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: Je größer die Party, desto tiefer das Dekolleté

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Der Extraordinarius war nicht erwünscht. Als die 1810 gegründete Berliner Universität ihr hundertjähriges Jubiläum beging, fand das Festbankett des Lehrkörpers ohne Georg Simmel statt. Ausgerechnet der große Theoretiker der Geselligkeit, in dessen Soziologie sich fast alles um Fragen der sozialen Verkehrsformen dreht, hatte keine Einladung zum Diner erhalten.

          Der Extraordinarius war nicht erwünscht. Als die 1810 gegründete Berliner Universität ihr hundertjähriges Jubiläum beging, fand das Festbankett des Lehrkörpers ohne Georg Simmel statt. Ausgerechnet der große Theoretiker der Geselligkeit, in dessen Soziologie sich fast alles um Fragen der sozialen Verkehrsformen dreht, hatte keine Einladung zum Diner erhalten. Im "Berliner Tageblatt" vom 10. Oktober 1910, einer Sondernummer zum Jubiläum, veröffentlichte der außerordentliche Professor, der anders als mancher ordentliche für ein großes Publikum zu schreiben vermochte, seine Antwort unter dem Titel "Soziologie der Mahlzeit". Erster Satz: "Es gehört zu den Verhängnissen des sozialen Daseins, dass die Wesenselemente, die allen Individuen eines beliebigen Kreises gleichmäßig einwohnen, sich fast niemals als die höchsten, oft aber als die niedrigsten Antriebe und Interessen dieser Individuen offenbaren." Das Niveau, auf dem sich alle begegnen können, muss niedrig sein.

          Das Gemeinsamste der Menschen aber, fährt Simmel fort, ist, dass sie essen und trinken müssen. Von diesem mit Ironie versetzten Beginn aus entwickelt er seine These vom Paradox des gemeinsamen Essens: Das Allergemeinsamste der Menschen sei zugleich die selbstsüchtigste Tätigkeit. Man kann sehen, was die anderen sehen, Gedanken mitteilen, dasselbe hören wie der Mitmensch, "aber was der einzelne isst, kann unter keinen Umständen ein anderer essen". Die gemeinsame Mahlzeit ist für Simmel insofern eine Kulturleistung ersten Ranges, weil sie aus geteilter Asozialität etwas Soziales macht.

          Wer wissen möchte, was Soziologie ist, was sie jedenfalls sein kann, der sollte Simmels "Soziologie der Mahlzeit" lesen. Oder seine "Psychologie der Mode", den Aufsatz über die "Gesellschaft zu zweien", den "Exkurs über die Soziologie der Sinne", seine "Philosophie der Landschaft" oder das Stück über "Der Mensch als Feind", allesamt jetzt enthalten in zwei klug zusammengestellten und kommentierten Auswahlbänden, die aus Anlass des 150. Geburtstags ihres Autors gerade im Suhrkamp-Verlag erschienen sind. Und wenn der Leser dann anhand dieser Proben ahnt, dass er hier womöglich dem gedankenreichsten Autor der jüngeren Ideengeschichte begegnet, dann mag er sich auch der großen, von Otthein Rammstedt herausgegebenen Simmel-Ausgabe in 24 Bänden zuwenden, einer editorischen Tat, die gar nicht genug gelobt werden kann. Mit Simmels Briefen aus seinen letzten Jahren steht sie jetzt vor ihrem Abschluss.

          Zurück zu Tisch: Die Teller seien rund, heißt es in Simmels Festbankettschrift, weil das die in sich abgeschlossenste, der Konzentration des Essers auf sich selbst am besten angemessene Form sei. Die Teller seien aber, in einem Haushalt, der auf sich hält, auch gleichartig und gleichfarbig, weil die soziale Ordnung der Mahlzeit den Individualismus zu bezwingen hat; so, wie auch die Tischunterhaltung, "wenn sie im Stil bleiben will", bei allgemeinen Gegenständen und an der Oberfläche bleiben sollte. Solche Beschreibungen zeigen exemplarisch Simmels Begabung und fast möchte man sagen: seine philosophische Technik, in allem Gegensätze aufzuspüren, jede soziale Form als Ergebnis eines Widerspruchs zu deuten. Seine berühmte Soziologie des Fremden ist die einer Figur, die bleibt, obwohl sie nicht dazugehört, und dazugehört, obwohl sie nicht aufgenommen wird. Seine Deutung der Liebe bewegt, dass die Partner etwas als einzigartig erleben, wovon sie doch zugleich wissen, wie sehr es ein allgemeinmenschliches Geschehen ist. Seine Soziologie der Feindschaft hebt damit an, "daß die Menschen sich niemals um solcher Kleinigkeiten und Nichtigkeiten willen lieben, wie sie sich hassen", dass also Regungen, an deren Ende Vernichtungswille stehen mag, sich oft an so gut wie nichts entzünden. Oder nehmen wir eine Beobachtung aus der "Soziologie der Geselligkeit" wie die, dass die Damen unbefangen tief dekolletiert nur in großer Gesellschaft erscheinen können, aber nicht im persönlichen Zusammensein. Freiheit und Individualität sind nicht dasselbe, es gibt auch Freiheiten, die nur ergreift und genießt, wer sich damit nicht als Individuum engagiert fühlen muss.

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