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James L. A. Webb Jr.: Humanity's Burden Die Wege einer Krankheit, die schon besiegt schien

23.12.2009 ·  Die Industriestaaten sind zwar von ihr verschont, doch eine Gefahr ist Malaria immer noch: Der amerikanische Historiker James Webb zeichnet eindrücklich nach, wie sich der Kampf gegen dieses Infektionsübel entwickelte.

Von Andreas Eckert
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In den Debatten über globale Gesundheitsbedrohungen hat der Fokus auf HIV den Blick auf andere tödliche Krankheiten verstellt, insbesondere auf die Malaria. Das ist angesichts der Dimension dieser Endemie höchst problematisch. Die bedrückenden Fakten sprechen für sich: Schätzungsweise 2,4 Milliarden Menschen leben mit dem Risiko einer Infektion. Zwischen 300 und 500 Millionen Menschen, die große Mehrheit von ihnen in Afrika, leiden jedes Jahr unter Malariaschüben. Etwa ein- bis zweieinhalb Millionen Menschen sterben pro Jahr an dieser Krankheit, darunter rund eine Million Kinder südlich der Sahara im Alter zwischen achtzehn Monaten und fünf Jahren.

Überlebende einer Malariainfektion erwerben zwar auf äußerst schmerzhafte Weise eine partielle Immunität. Dies geschieht jedoch zu einem dauerhaft hohen Preis, weil wiederholte Malariaschübe zu signifikanten neurologischen Defiziten und kognitiven Beeinträchtigungen führen. Nicht wenige Experten sehen Malaria als einen wichtigen Faktor von Armut, Analphabetismus, Wirtschaftskrisen und politischer Instabilität, welcher zur Ungleichheit zwischen Nord und Süd entscheidend beitrage.

Wie der amerikanische Historiker James Webb in seiner vorzüglichen Globalgeschichte der Malaria hervorhebt, war diese Krankheit einst ungleichmäßig über feuchte und trockene Regionen, entlang den Küsten und in Waldgebieten, in Städten und auf dem Land, über subarktische, gemäßigte, subtropische und tropische Zonen verteilt. Im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts verschwand Malaria jedoch sukzessive aus den nördlichen Zonen. Was ehedem eine fast globale Bedrängnis darstellte, gilt heute weitgehend als „tropische Krankheit“.

Solide Kenntnis biologischer Fakten

Webbs Geschichte der Malaria gründet auf der soliden Kenntnis biologischer Fakten. Ihm gelingt eine dichte Beschreibung der diversen Einflüsse, welche die Krankheit bedingen, darunter das Klima, Umweltfaktoren, angeborene menschliche Eigenschaften wie etwa genetische Immunitäten und demographische Aspekte.

Dieses komplexe Netz von Faktoren verortet der Autor gekonnt in Raum und Zeit. Seine Darstellung beginnt mit der Steinzeit und endet mit den Aktivitäten der Stiftung von Bill und Melinda Gates. Sie basiert auf eigenen Archivstudien, vor allem aber auf der seit den späten sechziger Jahren massiv angewachsenen historischen Sekundärliteratur zu Malaria. Webb charakterisiert seinen Ansatz als „historische Epidemiologie“. Darunter versteht er „ein Untersuchungsfeld, das sowohl räumliche als auch zeitliche Dimensionen der sich wandelnden Krankheitsmuster integriert“. Ihn interessiert weniger die kulturelle Deutung der Krankheit als die Frage, wann, wo und warum sich Malaria verbreitete und welche Strategien zu ihrer Bekämpfung eingesetzt wurden.

Schutz vor Infektionsträgern

Die koloniale Expansion Europas spielte eine wichtige Rolle für die Erforschung der Malaria. Robert Koch etwa, der berühmte deutsche Bakteriologe, suchte in Daressalaam in der Kolonie Deutsch-Ostafrika nach einer Antwort auf das Malariaproblem, das die deutsche Kolonisierung im tropischen Afrika zu bremsen drohte. Um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert vollzog sich dann eine nahezu revolutionäre Entwicklung in der tropenmedizinischen Forschung. Bis dahin hatte man angenommen, die Malariafieber seien durch giftige Ausdünstungen bestimmter Böden verursacht. Bakteriologische Untersuchungen ergaben nun jedoch, dass es sich bei der Malaria um eine parasitär verursachte Krankheit handelte.

Aus der Tatsache, dass die afrikanische Bevölkerung ein wichtiger Zwischenwirt für die Malariaerreger war, schlossen die Forscher, dass der erfolgreiche Kampf gegen die Krankheit den Schutz der Gesunden vor solchen Infektionsträgern einschließen müsse. Der Paradigmenwechsel in der medizinischen Forschung ging einher mit einem Wandel der Werte im zeitgenössischen europäischen Diskurs. Nicht mehr bestimmte Naturräume waren gefährlich, sondern bestimmte Menschengruppen sollten nun gemieden werden. Kolonialverwaltungen verfolgten eine entsprechend strikte Segregationspolitik, die sich vor allem im kolonialen Städtebau und in der Trennung von europäischen und afrikanischen Wohnvierteln niederschlug. In der Praxis freilich konnte, wie Webb feststellt, eine rigide Separierung der „Rassen“ nur selten umgesetzt werden.

Ein bitterer Irrtum

Ein neues Zeitalter der Malariabekämpfung brach nach dem Zweiten Weltkrieg an. Die medizinische Forschung schien, so proklamierte wenigstens die WHO, an der Schwelle zum endgültigen Triumph über übertragbare Krankheiten zu stehen. Die Entdeckung schlagkräftiger neuer Pestizide wie DDT nährte die Überzeugung, das Ende von Krankheiten wie Malaria, Schlafkrankheit und Gelbfieber stünde unmittelbar bevor. Ein bitterer Irrtum: Denn Moskitos entwickelten Resistenzen, zudem fehlte vielerorts der politische Wille, ausreichende Finanzmittel zur Verfügung zu stellen.

Ironischerweise, so Webb, entmutigte die Ankündigung eines leichten und raschen Sieges über die Malaria Forscher, Geber und Ärzte, sich auf ein Gebiet einzulassen, das scheinbar bald überflüssig sein würde. Später kursierte der böse Witz, die Kampagne der WHO habe nicht die Malaria, wohl aber die Malariaforschung beseitigt.

Neue Entfaltungsmöglichkeiten für Mücken

Webb zeichnet nach, wie seit dem Kollaps des Anti-Malaria-Programms der WHO Ende der sechziger Jahre zahlreiche Faktoren vor allem in Afrika das Gleichgewicht zugunsten der Parasiten und Anophelesmücken verschoben. Dazu zählen Kriege, Wanderarbeit, die unheilvolle Synergie zwischen Malaria und anderen Epidemien wie Aids und Tuberkulose, Entwicklungsprojekte wie Dammbauten, die neue Entfaltungsmöglichkeiten für Mücken schufen, die fortwährende Armut und schließlich auch der Klimawandel. Da sich diese Dramen in der Regel in entfernten Weltgegenden abspielten, glaubte der industrialisierte Westen lange, sie weitgehend ignorieren zu können.

Für die vergangenen Jahre jedoch sieht Webb einige positive Entwicklungen. Sie verdanken sich nicht zuletzt der Einsicht der westlichen Länder, dass die durch die Malaria (mit)verursachten Probleme in den Ländern des Südens auch für die Industriestaaten spürbar werden können. Der Autor hebt das Engagement der Gates-Stiftung hervor, betont überdies, dass die WHO aus ihren früheren Fehlern gelernt habe. Sie setzt inzwischen auf dichtere Kontrollsysteme, die Verbesserung von Lebensstandards für die Armen und den Ausbau des primären Gesundheitssektors. Wer immer heute die Malaria in den Griff bekommen will, kann von Webbs Buch lernen, wie sich die Krankheit historisch entwickelt hat und wie bedeutsam in diesem Zusammenhang lokale Bedingungen waren.

James L. A. Webb Jr.: „Humanity's Burden“. A Global History of Malaria. Cambridge University Press, New York 2009. 236 S., br. 18,- €.

Quelle: F.A.Z.
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