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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Jan Ullrichs sportliche Fieberkurve Der Rohdiamant - "wieder im Rennen"

 ·  Zum fünften Mal Zweiter der Tour de France, zum zweiten Mal - wie bei seinem Toursieg 1997 - Sportler des Jahres und wieder einmal Favorit des deutschen Sportpublikums auf den Sieg bei der Tour de France im kommenden Jahr: Es war höchste Zeit für die Biographie des Jan Ullrich. Der Journalist Andreas Burkert hat sich ihrer angenommen, und es wird gewiß nicht der letzte Versuch bleiben.

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Zum fünften Mal Zweiter der Tour de France, zum zweiten Mal - wie bei seinem Toursieg 1997 - Sportler des Jahres und wieder einmal Favorit des deutschen Sportpublikums auf den Sieg bei der Tour de France im kommenden Jahr: Es war höchste Zeit für die Biographie des Jan Ullrich. Der Journalist Andreas Burkert hat sich ihrer angenommen, und es wird gewiß nicht der letzte Versuch bleiben. Doch "Jan Ullrich - Wieder im Rennen" ist als erstes am Start, ein kleines, schnelles Taschenbuch, welches Staunen und Begeisterung an dem und für das Comeback des vergangenen Sommers nicht nur im Titel trägt. Die radsportliche Karriere von Ullrich wird mit ihren Aufs und Abs wie eine Fieberkurve nachgezeichnet, direkt aus dem Reporterblock und direkt vom Fernsehschirm nacherzählt. Burkert beobachtet, spricht mit Ullrich und seinem Clan - von seinem frühen Rostocker Konkurrenten, Freund und Mannschaftskameraden André Korff über Mutter und Manager bis zu den Weggefährten bei Toursieg und -niederlage Udo Bölts, Dirk Baldinger und Jens Heppner. Und er arbeitet sich durchs Archiv und ergänzt Ullrichs Arbeit im Sattel und im Rampenlicht mit den vom Fachorgan "Bunte" abgefragten Herzgeschichten.

Ungeschliffen kommen so Originalaufnahmen in Wort und Bild zusammen, aus den dreißig Jahren des wenig öffentlichen Jan und aus den zehn Jahren des öffentlichen Ullrich; 1993 war es, als der talentierte Radrennfahrer in Oslo mit 19 Jahren Weltmeister der Amateure wurde, während im Rennen der Profis ein Amerikaner namens Lance Armstrong den Titel gewann. Ungeschliffen scheint auch der brillante Rennfahrer Ullrich lange Zeit gewesen zu sein: "Trotz seiner ungewöhnlichen Begabung ein sehr irdisches Geschöpf", umschreibt Burkert Disziplinlosigkeit und Abstürze. Doch warum sollte jemand, der die erste Biographie des beliebten Radrennfahrers verfaßt, seiner Zuneigung Zügel anlegen?

Schließlich ist dies ein Buch für Fans. "Jan Ullrich weckte als erster gesamtdeutscher Mythos die Sehnsüchte eines vereinten 80-Millionen-Volkes", schwärmt der Autor und beklagt im Hinblick auf die zweiten Plätze Ullrichs, daß dessen bemerkenswerte Leistungen mehr und mehr als persönliche Niederlagen ausgelegt worden seien. Nun ja, die Höhen der Schwärmerei und der rückhaltlosen Liebe des deutschen Radsport-Publikums wurden lange nicht mehr erreicht. Zuletzt wohl an dem Tag, als die Bonner Bürgermeisterin Bärbel Diekmann Ullrichs Eintrag ins Goldene Buch der Stadt mit den Worten kommentierte: "Sie stehen in einer glaubwürdigen Reihe mit Adenauer, de Gaulle, Gorbatschow und dem Papst." Mit dem Nachschmecken des Wachwechsels von Toursieger Bjarne Riis zu Ullrich 1997, seiner Attacke auf dem Weg nach Andorra, aber auch seiner großartigen Niederlage gegen Marco Pantani im Jahr darauf belebt die Biographie schöne Erinnerungen an schöne Sommertage. Und wie dicht dran war er im vergangenen Sommer, endlich Armstrong zu besiegen! Das akribische Nacherzählen all der Einbrüche Ullrichs in der Vorbereitung und die Wiedergabe all seiner Versprechen, daß es nun genug sei mit den zweiten Plätzen und den "Kalorienattacken" im Winter kommt nicht zu kurz. Das ergibt einen Befund, den - Vorsicht, Originalton - Trainer Peter Becker schon vor Jahren so formulierte: "Die Probleme hat er sich selber bereitet, an der ganzen Scheiße war er immer selber schuld." Die Beschreibung von Übergewicht und Trainingsrückstand lassen noch einmal die Zweifel aufkommen, die Ullrichs Verzicht auf den Tourstart 1999 begleiteten. "Du Rudy, ich höre auf." - "Wie aufhören, womit?" - "Na, ich fahre nicht mehr", zitiert Burkert ein Telefongespräch vom April jenes Jahres. Im Juni stürzte Ullrich dann während der Deutschland-Rundfahrt, und eine Knieverletzung hatte fortan als Entschuldigung dafür zu gelten, daß Ullrich Armstrong dessen ersten Toursieg kampflos überließ. Auch mit dem angeblichen Nicht-Dopingfall von 2002 verhält es sich ähnlich: Man erfährt, daß der Rennfahrer sich damals im Ferienhaus des Kommunikationsdirektors der Telekom auf sein öffentliches Geständnis vorbereitete und sich anschließend in Kanada versteckte. Was da aber nun wirklich war mit Ecstasy und Amphetamin, bleibt undeutlich. Vielleicht darf es das auch; Ullrich hat schließlich keinen Konkurrenten im Wettkampf betrogen.

Burkert scheint verstanden zu haben, daß das sensible Talent Ullrich in seiner hochtourigen Karriere mehrmals drauf und dran war, die Brocken hinzuschmeißen. Und wie es bei seinen Betreuern und Mannschaftskameraden die Tendenz gibt, lieber einen glücklichen Zweiten im Team zu haben als gar keinen Ullrich, so läßt sich auch Burkert einnehmen von dem nicht ganz so perfekten, gleichwohl liebenswürdigen Jahrhunderttalent. Spannend genug hat dieser uns Zuschauern der Tour das größte Rennen der Welt ja bisher sechsmal gestaltet. Ein Buch ohne Geschmäckle und ohne Nachgeschmack: ein Appetitanreger für den kommenden Tour-Sommer.

MICHAEL REINSCH

Besprochenes Buch: Andreas Burkert: Jan Ullrich - Wieder im Rennen, 175 Seiten plus Zeittafel und Register, 24 Fotoseiten mit überwiegend Farbbildern, Goldmann Verlag, 8,95 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2004, Nr. 2 / Seite 28
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