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: In der Gegenwart von Zeugen

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Und wenn sie eines Tages alle gestorben sein werden, sie, die letzten Überlebenden des Holocaust, die letzten Zeugen der Vernichtung? Wenn eines Tages keiner mehr da sein wird, der berichten, der erzählen könnte vom Verbrechen an den Juden, das er am eigenen Leib und in der eigenen Seele hat erfahren ...

          Und wenn sie eines Tages alle gestorben sein werden, sie, die letzten Überlebenden des Holocaust, die letzten Zeugen der Vernichtung? Wenn eines Tages keiner mehr da sein wird, der berichten, der erzählen könnte vom Verbrechen an den Juden, das er am eigenen Leib und in der eigenen Seele hat erfahren müssen - was dann?

          Martin Doerry, stellvertretender Chefredakteur des "Spiegel" und Autor des vor vier Jahren erschienenen Buches "Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944" (das Buch über seine in Auschwitz ermordete Großmutter), hat dieses "was dann?", das in eine ungewisse Zukunft weist, in die Gegenwart, in der man ja noch etwas tun kann, zurückgebogen, und er ist zu ihnen, den Überlebenden des Holocaust, gegangen, er ist nach Amerika gefahren und durch Europa gereist, um mit ihnen zu sprechen.

          Zu sprechen? Das Wort "sprechen" ist viel zu klein für dieses Zusammensein. Um mit ihnen ein Gespräch zu führen? Ein Gespräch ist es, ist es aber auch wieder nicht, denn hier sitzen sich nicht zwei Gesprächs-"Partner" gegenüber. Um sie zu fragen? Ja, um Fragen über das Ungeheuerliche zu stellen. Mehr kann man, wenn man glücklicherweise nicht erleben mußte, was der Mensch gegenüber erleben mußte, erst einmal nicht tun.

          Klar und ernst ist auch Doerrys kluges Vorwort. Die Antworten auf seine Fragen sind noch klarer und noch ernster, als die Fragen sein können. Manchmal sind die Antworten so klar und so ernst, daß klar und ernst denkende Menschen wie Martin Doerry irritiert sind, wie im Gespräch mit dem Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, der im Gespräch das Wort Glück und das Wort Konzentrationslager tatsächlich zusammenbringt, was jeder, der nur Fragen stellt, innerlich gar nicht kann.

          Das hat Kertész nicht zum ersten Mal gemacht. Vom "Glück" des Konzentrationslager schreibt er auch in seinem ungeheuerlichen Roman "Roman eines Schicksallosen", den jeder einmal gelesen haben sollte. Im Gespräch mit Doerry (bei dem der "Spiegel"-Redakteur Volker Hage mit dabei war) sagte Kertész über dieses Glück im Konzentrationslager: "Es gab dieses vegetative Glück: wenn man liegen darf und nicht geschlagen wird, wenn man essen darf und nicht hungrig ist, wenn einen die Erinnerung an einen schönen Tag zu Hause erfaßt." Und er sagte auch, daß er sich nicht nur als Opfer betrachte: "Um überleben zu können, mußte man durch die Hölle gehen - und in der Hölle wird man schmutzig. Die Unschuldigen sind die, die gestorben sind." Das sind klare, ernste und sehr schwere Sätze, wie sie nur in der direkten Rede vorkommen.

          Martin Doerry hat vierundzwanzig Gespräche geführt, unter anderen mit dem Schriftsteller Aharon Appelfeld, dem Kulturwissenschaftler Peter Gay, dem Kunstsammler Heinz Berggruen, der Germanistin Ruth Klüger, dem Schriftsteller Ivan Klima, dem Soziologen Alfred Grosser, dem Kaufmann und Sachbuchautor Arno Lustiger, mit dem Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt, mit dem Wirtschaftswissenschaftler Albert O. Hirschmann und mit dem Historiker Saul Friedländer.

          Wir wünschen dem Buch viele Leser, und wir wünschen dem Buch eine Taschenbuchausgabe, damit viele junge Leser das Buch lesen - und dann hoffentlich auch lesen, was die Schriftsteller, die hier befragt werden, geschrieben haben.

          EBERHARD RATHGEB

          Martin Doerry: "Nirgendwo und überall zu Haus". Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. Fotografien von Monika Zucht. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006. 262 S., geb., 39,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2006, Nr. 205 / Seite 37

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