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: Je zivilisierter, desto schauspielerischer

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Den Theologen und Pädagogen, aber auch den praktischen Philosophen ist seit langem bekannt, daß es nicht genügt darzulegen, was das Gute sei und warum die Menschen sich durch das Gute motivieren lassen sollen. Erforderlich ist darüber hinaus der Nachweis, daß es sich bei dem so begründeten Moralsystem ...

          Den Theologen und Pädagogen, aber auch den praktischen Philosophen ist seit langem bekannt, daß es nicht genügt darzulegen, was das Gute sei und warum die Menschen sich durch das Gute motivieren lassen sollen. Erforderlich ist darüber hinaus der Nachweis, daß es sich bei dem so begründeten Moralsystem nicht um ein bloßes Phantasieprodukt handelt, vor dessen Anforderungen allenfalls Engel, nicht aber Menschen aus Fleisch und Blut zu bestehen vermögen. Diese Aufgabe wird um so dringlicher, je anspruchsvoller die Leistungen sind, die den moralischen Subjekten abverlangt werden.

          Ein praktischer Philosoph, der sich damit begnügt, an das kluge Eigeninteresse seiner Leser zu appellieren, kann sicher sein, für seine Empfehlungen ein offenes Ohr zu finden. Ob seine Darlegungen noch den Namen Moral verdienen, ist freilich eine andere Frage. Wer wie Kant nur das Verhalten dessen als moralisch anerkennt, der den Kategorischen Imperativ aus Pflicht erfüllt, hat es weitaus schwerer. Weshalb sollten die Menschen ein Interesse daran nehmen, ausgerechnet das Sittengesetz als moralisches Motiv zu wählen? Der säkularisierte Pietist Kant macht keinen Hehl daraus, daß es dazu letztlich einer radikalen "Änderung des Herzens" bedarf. Der einzelne muß sich dazu entschließen, "den alten Menschen auszuziehen" und sich, ganz wie der Christ vom Vorbild Jesu, allein von der Achtung vor dem Gesetz leiten zu lassen.

          Ist dies alles, was der große Weise aus Königsberg zu dem altehrwürdigen Motivationsproblem zu sagen hat? Mustert man Kants moralphilosophische Hauptschriften, die "Kritik der praktischen Vernunft" und die "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", so ist man geneigt, diese Frage zu bejahen. Der verbreitete Vorwurf gegen Kants Ethik, sie sei durch einen überzogenen Rigorismus und eine unvertretbare Gleichgültigkeit gegenüber der tatsächlichen conditio humana gekennzeichnet, erwiese sich als berechtigt. Das Bild ändert sich jedoch, sobald man daneben auch Kants notorisch unterschätzte "Tugendlehre", seine anthropologischen Schriften sowie seine Vorlesungen konsultiert. Wie Caroline Sommerfeld-Lethen in ihrer eindrucksvollen Dissertation nachweist, entfaltet Kant dort eine Fülle motivationstheoretischer Überlegungen, deren Nähe zu der moralistischen Literatur des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts - von Gracián bis zu La Rochefoucauld und Montaigne - geradezu verblüffend ist (Caroline Sommerfeld-Lethen: "Wie moralisch werden?" Kants moralistische Ethik. Verlag Karl Alber, Freiburg, München 2005. 337 S., geb., 32,- [Euro]).

          Kant weiß sehr gut, daß der von ihm propagierte Sinneswandel, so wie jede andere Konversion auch, der Vorbereitung bedarf. Von nichts kommt nichts, das gilt auch für den Prozeß der Moralisierung. Die Chance zur Entwicklung von Moralität steht nur solchen Personen offen, die über eine Reihe vormoralischer Qualitäten verfügen. So ist nur derjenige dazu in der Lage, sich vom Sittengesetz leiten zu lassen, der sich zuvor an Affektkontrolle und Selbstbeherrschung gewöhnt hat. Seine Forderung nach Selbstbeherrschung kleidet Kant in eine aus der Moralistik wohlbekannte rhetorische Figur ein: Um moralisch zu werden, muß ich einen Krieg gegen mich selbst führen. Die Tugendlehre wird bei Kant deshalb zum "Kampfplatz". Ebenso wie die Tapferkeit des Soldaten läßt sich auch die Tugend an den Hindernissen messen, die ihr im Wege stehen. Das Feldlager erweist sich als das Propädeutikum moralischer Freiheit.

          Auch eine entgegenkommende soziale Umwelt spielt nach Kant eine gewichtige Rolle innerhalb des Motivierungsprozesses. Ebensowenig wie seine moralistischen Vorgänger macht Kant sich Illusionen darüber, daß die Menschen, "je zivilisierter, desto mehr Schauspieler" sind; "sie nehmen den Schein der Zuneigung, der Achtung vor anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an". Daran liegt nach Kant indessen nicht unbedingt etwas Verwerfliches. "Denn dadurch, daß Menschen diese Rolle spielen, werden zuletzt die Tugenden, deren Schein sie eine geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach und nach wohl wirklich erweckt, und gehen in die Gesinnung über."

          Auch wer sich die Haltung des Respekts gegenüber anderen ursprünglich nur deshalb zugelegt hat, um sich die Wertschätzung seiner Interaktionspartner zu erwerben, übt sich in der Tugend. Kants Hoffnung geht dahin, er möge eines glücklichen Tages so fest mit seinem Selbstbild verschmolzen sein, daß er zu einem Handeln fähig wird, welches nicht mehr von der Erwartung einer Belohnung motiviert und somit wahrhaft moralisch ist. So wird nach dem treffenden Fazit Sommerfeld-Lethens die Selbstliebe bei Kant "auf Umwegen zur moralischen Triebfeder". Die Moral überlistet die Natur mit deren eigenen Waffen.

          Sommerfeld-Lethen befreit die Anthropologie damit auf höchst elegante Weise von dem Aschenputteldasein, zu dem die herkömmliche Lesart der kantischen Ethik sie verdammt hat. Indem die Autorin die menschenkundlichen Überlegungen Kants als dessen Antwort auf das Problem der Motivierung zu moralischem Handeln interpretiert, gelingt ihr der Nachweis, daß die Anthropologie in einem Ergänzungs- und Ermöglichungsverhältnis zu der Moralphilosophie Kants steht. "Durch die Idee der Freiheit wird Moral begründbar, durch den Bezug zur Anthropologie wird sie umsetzbar." Das Vorurteil vom rigoristischen und abstrakten Kant sollte nach diesem Buch endgültig der Vergangenheit angehören.

          MICHAEL PAWLIK

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