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Im C steckt schon mehr als die Hälfte vom D

16.08.2008 ·  Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht mehr sagen, wie wir als Kinder diese Dinger nannten: Aufklappbücher wahrscheinlich, aber aufgeklappt werden ja alle. Heute heißen sie jedenfalls Pop-up-Bücher und erfreuen sich seit einiger Zeit wieder großer Beliebtheit. Und es sind Meisterwerke erschienen, deren Raffinement, ...

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Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht mehr sagen, wie wir als Kinder diese Dinger nannten: Aufklappbücher wahrscheinlich, aber aufgeklappt werden ja alle. Heute heißen sie jedenfalls Pop-up-Bücher und erfreuen sich seit einiger Zeit wieder großer Beliebtheit. Und es sind Meisterwerke erschienen, deren Raffinement, mit dem sie die aufgefalteten beweglichen Elemente in die Handlung integrieren, jedem Vergleich mit anderen Literaturformen standhält. Erst im vergangenen Jahr hat der Altmeister Maurice Sendak in Amerika sein "Mommy?" herausgebracht (F.A.Z. vom 9. Juni 2007), jetzt erscheint Marion Batailles "ABC3D" auf Deutsch, noch vor der französischen Originalausgabe.

Aber was heißt Originalausgabe? Die Bücher sind bis auf den Verlagsnamen auf dem Buchrücken und das Impressum identisch. Zu übersetzen gab es nichts, denn recht betrachtet, könnte es sich bei dem Buch der fünfundvierzigjährigen französischen Graphikerin, die auch schon schöne Werke mit surrealistischer Poesie, über Lärm und skurrile Briefe illustriert und gestaltet hat, um einen der kürzesten aller jemals verlegten Texte handeln. Er umfasst sechsundzwanzig Buchstaben - und eigentlich die nicht einmal alle.

Wie das? Nehmen wir das dicke Buch zur Hand und schlagen es auf. Da tut sich vor uns ein A auf: aus Pappe, die sich zu einem plastischen Gebilde auffaltet, an dem Richard Serra seine Freude hätte, so stabil sieht es aus. Das B ist schon raffinierter. Zunächst sieht man beim Umblättern nur eine Vertikale aus roten Streifen. Doch dann schieben sich, je weiter man die Seite aufschlägt, zwei gleichfalls aus roten Linien bestehende Halbkreise hinter der Vertikalen hervor und ergänzen sie zum B. Wenn wir dann noch einmal weiterblättern, haben wir ein schlichtes C vor uns, rot auf weißer Pappfläche. Doch die schlägt sich beim kompletten Aufschlagen der Seite um, und auf der Rückseite wird das C spiegelverkehrt zum Bogen des D, der sich an einen schwarzen Balken anschmiegt, den man vorher nicht sah, weil er unter der Pappfläche lag. So wird aus einem Buchstaben ein zweiter.

Und das gibt es häufiger. Nur noch ein Beispiel dafür: das V. Es ist auf der linken Seite direkt an die Falz gedruckt, die rechte Seite besteht aus Spiegelfolie. Wenn man dorthin blättert, spiegelt sich rechts das V, und man erhält ein W - allerdings sieht man dieses W zuerst, und wenn die Doppelseite erst ganz aufgeschlagen ist, wird das V nicht mehr reflektiert und steht allein; da wird also das Alphabet durcheinandergebracht, aber wen störte das bei solchem Einfallsreichtum?

Wem das jetzt zu umständlich erklärt war, der kann sich dieses dreidimensionale Alphabet (so erklärt sich der Name "ABC3D") auf You.tube ansehen: Da blättert jemand alle Seiten um. Und wenn Sie es selbst im Buchladen finden, schlagen Sie einfach nur die Seite mit dem U auf. Wer sich darin nicht verliebt, dem ist nicht zu helfen.

ANDREAS PLATTHAUS

Marion Bataille: "ABDC3D". Carlsen Verlag, Hamburg 2008. 38 S., geb., 15,- [Euro]. Ab 4 J.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.2008, Nr. 191 / Seite 40
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