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Ich aber sage euch drei Kreise

28.01.2004 ·  Ein Band zum bildgebenden Verfahren des Joachim von Fiore

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"Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Was der Volksmund längst wußte, das hat innerhalb weniger Jahre für die Kulturwissenschaften eine vollkommen neue Bedeutung gewonnen. Gerade einmal zehn Jahre ist es her, daß Gottfried Boehm mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband "Was ist ein Bild?" die dabei gewiß grundsätzlichste Frage formulierte. Damals orientierten sich die gegebenen Antworten vor allem am klassischen Medium der Tafelmalerei. Doch ist die sich seither rasch entwickelnde Bildwissenschaft bei der Wahl ihrer Gegenstände erheblich großzügiger gewesen. Denn bildgebende Verfahren der Naturwissenschaften stehen hier genauso zur Debatte wie etwa die Ästhetik der Alltagskultur. Eine solche Ikonologie der Gegenwart interessiert sich gleichermaßen für technische Bilder wie für Kartographie, für schematische Konstruktionszeichnungen wie für die "site maps" des Internet, für das Werbedesign wie für die visuellen "cyberworlds" des Computerspiels.

Gewinnen wissenschaftliche Fragestellungen erst durch eine historische Perspektive an Tiefe, so ist es um so mehr zu begrüßen, daß in jüngster Zeit bereits eine beachtliche Zahl von Arbeiten zur Bildgeschichte jenseits der viel beschrittenen kunsthistorischen Wege erschienen sind. Hierher gehört neuerdings auch der vom Konstanzer Mediävisten Alexander Patschovsky herausgegebene Sammelband "Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore". Die Beiträger dieses vorzüglich ausgestatteten und hinsichtlich seiner Farbreproduktionen fulminanten Bandes richten ihren Blick auf einen Gegenstand, der, wenigstens bei erstem Hinsehen, wohl schwerlich entlegener sein könnte. Der kalabrische Zisterziensermönch Joachim de Fiore ist für die Geschichtswissenschaft ein so komplizierter wie faszinierender Fall. Vor allem durch seine Lehre von der ternären Ordnung der Geschichte, wonach sich der Weltenlauf in drei großen, aufeinander folgenden Zeitaltern ereignete, erregte bereits zu Joachims Lebzeiten, das heißt im zwölften Jahrhundert, und noch weit danach großes Aufsehen. Eng mit diesen Spekulationen verbunden ist seine eigentliche idée fixe: die präzise Bestimmung eines Datums für den Jüngsten Tag, den er - wie wohl alle Apokalyptiker - noch für seine eigene Zeit erwartete.

Patschovskys Band gestattet nicht allein einen detaillierten und zugleich sachkundigen Einblick in hochmittelalterliche Geschichtsspekulation, es handelt sich zugleich auch um einen beispielhaften Kommentar zu den Möglichkeiten des visuellen Designs philosophischer Ideen und theologischer Spekulationen. Die Welt von Joachims Apokalyptik mag von heute aus befremdlich fern erscheinen, seine bemerkenswerte Begabung, noch so abstraktes Gedankengut auf faszinierende Weise vor Augen zu stellen, garantiert ihm einen festen Platz in einer bislang nur in Ansätzen erforschten Geschichte der Visualisierung.

Christel Meier, eine der vorzüglichsten Kennerinnen mittelalterlicher Enzyklopädik, unterstreicht in ihrem Beitrag insbesondere den formalen Charakter dieser Diagramme. Solche Darstellungen mobilisieren ein graphisches Zeichenreservoire, das sich auf vergleichsweise wenige geometrische Grundformen beschränkt. Aus diesen einfachen Formen - hierzu gehören der Kreis, das Quadrat, das Dreieck oder die Kugel - werden indes erstaunlich komplexe und hinsichtlich ihrer Funktion enorm vielfältige Systeme zur Darstellung und Deutung der Welt entwickelt. Joachims Trinitätsdiagramm etwa besteht aus gerade einmal drei miteinander verschlungenen Kreisen, in welche eine genau aufeinander abgestimmte Folge von Schriftpartien und Initialen abgetragen ist. Mit einem flüchtigen Blick läßt sich dieses Diagramm nicht bewältigen. Vielmehr zwingt es zu konzentriertem Hinsehen. Ein Hinsehen, das unentscheidbar zwischen Lektüre und Betrachtung oszilliert.

Ebendieses Changieren zwischen Lesen und Betrachten greifen die beiden Kunstwissenschaftler Steffen Bogen und Felix Thürlemann auf. Bekanntlich hat sich spätestens seit Lessings Traktat "Laokoon" zum Unterschied von bildender Kunst und Literatur das grundlegende Binom von "Bild und Text" durchgesetzt. Eine solche Opposition hat jedoch, so die These von Bogen und Thürlemann, ein davon zu unterscheidendes Drittes stets ignoriert: das Diagramm. Ist es doch gerade dessen Qualität, jenseits der beiden "Supermedien" sowohl die dem Bild eigene visuelle Verdichtung als auch die mit dem Text verbundene Qualität der Ausführlichkeit verbinden zu können. Es sind gerade komplexe Informationen, die sich mit solchen visuellen Strategien konzise darstellen lassen. Die Vielfalt und die Möglichkeiten einer solchen diagrammatischen Medialisierung genauer zu erforschen müßte jener von Bogen und Thürlemann postulierten "Diagrammatik" als ein eigenes kulturwissenschaftliches Forschungsgebiet vorbehalten bleiben.

STEFFEN SIEGEL

Alexander Patschovsky (Hrsg.): "Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore". Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2003. 213 S., Abb., geb., 58,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2004, Nr. 23 / Seite 36
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