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: Ihr idealer Lebenszweck war Autofahrt und Schweinespeck

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Guter Rat ist manchmal billig. Am 9. August 1926 schrieb die Biologin Marcella Boveri aus New York an ihre in Deutschland verbliebene Tochter Margret: "Lerne vor allem, Dich zurückzuhalten. Du hast seit Jahren in nervöser Energie und dauerhafter Begeisterung gelebt. Wenn Du aber gelangweilt sein ...

          Guter Rat ist manchmal billig. Am 9. August 1926 schrieb die Biologin Marcella Boveri aus New York an ihre in Deutschland verbliebene Tochter Margret: "Lerne vor allem, Dich zurückzuhalten. Du hast seit Jahren in nervöser Energie und dauerhafter Begeisterung gelebt. Wenn Du aber gelangweilt sein kannst und ruhst - wie wirst Du Deine Arbeit genießen!" Langeweile indes war das, was die damals sechsundzwanzigjährige Geschichtsstudentin Margret Boveri am meisten fürchtete. Die Ärzte hatten ihr wegen häufiger Fieber- und Entzündungserkrankungen ohnehin gerade zu einem Urlaub im Süden geraten, worauf sie in einem Brief an eine Freundin ihr Entsetzen über die "in Aussicht genommene Faulenzerei" ausdrückte.

          Trotzdem fiel der Rat nicht nur der besorgten Mutter, sondern auch seitens wohlmeinender Freunde über die Jahre hinweg geradezu monoton aus: Paul Scheffer, ihr Freund und Mentor beim "Berliner Tageblatt", schrieb ihr im November 1936 nach Rom, wo sie sich gerade für zwei Monate im Auftrag der Zeitung aufhielt, sie möge dort "moderiert-faul" agieren und "um keinen Preis pflichttreu" sein. Im März 1939 empfahl wiederum ihr Arzt einen "geruhigen Lebenswandel", worauf Margret Boveri sich in die "Langweiligkeit der neutralen Länder" schickte und eine Korrespondenz für die "Frankfurter Zeitung" in Stockholm annahm. Doch selbst dort noch erreichte sie ein Jahr später das mahnende Schreiben ihres Frankfurter Redaktionskollegen Paul Sethe: "Ich möchte, daß Sie mehr Stunden als bisher dafür finden, mit skandinavischen Bekannten, törichten und wissenden, gleichgültigen und sympathischen, zu plaudern, durch die Straßen zu schlendern, ins Theater zu gehen und in Gottes Namen auch einmal eine Stunde im Kaffee zu verdösen."

          Margret Boveri war nicht die Frau für so etwas, denn sie war kein Wunderkind gewesen. Niemand hatte ihr gesagt, wie man Journalist wird, alles war selbst - und hart - erarbeitet. Sethe hatte seinen Aufruf zum Müßiggang auch durchaus mit dem Hintergedanken nach Stockholm gesandt, daß seine Korrespondentin dadurch mehr Stimmungsberichte aus dem im Krieg neutral verbliebenen Schweden hätte schreiben können. Aber Margret Boveri litt geradezu körperlich unter ebendieser Neutralität. Es trieb sie weg, aus beruflichen Gründen - weil sie als Journalistin nicht abseits des Weltgeschehens stehen wollte - und aus privaten, denn Scheffer, den sie auch nach ihrem Weggang vom "Berliner Tageblatt" als Ratgeber schätzte, war mittlerweile als Berichterstatter in die Vereinigten Staaten entsandt worden. Welcher Art die Faszination der mittlerweile vierzigjährigen Boveri für den siebzehn Jahre älteren Kollegen genau war, ist unbekannt, doch beider von 1934 bis zu Scheffers Tod 1963 ununterbrochene Korrespondenz enthält einige Formulierungen, die spüren lassen, daß die Zuneigung Boveris für Scheffer etwas unheimlich war.

          Die Erschließung dieser rund siebenhundert Briefe umfassenden Korrespondenz ist das Herzstück der Biographie "Ein deutsches Leben", die die Berliner Historikerin Heike B. Görtemaker der Berliner Journalistin Margret Boveri widmet. Ja, das war sie vor allem: eine Berliner Journalistin, obwohl ihr Gebiet die Außenpolitik war und sie 1900 fern von Berlin, in Würzburg, als Tochter des namhaften Zoologen Theodor Boveri geboren wurde.

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