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: Im Abendflug nach Palermo

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Seit Duisburg sieht die Mafia anders aus. Das Massaker im Ristorante "Da Bruno", wo an Maria Himmelfahrt 2007 zwei Killer der kalabresischen 'Ndrangheta sechs Landsleute hingerichtet haben, hat ihr den letzten Rest von Exotik und alle Zweifel daran genommen, dass sie sich hierzulande längst eingenistet ...

          Seit Duisburg sieht die Mafia anders aus. Das Massaker im Ristorante "Da Bruno", wo an Maria Himmelfahrt 2007 zwei Killer der kalabresischen 'Ndrangheta sechs Landsleute hingerichtet haben, hat ihr den letzten Rest von Exotik und alle Zweifel daran genommen, dass sie sich hierzulande längst eingenistet hat. Von der Pizzeria an der Ecke kann sie ihre Fäden ziehen, Feinkost- oder Schuhgeschäfte können als Geldwaschanlagen dienen, viele Milliarden Euro ihrer in Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung, Markenpiraterie und Subventionsbetrug erwirtschafteten Gewinne hat sie, einem Bericht des Bundeskriminalamts zufolge, in Deutschland angelegt. An der Frankfurter Börse ist sie ebenso aktiv wie in den neuen Bundesländern, wo sie früh in Hotels investiert hat.

          Die Mafia ist mitten unter uns. Mit der Einführung des Euros sind grenzüberschreitende Finanzschiebereien leichter geworden, längst hat sie sich Maßanzüge, Manieren und Masken der Wohlanständigkeit zugelegt. Ihre archaische Fratze, die sie - strategisch ein Fehler - in Duisburg noch einmal zeigte, ist einem globalisierten Gesicht gewichen, das lieber anonym bleibt. Aus einer endemischen ist eine epidemische Krankheit geworden. Aber auch das ist Teil des Phänomens und des akuten Interesses daran: Dass die Öffentlichkeit auf die Festnahme der Mörder von Duisburg länger warten muss als auf ein spannendes neues Buch, das ihm, unter Berücksichtigung der dortigen Ereignisse, nachspürt.

          Denn "Mafia", wie Petra Reski ihren Reportagenband denkbar allgemein überschreibt, hält mehr als der Untertitel "von Paten, Pizzerien und falschen Priestern" verspricht. Die seit 1989 in Venedig lebende Autorin ist eine genaue, kenntnisreiche Beobachterin, die Neugier und einschleichende Nähe mit einer kühlen Distanz imprägniert. Zur Mafia reist sie wie auf eine Städtetour. Von Venedig nach Palermo nimmt sie "immer den Abendflug" und schickt von unterwegs Salvo, "dem Taxifahrer meines Vertrauens", und ihrer Freundin Shobha, einer bekannten Fotografin, eine SMS, damit sie im Restaurant einen Tisch reserviert. "Mafia" lässt sich an wie ein Reiseessay, und der stellt auch den Rahmen bereit, in den Begegnungen mit Mafiosi und Hinterbliebenen von Opfern, Politikern, Staatsanwälten, Richtern, Polizisten und Zeitzeugen als Episoden aufgenommen werden. Was an Atmosphärischem, Persönlichem und kleinen Eitelkeiten einfließt, trägt auch bei, das Thema im Alltag zu justieren: Viele mafiöse Verhaltensweisen spielen sich, so führt Petra Reski eindrücklich vor, in aller Öffentlichkeit ab, und es bedarf "nur" eines geschulten Blicks und einer (oft großen) Portion Unerschrockenheit, sie wahrzunehmen und zu studieren.

          Aus dem Umstand, dass die Mafia in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, zieht die Autorin eine so naheliegende wie mutige Konsequenz: Sie rückt den Mafiosi und ihren Angehörigen auf die Pelle und lockt sie mit ihren Fragen aus der Reserve. Klingt einfach, ist aber in dieser Mischung aus scheinbarer Unbedarftheit und Vertrauen weckender Einfühlung, Chuzpe und Courage ganz schön raffiniert: "Unterschätzt zu werden ist das Beste, was einem Journalisten während einer Reportage passieren kann", notiert Petra Reski einmal, und das gilt, wie sie weiß, in Süditalien für eine Frau erst recht.

          Die Reise zu den Schauplätzen und Aktionsfeldern der Mafia, ihren Protagonisten und Antagonisten folgt nicht dem Flugplan der maroden Alitalia, sondern einer offenen Dramaturgie, die in Porträts und Szenen, Ortserkundungen, Gesprächen, Gerichtsakten und Recherchen die Physiognomie einer alles andere als "ehrenwerten Gesellschaft" differenziert und hintergründig erfasst. Diese Patchwork-Struktur erlaubt es Reski, schon auf dem Weg von Venedig nach Palermo eine Zwischenstation einzulegen, die sie gerade nicht in die Mitte, sondern an den Rand, an die Peripherie von Rom führt: In einem schäbigen Block, wo ihm das Innenministerium eine Wohnung angemietet hat, trifft sie Marcello Fava, einen abtrünnigen Mafioso, der hier unter falschem Namen und ständiger Bewachung lebt. Mit dem Porträt und Psychogramm eines "pentito" zu eröffnen, ist ein doppelter Coup. Denn erstens beweist die Autorin damit, dass sie sogar an Leute herankommt, die sich von der Cosa nostra losgesagt haben, und zweitens stellt sie sich gerade mit diesem Schicksal gegen jede Verharmlosung: Für Mafiosi gilt, so oder so, immer lebenslänglich.

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