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Islamwissenschaft : Befreit den Propheten aus seiner religiösen Umklammerung!

  • -Aktualisiert am

Zu erforschende Religion: Islamkonferenz in Berlin Bild: ddp

Plädoyer für eine säkulare Islamwissenschaft: Wie muss eine Forschung des Lebens Mohammeds aussehen, die den Koran nicht vergewaltigt, sondern historisch-kritisch erhellt?

          Dass man über das Leben Mohammeds bis in alle Einzelheiten Bescheid wisse, ist für den Muslim nicht nur eine Glaubenswahrheit, sondern eine „wissenschaftlich“ untermauerte Gewissheit, über die er sich aus unterschiedlichen Quellen unterrichtet; zu allererst aus dem Koran, sodann aus der Überlieferung vom normsetzenden Handeln Mohammeds (Hadith) und drittens aus der Prophetenbiographie (Sira), deren ältestes Zeugnis, das in der Bearbeitung durch Ibn Hischam vorliegende Werk Ibn Ishaqs, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch den Göttinger Orientalisten Ferdinand Wüstenfeld der Forschung zugänglich gemacht wurde. In den Augen des Muslims ist Mohammed der eine Bürge für alles, was „islamisch“ ist, angefangen von der Theologie bis hin zu den Regelungen der Bewältigung des Alltags.

          Seit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert schwand das Vertrauen der europäischen Islamwissenschaft auf die Aussagekraft der drei Quellengattungen. Ignaz Goldziher erkannte, dass das Hadith auf vielfältige Weise den frühislamischen, etwa drei Jahrzehnte nach Mohammeds Tod ausgebrochenen Parteienzwist widerspiegele und daher keinesfalls als die - wie die Muslime meinen - authentische Quelle zur Persönlichkeit und zum Wirken des Propheten in Betracht kam. Damit entfiel auch der Wert der Sira, die nach der bis heute weithin geltenden Auffassung der Islamwissenschaft in wesentlichen Teilen aus Hadith besteht, insbesondere aus solchem koranexegetischer Natur.

          Unbefriedigender Eindruck

          Der Däne Frants Buhl, dessen 1903 erschienene Mohammedbiographie das ganze zwanzigste Jahrhundert hindurch ihren Platz in der wissenschaftlichen Literatur zu Mohammed behauptete, klagte in der Einführung, es sei unmöglich, hinter Mohammeds koranischen Worten und dem hadith „eine Gestalt aus Fleisch und Blut“ zu erkennen; es ergebe sich vielmehr ein eigenartiges Doppelbild. Auch dem Briten W. Montgomery Watt, der in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den breitangelegten Versuch einer Mohammed-Biographie unternahm, ist die Lösung der Kernfrage nach der Verwertbarkeit des außerkoranischen Materials nicht gelungen. Allerdings verdanken wir ihm die Erhellung wichtiger Vorgänge im Leben Mohammeds. Im Ganzen aber blieb der unbefriedigende Eindruck, man habe noch nicht einen vom muslimischen Vorverständnis unabhängigen Standpunkt der Beurteilung der Quellen gewinnen können, eben weil dieses Vorverständnis in einer schwer zu identifizierenden Weise in den Quellen allgegenwärtig sei.

          Die Ergebnisse Watts und anderer erschienen von dem Augenblick an als völlig wertlos, in dem die Authentizität des Korans selbst und damit die geschichtliche Existenz seines Verkünders in Frage gestellt wurden. Als das Wetterleuchten dieser radikalen Wende, die freilich nicht von allen westlichen Islamwissenschaftlern mitvollzogen wurde, darf man die Arbeiten Günter Lülings ansehen. In einer 1974 veröffentlichten Arbeit verfocht er nach der Analyse von 26 - meist kurzen in Mekka entstandenen - Passagen des Korans die Thesen, dessen Text berge „in sich einen vorislamisch-christlichen Grund- oder Urtext“ und gliedere sich infolgedessen in zwei Textarten, nämlich in auf jenen Grundtext aufgepfropfte Passagen und in originär-islamische; der überlieferte Koran sei mithin das Ergebnis mehrerer aufeinander folgender Redaktionen, was im Übrigen durch außerkoranisches Material erhärtet werde.

          Zum heiligen Text zusammengewachsen

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