Home
http://www.faz.net/-gr6-3eyq
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview Synästhetiker: „Eine andere Art der Normalität“

12.05.2002 ·  Synästhesie ist eine Fähigkeit, in deren Genuss nur wenige Menschen kommen. Ein Interview.

Artikel Lesermeinungen (0)

Synästhesie ist eine Fähigkeit, in deren Genuss nur wenige Menschen kommen. Über die Ursache, Bedeutung und Vorkommen dieses Phänomens sprach FAZ.NET mit dem Leiter der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover, Professor Hinderk Emrich.

Es gibt nur wenige Forschergruppen in der Welt, die sich mit dem Phänomen Synästhesie beschäftigen, in Deutschland ist es etwa nur noch eine Initiative in Leipzig, seit wann beschäftigen Sie sich mit der Synästhesie und weshalb?

Ich beschäftige mich seit sieben Jahren mit der Synästhesie, mehr oder weniger aufgrund eines Zufalls, da ein Fernsehjournalist über den Synästhesieforscher Cytowic in den USA einen Film gedreht hatte und von diesem die Anregung bekam, doch einmal einen Partner an einer Medizinischen Hochschule in Deutschland aufzuspüren. Da mich aus neurophilosophischen und Gründen der psychiatrischen Grundlagenforschung das Thema sehr reizte, bin ich auf den Vorschlag eingegangen, in einer Fernsehsendung kurz die Problemlage zu kommentieren. Daraufhin kamen zahlreiche Menschen auf mich zu, die sehr spannende und inhaltsreiche Interviews mit mir geführt haben.

Wie empfinden Synästhetiker eigentlich ihre Fähigkeit?

Synästhetiker erleben sie in der Regel als große Bereicherung und lehnen sie keineswegs ab. Synästhesie ist ja keine Krankheit, es ist eine andere Art von Normalität. Allerdings ist es so, dass Synästhetiker, bevor sie verstanden haben, worum es sich bei ihnen überhaupt handelt, ein starkes Erleben von so etwas wie "Einsamkeit" in sich tragen, da sie mit kaum einem Menschen über ihre besonderen Wahrnehmungsfähigkeiten kommunizieren können und befürchten müssen, für "verrückt" gehalten zu werden.

Beeinträchtigt die Synästhesie die Betroffenen?

Der Alltag wird nur ganz selten beeinträchtigt, in aller Regel eher erleichtert. Eine Beeinträchtigung dann darin liegen, dass beispielsweise bei dem Codieren von Zahlen durch bestimmte Farben bei der Ähnlichkeit von Farben für bestimmte Zahlen Verwechselungen auftreten können, beispielsweise beim Telefonieren oder bei dem Verwenden anderer Zahlencodes. Dies kann gelegentlich auch zu Rechtschreibfehlern führen.

Verändert sich die Synästhesie im Laufe der Jahre bei den Betroffenen?

Ja. Die Fähigkeit zur Synästhesie nimmt bis zur Pubertät zu und danach wieder ab, ganz weg geht sie allerdings nie. So haben wir auch 70-jährige Synästhetiker bei unseren Treffen.

Erleben die Betroffenen die Synästhesie ähnlich?

Nein. Jede Synästhesie ist von der eines anderen Menschen recht verschieden. Insofern sind Synästhesien äußerst singuläre "Innenwelterlebnisse", die deutlich machen, dass Subjektivität etwas äußerst individuenspezifisches ist und dass jedes menschliche Subjekt in einer singulären Eigenwirklichkeit, Eigenwelt lebt.

Dies zeigt sich auch in kernspintomographischen Untersuchungen, die von Professor Scheich in Zusammenarbeit mit meiner Forschergruppe in dem Institut für Neurobiologie Magdeburg durchgeführt wurden. Dabei zeigte sich, dass die Probanden sehr reproduzierbare subjektspezifische Erregungsmuster haben, die aber von den Erregungsmustern anderer Synästhesieprobandinnen und -probanden sehr verschieden sein können.

So faszinierend die Synästhesie als Phänomen auch sein mag, wozu dient die Auseinandersetzung mit dem Thema aus Sicht der Wissenschaft?

Der Nutzen für die Wissenschaft liegt insbesondere in einem tieferen Verständnis der Prozesse der Wahrnehmung und der Wahrnehmungsintegration. Hier ist das Hauptthema die Frage nach dem "Binding", nämlich der Frage, wie verschiedene Wahrnehmungsgehalte so aufeinander bezogen werden, dass es zur "Einheit des Bewusstseins im Wahrnehmungsfeld kommt. Wenn ich beispielsweise ein Kind mit einem roten Schal sehe, denke ich ja nicht:

Da ist ein Mensch, der ist ein Kind, mit einem Schal, der ist außerdem rot. Statt dessen sehe ich dieses Kind als synthetische Einheit. Doch wie wird diese Einheitlichkeit der Wahrnehmung erzeugt? Die Erforschung der Synästhesieeigenschaften ist somit auch eine Erforschung der Mechanismen des "Binding".

Gibt es Erkenntnisse darüber, was diese Vermischung der Sinne verursacht?

Ja. Die Haupterklärung zur Ursache der Synästhesie liegt derzeit in der Konzeption der "limbischen Brücke". Darunter versteht man, dass die verschiedenen Wahrnehmungsgehalte dadurch aneinandergekoppelt werden, dass das interne Bewertungssystem im limbischen Gehirn die verschiedenen Aspekte der Wahrnehmung aufeinander bezieht.

Über diese Fähigkeit, unterschiedliche Reize miteinander zu verbinden, verfügen im Übrigen alle Menschen: Während wir reden denken und fühlen wir ja immer auch. Bei Synästhetikern kommt zu den üblichen Verknüpfungen noch eine weitere hinzu wie etwa das Farbensehen. Eine Alternativerklärung wurde von Professor Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt vorgeschlagen.

Er ist der Auffassung, dass die verschiedenen Hirnareale im Kortex in ständiger Verbindung miteinander stehen und sich abstimmen. Während ich die Theorie vertrete, dass dies über einen Umweg des limbischen Gehirn geschieht. In einem gemeinsamen Versuch wollen wir nun herausfinden, ob Synästhetiker auch Kohärenzwellen an dieser Stelle haben.

Das Interview führte Nathalie Heinke

Quelle: @nath
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen