http://www.faz.net/-gr3-t4o7

: Ihre Freiheit ist auch unsere

  • Aktualisiert am

Am 24. Juli 1992 schlug im Bonner Hauptbahnhof ein Schmetterling mit den Flügeln und entfachte zehn Jahre später einen Wirbelsturm, der das Königreich der Niederlande erfassen und ihm die schwerste Krise der Nachkriegsgeschichte bescheren sollte. Ganz Europa veränderte sich an jenem Abend, aber natürlich hat es niemand gemerkt.

          Am 24. Juli 1992 schlug im Bonner Hauptbahnhof ein Schmetterling mit den Flügeln und entfachte zehn Jahre später einen Wirbelsturm, der das Königreich der Niederlande erfassen und ihm die schwerste Krise der Nachkriegsgeschichte bescheren sollte. Ganz Europa veränderte sich an jenem Abend, aber natürlich hat es niemand gemerkt. Niemand achtete auf die junge Frau mit dem Kopftuch, die mit leichtem Gepäck einen Zug nach Amsterdam bestieg. Hätte sie jemand gefragt, hätte sie geantwortet, sie sei auf dem Weg zu ihrem Ehemann, nach Kanada. Sie hätte nicht gesagt, daß dieser Mann ein schlichter Typ war, der sie kein bißchen interessierte, den ihr Vater ihr gegen ihren Willen ausgesucht hatte. Sie hätte nicht gesagt, daß sie entwischen und sie selbst sein wollte und daß sie später über alles nachdenken würde, was sie erlebt hatte, über die Stellung der Frauen im Islam, über den Islam überhaupt und sogar über den Charakter des Propheten. Welche Folgen ihr Denken haben würde, das konnte damals, im Bonner Bahnhof, kein Mensch ahnen, sie selbst nur in den Angstphantasien ihrer langen schlaflosen Nächte. Und doch fand sich bei ihr keine Spur von Verzagtheit: Zum 24. Juli, schreibt Ayaan Hirsi Ali in ihrer kommende Woche erscheinenden Autobiographie: "Jedes Jahr an diesem Tag muß ich daran denken. Ich betrachte ihn als meinen eigentlichen Geburtstag. Es war die Geburt von mir als Person, die selbständig Entscheidungen über ihr Leben treffen kann."

          Geburt im Zug

          Es hätte auch - und wie viele Niederländer haben sich das in den letzten Jahren wünschend oder fluchend vorgestellt - ein Zug nach Brüssel sein können oder Paris oder Berlin. Dann wäre Theo van Gogh noch am Leben: Bekanntlich hat der Mörder am Leichnam des Regisseurs einen fünfseitigen Brief hinterlassen, in dem er erklärte, daß diese Tat Ayaan Hirsi Ali gelte. Der Drehbuchautor und Journalist Theodore Holman, van Goghs ältester Freund, blickt auf die letzten Jahre wie auf einen seltsamen Traum zurück: "Als wir gemeinsam vor der Leiche von Theo standen und Abschied nahmen, trauerte Ayaan sehr. Sie fühlte sich schuldig an seinem Tod, unnötigerweise, denn der Mörder allein ist schuld an Theos Tod. Theo ist für das gestorben, woran er glaubte. Jedenfalls begann Ayaan, Theos Kopf zu streicheln. Man hatte ihr, um sie zu schonen, aber nicht gesagt, daß der Mörder den Kopf fast völlig vom Leib getrennt hatte, die Leiche war bis zum Kinn zugedeckt. Theos Kopf begann also wild hin und her zu rollen, und ich dachte, gleich kullert er auf den Boden."

          Nicht jeder in den Niederlanden entwickelt im Zusammenhang mit Ayaan Hirsi Ali ähnlich viel Humor. Von einem halben Dutzend Politikern, zum Teil ehemaligen Kollegen, fand sich keiner, der Zeit für eine kurze Stellungnahme gehabt hätte. Da Medienscheu nicht zum Wesensmerkmal dieses Berufsstands zählt, liegt der Schluß nahe, daß es das Thema, daß es diese Frau war, die die Lust auf ein Gespräch verfliegen ließ. Ist die denn niemals zufrieden?, heißt es oft hinter vorgehaltener Hand. Ayaan Hirsi Ali suchte in den Niederlanden Schutz vor der Zwangsehe - und bekam ihn. Sie suchte Bildung - und konnte hier studieren. Sie suchte eine sinnvolle Arbeit - und wurde Assistentin in der Stiftung der sozialdemokratischen Partei. Dann sprach sie über die Gewalt in den muslimischen Familien in den Niederlanden, über die mangelnden Bildungsanstrengungen der Einwanderer und vor allem über die Naivität und Feigheit der Politik - und wurde Abgeordnete. Bald brauchte sie Personenschutz und bekam ihn - aber sie wurde nicht demütiger und umsichtiger, sondern fordernder.

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Alice Weidel lehnt einen Rücktritt wegen der illegalen Spenden ab.

          Geld aus der Schweiz : Weidel bezahlte Wahlkämpfer mit Spende

          Alice Weidels Sprecher bestätigt die bewusste Verwendung des Geldes. Die illegale Spende soll für die Finanzierung von Facebook-Likes und für einen Medienanwalt genutzt worden sein.
          Italiens Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio geht in der Haushaltspolitik auf Konfrontationskurs mit der EU.

          Schuldenstreit mit der EU : Italien bleibt stur

          Die italienische Regierung weicht nicht von ihrer Haushaltspolitik ab. Nach Ablauf einer Frist am Dienstagabend droht Rom nun ein Verfahren der EU-Kommission.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.