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: In Horst Köhlers Zukunftswerkstatt

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Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, daß das Geld bei diesem Wahlkampf eine Rolle spielen wird, wie sie die sozial harmonisierte Mittelstandsgesellschaft der Bundesrepublik bislang nicht kannte. Mit einemmal schieben sich auf allen Stufen der sozialen Leiter wieder ganz handfeste materielle Interessen vor die programmatischen Überhöhungen.

          Man braucht kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, daß das Geld bei diesem Wahlkampf eine Rolle spielen wird, wie sie die sozial harmonisierte Mittelstandsgesellschaft der Bundesrepublik bislang nicht kannte. Mit einemmal schieben sich auf allen Stufen der sozialen Leiter wieder ganz handfeste materielle Interessen vor die programmatischen Überhöhungen. Dabei scheint die Skandalisierung von Reichtum und Armut parteipolitisch fast so indifferent zu sein wie das Geld selbst: daß Managergehälter von einer bestimmten Höhe an eine "Riesensauerei" ("Bild") seien, finden Rechte ebenso wie Linke und die Platzhalter der Mitte. Da kann einen schon der Verdacht beschleichen, beim Reichtums- und Millionärssteuer-Diskurs handele es sich bloß um einen Politikersatz, um eine wohlfeile Methode, der eigentlich politischen Frage aus dem Weg zu gehen, ob überhaupt und wie der Staat sich inmitten der Globalisierung zum Markt verhalten kann. Moralismus statt Politik: auch eine Art Betäubung, Opium fürs Volk.

          Für diesen Verdacht kann man auch in den "Briefen an den Reichtum" zahlreiche Anhaltspunkte finden, die der Kulturkritiker Carl Amery dieses Jahr kurz vor seinem Tod herausgegeben hat ("Briefe an den Reichtum". Herausgegeben von Carl Amery. Luchterhand Literaturverlag, München 2005. 270 S., geb., 18,- [Euro]). Versammelt sind Briefe verschiedener Autoren an verschiedene reiche Leute. Als Nachwort fungiert ein Schreiben Carl Amerys an den Bundespräsidenten, dessentwegen Horst Köhler dem Autor im November 2004 einen Hausbesuch abstattete. Manche der Beiträge erschöpfen sich darin, Gehälter, Sondereinnahmen und Steuererleichterungen aneinanderzureihen, so als ergebe sich aus deren Entrüstungspotential schon von selbst eine politische These. Doch wenn sich Oskar Negt über die von einer Zeitschrift errechnete Weihnachtsgratifikation des Siemens-Chefs Heinrich von Pierer über zwölf komma fünf Millionen Euro erregt und daran die Fragen anschließt, was man mit all dem Geld überhaupt tun kann ("Was hat dieses ganze Anlegen von Vermögen für einen Sinn, wenn der Lebenssinn dabei nicht zum Tragen kommt?") und für welche konkrete Verantwortung so ein Manager eigentlich bezahlt wird - so sind dies erst einmal rein moralische Erwägungen, deren politische Relevanz zwar suggeriert, aber nicht belegt, nicht ausbuchstabiert wird. Und auch die fünf Millionen Vermögen, die der Fußballfan Rupert Neudeck dem Fußballspieler Oliver Kahn vorhält, münden nur in die Aufforderung, für ein afghanisches Dorf zu spenden, in dem Kahn der mit Abstand berühmteste Deutsche ist.

          Nicht daß solche moralischen Erwägungen keine Bedeutung hätten: Aber wenn sie sich mit dem politischen Anspruch auf "Aufklärung" vermengen, ohne doch auf diesen argumentativ bezogen zu sein, nehmen sie sich selbst und zugleich der Politik ihr Gewicht - und gehen dabei über das Niveau der nicht ganz so sehr um "Aufklärung" besorgten Illustrierten nicht hinaus. Einige der Beiträge dieses Sammelbands beschäftigen sich aber doch mit der Frage, was genau das Geld zum "Mammon" macht, der eine nicht nur moralische, sondern politische Reaktion verlangt. Carl Amery selber sucht in seiner Einleitung bei Aristoteles Zuflucht, der zwischen der Sorge um den Oikos, die Beschaffung der nötigen Mittel für den Großhaushalt oder die Gemeinde, und dem Wirtschaften um des Gewinnes, der Anhäufung von Schätzen willen unterschied. In dieser zweiten Wirtschaft, so Amery, liege der Keim des Übels, die "schlechte Unendlichkeit der Akkumulation"; hier verselbständige sich das Gewinnstreben so sehr, daß das dadurch erworbene Geld fast keinen Bezug zur üblichen Lebenserhaltung mehr habe, sondern nur noch eine abstrakte, im Vergleich zu anderen Geldern stehende Realität sei. Daraus folgt dann die im Band mehrmals angeführte, schier unglaubliche Rechnung, daß die zweihundertzwanzig Reichsten der Erde mehr Geld zur Verfügung haben als die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit.

          Das Gegenstück zu dieser Akkumulation beschreibt Andreas Eschbach in seinem Brief an Max Mustermann, den anonymen Bankkunden. Wenn Geld "arbeitet", wie die Vermögensberater sagen, und sich dadurch vermehrt, dann ist dies kein quasi-technischer, sich selbst hervorbringender Prozeß, sondern ein durch Schulden und Zinsen ermöglichter Vorgang: "Unweigerlich stehen jedem Vermögen Schulden gegenüber, und zwar in exakt der gleichen Größe." In dieser Gegenrechnung liegt das potentiell Grausame des verselbständigten Reichtums, der sich gar nicht mehr in realen Gegenwerten, sondern nur in Relation zu den Vermögen anderer fassen läßt: Er nimmt in dieser vermeintlichen Abstraktion zugleich anderen die konkreten Mittel, sich selbst zu erhalten - und zwar nicht aufgrund einer subjektiv bösen Absicht, sondern infolge einer objektiven, sozusagen mathematischen Zwangsläufigkeit. Hier geht die Kritik am "Reichtum" allerdings schon fließend in die Kritik einer auf Wachstum angelegten Marktwirtschaft über. Da ist guter Rat teuer. Denn ein anderes Modell hat der Sammelband sowenig anzubieten wie die politischen Akteure im Wahlkampf, die sich die Kapitalismuskritik auf die Fahnen geschrieben haben.

          Die offenen Briefe an reiche Menschen lassen den Leser etwas unbefriedigt zurück. Einige von ihnen münden schlicht in die Bitte zu spenden. Amery fordert den Bundespräsidenten auf, eine "Zukunftswerkstatt" für die großen Überlebensfragen ins Leben zu rufen, die durch den freiwilligen Beitrag von einem Prozent des Vermögens der deutschen Millionäre finanziert werden soll. Max Mustermann wird ermuntert, die Plakate seiner Bank künftig auszulachen und sich zu wundern. Aber die Ratlosigkeit nimmt dem Befund nicht seinen Schrecken.

          MARK SIEMONS

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