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Jan Caeyers: „Beethoven. Der einsame Revolutionär“ : Der Lebenslaufbursche Ludwigs des Großen

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Bild: verlag

Die Beethoven-Biographie von Jan Caeyers lässt nichts aus, erklärt viel und hält sich raus: Vermessung eines epochalen Klangraums, gebaut von einem Ungewöhnlichen.

          Man stelle sich vor: Der berühmte Theaterkritiker hat genug vom Theater. Und will nur noch Musik: „Spielt künftig das Beste, was wir haben. Spielt, was an unsren stolzesten Stolz erinnert. Und wenn ihr keine Stücke wißt, so nehmt euch fünfzig Musiker. Und sprecht kein Wort. Und spielt an jedem Abend Beethoven. Beethoven. Beethoven.“ Fordert Alfred Kerr am 22. September 1914 im Berliner „Tag“. Der Erste Weltkrieg war erst ein paar Wochen alt.

          Abgesehen davon, dass Kerr dann doch bei seinem dramatischen Leisten blieb - dass einer martialischen Schicksalslage nur noch mit gewaltigen Tönen, nicht mehr mit windigen Dialogen beizukommen sei, lag auf der Zeitgeisthand: Wir kennen keine Parteien mehr, wir kennen nur noch Beethoven! Schon Bismarck soll bekannt haben, immer wenn er die „Appassionata“, Beethovens Klaviersonate f-Moll (op. 57), höre, werde er zu einem „tapfereren Menschen“. Obwohl (oder weil?) die „Appassionata“ ein einziger fahler, atemlos rasender Schmerzenswutschrei ist, versehen nur mit einer Andante-con-moto-Scheintröstung am Variationenabgrund.

          Vom „größten aller Komponisten“

          Aber auch auf der nüchterneren professionellen Ebene geht Beethoven offenbar über alles Normale. Leonard Bernstein schrieb 1980, als er seine Wiener Konzertmitschnitte der neun Sinfonien auf Schallplatten vorlegte, schlicht vom „größten aller Komponisten“, der „einem Satelliten gleich“ in den „unendlichen Kosmos“ gesandt sei. Auch ein Karl Böhm ließ, als er, skandalumwittert, zu Beginn seiner kurzen Direktorenzeit ans Pult der Wiener Staatsoper trat, lieber den Buh- und Pfeiforkan im Parkett über sich ergehen, als dass er mit dem Einsatz zur Ouvertüre von Beethovens „Fidelio“ den inszenierten Aufruhr hätte zum Schweigen bringen mögen. Diese Musik sei ihm „zu heilig“ dafür gewesen.

          Und der nüchterne Orchestererzieher Hermann Scherchen, der unerbittlich Beethovens ungeheuer rasche Metronomangaben bei den Sinfonien einhielt und auch sonst keinerlei Pathos-Spaß verstand, berichtet, wie er als „Knabe von neun Jahren“ Beethovens Violinromanze in F-Dur von seinem Schulorchester gespielt hörte, völlig erschüttert war, sich die Noten vom Solisten auslieh, diese über Nacht abschrieb und am folgenden Tag „mit verweinten Augen, aus voller Kehle singend, ganz außer mir“ durch die Straßen von Potsdam taumelte.

          Der Autor fungiert als Lebenslaufbursche

          Beethoven wirkt. Und überwältigt. Wie kein Zweiter (außer ihm vielleicht nur noch Wagner). Und er fordert offenbar: ein Bekenntnis. Weil er in ein Leben eingreift. Mindestens aber: eine Haltung. Umso überraschender, dass jetzt auf 832 Seiten Beethovens Leben, Leiden, Lieben und Wirken biographisch vermessen wird - ohne dass der Autor irgendeine Spur von Wirkung zeigte. Kein Bekenntnis. Er liegt vor dem Übermächtigen, die sinfonische Musikwelt seit seinem Auftreten Beherrschenden und mit dem Schlusschor der Neunten nationenhymnenweit Überspannenden weder auf dem Bauch, noch stürzt er ihn vom Sockel. Er geht einfach um ihn herum und beguckt ihn.

          Der letzte Satz des Buches „Es ist Viertel vor sechs“ bezeichnet die Sterbestunde Beethovens am 26. März 1827 in Wien. Danach kommt nichts mehr. Die Biographie beginnt mit einem „Prolog“, in dem der Autor in einer Art historischer Reportage Beethovens Leichenzug vergegenwärtigt (mit Zehntausenden Teilnehmern, Grillparzers Grabrede und den Komponistenkollegen, die den Sarg tragen) - und endet mit Beethovens letztem Atemzug. So schließt sich ein Kreis. Und der Autor fungiert sozusagen als Beethovens Lebenslaufbursche, der den Lebens- und Schaffenskreis des Komponisten in kleinen, sorgfältigen, manchmal auch etwas umständlichen Schritten ausmisst, wenn er sich häufig auf ein „Dazu später mehr“ zurückzieht, als habe er alle Zeit der Welt - und alle Seiten seines Verlags.

          Kein Monument, ein musikalischer Aufsteiger

          Gerade dadurch aber, dass er sich heraushält, die Monumentalquadratur des Ludwig-Kreises erst gar nicht versucht, entwickelt „Beethoven. Der einsame Revolutionär“ eine wundersame Wirkung der attraktiven, distanziert neugierigen Nüchternheit. Jan Caeyers, holländischer Dirigent und Musikwissenschaftler, benimmt sich als Biograph wie ein interessierter Beobachter, der geduldig zuschaut und nachzeichnet, wie eine seltsame Figur, „ein ungewöhnliches Kind“, sich wie in einem groß angelegten biographisch-fotografischem Säurebad entwickelt. Kein Held, kein Titan, kein Monument. Sondern ein hochinteressanter musikalischer Aufsteiger.

          Keine Solo-Erscheinung wie Mozart, die gleich „da“ war. Sondern das Produkt eines Betriebes, das innerhalb von „Netzwerken“, einem der Lieblingswörter des Autors, sich bewegt. Wie überhaupt Caeyers flott-unbekümmert den gerade gängigen modisch-methodischen Jargon den alten Figuren als Pointenkappe aufsetzt. So kennzeichnet er das Palais des Fürsten Lobkowitz, der in Wien und auf seinen vielen Landsitzen teure Orchester und Probenräume samt fortschrittlichen Musikbibliotheken unterhielt, als „Center of excellence“ (fehlte nur noch, dass dort „Credit Points“ vergeben wurden).

          Der Brief „An die unsterbliche Geliebte“

          Und Carl Czerny, Schüler von Beethoven, wird als „lebende Jukebox“ tituliert, die im Hause des Fürsten Lichnowsky auf Opuszahl-Zuruf des Hausherrn das gewünschte Werk aus dem Interpretenärmel schüttelt. Oder wenn Beethoven als „Composer in residence“ des Theaters an der Wien bezeichnet wird, als seien die Arbeit an der Oper „Leonore“ und deren qualvolle Erweiterung zum späteren „Fidelio“ eine angelsächsische Frühgeburt der Salzburger Festspiele gewesen. Und wenn er erörtert, ob Antonie von Brentano als eine der „Unsterbliche Geliebte“Kandidatinnen in die engere Wahl komme, dann folgert Caeyers, die schöne, aber verheiratete Dame, deren Mann dauernd um sie war, habe wohl kaum mit Beethoven „ein Aufhupferl in der Damentoilette“ hinlegen können.

          Wenn Caeyers aber gleichzeitig das Lebensdrama der jungen Witwe Josephine von Brunsvick entwirft, die, einst Klavierschülerin des sofort entflammten Meisters, sich zweimal unglücklich verehelichte, doch in einer gewissen Nacht in Karlsbad wohl mit Beethoven schlief, das daraus entstandene Kind aber ihrem Ex, mit dem sie gerade in Scheidungsverhandlungen stand, unterschob, dann wird der Biograph trotz aller illustrierten Bettvorlegerei zum nüchternen Aktenkundler, der den berühmten, nie abgeschickten Brief „An die unsterbliche Geliebte“ (es muss Josephine gewesen sein!) vom 3. Juli 1812 liest wie eine Anleitung zum überglücksschwänglichen rasenden Unglücklichsein. Und der voyeuristisch so glanzvoll wie dezent unterhaltene Leser nimmt es gerne hin, wenn dann dem lyrisch-poetisch punktierten Beginn der As-Dur Sonate op. 110 ein sehnsuchtsstammelndes „Joooo-se-phiii-ne“ rhythmisch unterlegt wird.

          Der Skandal der Lesbarkeit

          Die drei Kapitel, die er der „unsterblich Geliebten“ widmet (samt kritischer Kandidatinnensichtung), sind nur einer der zentralen Knüpfungsknoten im Beziehungsnetzwerk, in das Cayers seinen Beethoven einspinnt. Er fängt naturgemäß mit den familiären Bonner Katastrophenmaschen an, in denen das vom schwachen Vater zum pianistischen Wunderkind dressierte junge Improvisationsgenie in ein Geflecht verwoben ist aus Fürstendienst (Bratscher im Hoforchester) und Adelsfreunden, die ihn nach Wien weiterempfehlen, wo Beethoven auch wieder ein Leben lang in einem Netz von adeligen, später auch bürgerlichen Unterstützern gehalten, alimentiert, benutzt wird.

          Um Leibrenten kämpft, mit Verlegern taktiert, Kritikern droht (“sie verstehen’s nicht“), Honorare in die Höhe treibt und wieder und immer wieder auf die Adelsbagage der Lichnowskys, Lobkowitz, Kinskys, aufs Kaiserhaus, vertreten durch seinen Klavier- und Kompositionsschüler Erzherzog Rudolph, zurückkommt. Dies alles hat Teil am schönsten Skandal, den ein so gewaltiges Buch-Unternehmen machen kann: den Skandal der Lesbarkeit.

          Ein vielstimmiger Lesegenuss

          Sorgsam wägend und zum Teil elegant bis glänzend formulierend, trennt Caeyers die Spreu vom Weizen, die Lüge von der Legende, die Anekdote von den Wahrscheinlichkeiten, analysiert kühl und schildert schonungslos den Krankheitsverlauf Beethovens (Fleckfiebertyphus, Ertaubung, Leberschäden, Reizdarm) und zieht daraus keine anderen Schlüsse, als sie Beethovens dokumentiertes Verhalten nahelegen. Kein Überschwappen ins spekulativ Psychologische. Die qualvolle Episode an Beethovens Lebensende, als er um die Vormundschaft für seinen Neffen Karl mit seiner Schwägerin (“Hurenweib“) erbittert kämpfte und den Jungen panisch eifersüchtig überwachte, bekommt keinen Stich ins naheliegend verkrampft Homoerotische. Sondern: ins nobel Menschenmusikalische. Beethoven habe, so Caeyers, eben geglaubt, einen Menschen wie Karl ebenso formen zu können wie ein musikalisches Thema. Und sei daran gescheitert.

          Obwohl Caeyers nichts Neues liefert und das Alte nur sorgfältig neu erzählt und in fünf große Teile wie in fünf großen, schwungvoll übertitelten Sinfoniesätzen (vom „Künstler als jungem Mann“ über die „Zeit der Gärung“, „Der Herrscher“, „Masse und Macht“ bis hin zum „einsamen Weg“) gliedert, wird sein „Beethoven“ zum vielstimmigen Lesegenuss. Auch wenn man lange nach dem „Einsamen Revolutionär“, den der Untertitel verspricht, suchen muss. Zumal der „Staatskünstler Beethoven“ nicht verschwiegen wird, der unsäglich banales Pomp-and-Circumstance-Tralala (“Wellingtons Sieg“) zum alliierten Triumph über Napoleon eben auch schreibt.

          Aber wenn man den Revolutionär dann findet, leuchtet er umso mehr ein. Caeyers findet ihn im Ingenieur Beethoven. Im Tonbaumeister. Im Klangwelten-Architekten. Der in seinen Skizzenbücher oft auf Hunderten von Seiten erst die großen Strukturen und Räume der Komposition sucht und peinlich genau festlegt und den Ablauf bestimmt, ehe er gleichsam als Träger und Balken und Streben die musikalischen Themen einzieht. Dabei hört Caeyers’ Beethoven wegen seiner Ertaubung nicht mehr auf die Welt, die Kollegen und die Tradition, sondern auf das, was im Wortsinn „unerhört“ in ihm ist. Frei, aber einsam.

          Caeyers beschreibt in den besten Passagen seines Buches die großen Sinfonien, Klaviersonaten, Messen, Lieder und Quartette ganz wunderbar unter diesem Signum des „Unerhörten“. Und sein Beethoven wird in aller Nüchternheit am Ende zum gewaltigen Zukunftsmusiker, der nun wirklich wie ein Satellit in einen kommenden Unerhörtheitskosmos hineinzuzischen scheint. Und hier wird die Biographie eines Musikers, geschrieben von einem Musiker, selber zu Musik. Sie fängt buchstäblich an zu klingen. Und man hört ihr - so belehrt wie unterhalten - gerne und bewegt zu.

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