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: Je unmöglicher, desto lieber

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Rainer Marten, der in Freiburg Philosophie lehrt, ist aus dem engsten Kreis um Martin Heidegger hervorgegangen und amtiert heute als sein wohl kompetentester Kritiker. Martens Buch "Die Möglichkeit des Unmöglichen" ist eine Streitschrift gegen eindimensionales Denken. Die Lust am utopischen Denken ...

          Rainer Marten, der in Freiburg Philosophie lehrt, ist aus dem engsten Kreis um Martin Heidegger hervorgegangen und amtiert heute als sein wohl kompetentester Kritiker. Martens Buch "Die Möglichkeit des Unmöglichen" ist eine Streitschrift gegen eindimensionales Denken. Die Lust am utopischen Denken ist so rasch geschwunden, wie sie gekommen war. Jürgen Habermas hat süffisant bemerkt, Ernst Bloch läsen nur noch Theologen und Germanisten. War denn gar nichts dran? Muß man die Frage nicht noch einmal aufrollen? Rainer Marten, der in Freiburg Philosophie lehrt, aus dem engsten Kreis um Martin Heidegger hervorgegangen ist und heute als sein wohl kompetentester Kritiker amtiert, handelt von der Möglichkeit des Unmöglichen.

          Was dabei herauskommt, ist alles andere als eine neue Rechtfertigung der Utopie: Deren Eigenart sei es, praktisch Unmögliches vorzustellen, aber dabei den Begriff des praktisch Möglichen zu erschleichen. Der Untertitel des Buches von Rainer Marten weist die Richtung: Nur in der Poesie geschieht, was in der Tatsachenwelt unmöglich ist. Das Besondere an Martens Untersuchung ist, daß er die Poesie nicht primär in der Dichtung aufsucht - immerhin bringt er textnahe Analysen zum Gilgamensch-Epos, Euripides und Marcel Proust -, sondern daß er sie in Philosophie und Religion findet.

          Idealistische Theoretiker und Gläubige hätten dies gemeinsam: Bei Gott und in der reinen Theorie ist kein Ding unmöglich. Nur mißverstehen sie ihre Gewißheiten. Sie wehren sich renitent dagegen, ihre hohe Spekulation oder ihren innigen Glauben als Dichtung zu verstehen. Ihre Überzeugungen, erwidern sie, seien alles andere als bloße Poesie; sie seien argumentativ gewonnen oder beruhten auf göttlicher Offenbarung. Marten versucht ihnen klar zu machen, verstünden sie ihre kontrafaktischen Inhalte als Poesie, stünden sie intellektuell besser da als jetzt. Sie ersparten sich ihre Rückzugsgefechte im Kampf mit der Aufklärung.

          Das dicht geschriebene kleine Buch enthält eine neue Philosophie der Philosophie und der Religion. Auf den ersten Blick überrascht, daß Philosophie und Religion so dicht beieinander zu stehen kommen; gegen beide wird derselbe Vorwurf erhoben, sie mißverstünden ihren Charakter als Poesie. Marten will zeigen, ihre Gemeinsamkeit bestehe darin, die Möglichkeit des Unmöglichen zu behaupten. Dadurch stünden sie gegen das eindimensionale rationale Denken. Damit hielten sie etwas bereit, worauf radikale Aufklärung zurückkommen müsse, denn die Selbstfestlegung des Menschen auf das Mögliche, sofern es wirklich ist, verenge den Menschen.

          Marten erläutert seine These an einer ganzen Anzahl historischer Entwürfe, die er jeweils kurz, aber mit philologischer Kennerschaft und Sorgfalt bespricht. Seine Einwände gegen Leibniz lassen sich am leichtesten zusammenfassen: Er behauptet zuerst die Unmöglichkeit einer Wechselwirkung von Leib und Seele, aber da wir diese Wechselwirkung erfahren, indem wir Schmerz empfinden, wenn wir uns in den Finger geschnitten haben, müssen wir annehmen, Gott habe prästabilierte Harmonie zwischen Leib und Seele geschaffen. Platon malt das Idealbild seines Staates, aber versteht sich nicht als Künstler, sondern als den Dolmetsch der "Wahrheit". In Analogie zur Negativen Poesie könnte man von einer Negativen Philosophie sprechen. Sie erkläre die bestehenden Verhältnisse als "unmöglich", beurteilt sie gänzlich negativ. Seine Polis ist eher ein Reich der Toten als der Lebendigen, da sie auf ewige Wesenswahrheiten gebaut und auf endlose Dauer angelegt sei. Seine Staatsphilosophie sei nur erträglich, wenn wir sie als "Poetisierung des Vernünftigseins" nehmen, aber genau dies verbiete Platon.

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