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: Im Plattenbau

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Solide Kaufleute machen am Jahresende Inventur. Ähnlich ist es in vielen Wissenschaften. Gern wird hier zu Ende eines Jahrhunderts Bilanz gezogen. Der seit 1937 in den Niederlanden lebende Historiker Hermann W. von der Dunk hat pünktlich zum Jahr 2000 eine monumentale Geschichte der europäischen Kultur im zwanzigsten Jahrhundert vorgelegt.

          Solide Kaufleute machen am Jahresende Inventur. Ähnlich ist es in vielen Wissenschaften. Gern wird hier zu Ende eines Jahrhunderts Bilanz gezogen. Der seit 1937 in den Niederlanden lebende Historiker Hermann W. von der Dunk hat pünktlich zum Jahr 2000 eine monumentale Geschichte der europäischen Kultur im zwanzigsten Jahrhundert vorgelegt. Dank der "Stiftung für die Produktion und Übersetzung niederländischer Literatur" kann man seine europäische Jahrhundertsynthese nun auf mehr als eintausend Seiten auch in deutscher Übersetzung lesen. Im Gesamtdeutungskrieg ums zwanzigste Jahrhundert setzt von der Dunk auf offensive Materialschlacht. Zwar fehlen Adolf von Harnack und Johannes Paul II., Ferdinand Porsche und Max Schmeling, Rosa von Praunheim und Freddy Mercury. Ansonsten aber gleichen die beiden dicken Bände einem "Who is Who" führender Kulturschaffender, von bedeutenden Gelehrten über Künstler, Filmstars und Religionsdenker bis hin zu den großen politischen Bösewichtern der Epoche.

          Die "Dialektik der Aufklärung" steht neben "Lili Marleen", Johannes Heesters neben Martin Heidegger, Mickey Mouse neben Mao Tse-tung. Von A wie Architekturgeschichte bis Z wie Zivilisationskritik wird allerlei irgendwie "Kulturelles" gut sortiert dargeboten, fleißig, bieder, langweilig und ermüdend. Im Anmerkungsteil sind selbst klassische deutsche Titel falsch wiedergegeben, weil man denkfaul niederländische Übersetzungen rückübersetzt hat. Zwar informiert von der Dunk über Derridas Dekonstruktionismus und kennt neuere epistemologische Debatten über den objektivistischen "Neupositivismus der Sozialgeschichte". Aber immense Belesenheit und stupende Sammelleidenschaft können nicht darüber täuschen, daß seine Erzählmuster von allzu überschaubarer intellektueller Komplexität bleiben.

          Natürlich leidet der Autor unter der hegemonialen Rolle Amerikas, und die immer neuen avantgardistischen Kunst-Revolten beschreibt er als "Die Entweihung der Künste". Im grauen Gewebe seines zwanzigsten Jahrhunderts erkennt von der Dunk als "rote Fäden" "Emanzipationstendenz", "wuchernden Materialismus" und Erosion religiösen Jenseitsglaubens: "Am Immateriellen orientierte oder antimaterialistische Normen hatten keine stabile Grundlage mehr."

          Gipfeln die Gewaltexplosionen der Epoche nur im üblichen Werteverlust-Geschwätz? Tausende von Karteikarten ordentlich exzerpierter Sekundärliteratur türmt der Plattenbauhistoriker von der Dunk zum Trivialkunstwerk eines selbstgenügsam seichten Spießbürger-Moralismus auf.

          Man muß wohl das Böse, Dämonische für eine ästhetizistische Überspanntheit Thomas Manns halten, um ein Kulturpanorama des "Jahrhunderts der Extreme" ohne Abgründe zeichnen zu können. So entsteht nur ein Flachbild ohne Kontrastschärfe. Nordamerikanische Intellektuelle verhöhnen solchen inspirationsfernen Tupper-Ware-Historismus gern als "Euro-Trash".

          FRIEDRICH WILHELM GRAF.

          Hermann W. von der Dunk: "Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts". Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004. 2 Bände im Schuber. 1368 S., 70 Farb- u. 120 S/W-Abb., geb., 128,- [Euro].

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