie nicht in einer hochaufgereizten Sprache präsentiert, die ständig Phänomene radikal verabschiedet, um sie dann als Kollektivsubjekte wieder zum Sprechen zu bringen. Auf Dauer enervierend ist auch das poetische Vexierspiel mit naturwissenschaftlichen Termini, das sich als notwendige Fluchtstrategie ausgibt, wo traditionelle Begriffe der Kritik keine Außenperspektive mehr schaffen können.

Jean Baudrillard: „Im Schatten der schweigenden Mehrheiten oder das Ende des Sozialen“. Aus dem Französischen von Grete Osterwald. Verlag Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010. 160 S., br., 14,80 €.

Quelle: F.A.Z.
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