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Veröffentlicht: 12.01.2012, 12:57 Uhr

Ibn Khaldun: „Die Muqaddima“ Auch damals wusste niemand, wer die hohen Steuern erfunden hat

Er betrieb das unmittelalterlichste Geschäft der Welt: Eine neue Auswahl aus den Betrachtungen zur Weltgeschichte des muslimischen Aufklärers Ibn Khaldun.

von Stefan Weidner
© Verlag

Die These vom Niedergang des Islams im ausgehenden Mittelalter wird von der neueren Forschung schon deshalb in Frage gestellt, weil die "islamische Welt" viel heterogener war, als man allgemein vermutet. Während der Islam in Andalusien auf dem Rückzug war, erlebte er im mamelukischen Ägypten und im osmanischen Anatolien eine zweite Blüte. Und viele der geistigen Errungenschaften der Araber wurden in Europa gar nicht erst wahrgenommen, so auch die Schriften des 1332 in Tunis geborenen, 1406 in Kairo verstorbenen Gelehrten und Staatsbeamten Ibn Khaldun. Wären sie übersetzt worden, sie hätten die Europäer hoffnungslos überfordert. Erst Machiavelli, Montesquieu oder Vico, die Koryphäen der Neuzeit, mit denen Ibn Khaldun so oft verglichen wurde, hätten für sein Denken die nötige Weltoffenheit und Neugier besessen.

Die Vergleiche sind berechtigt: Ibn Khaldun hat das unmittelalterlichste Geschäft betrieben, das man sich denken kann: die Entzauberung der Welt, und zwar durchaus im modernen, Weberschen Sinn. Nur wenige Jahre nachdem der "arabische Marco Polo", Ibn Battuta (F.A.Z. vom 13. Januar 2011), dem Sultan seine mit allerlei Fabelmärchen angereicherten Reiseberichte verkauft hatte, tut ihn Ibn Khaldun als "Scheich aus Tanger" ab, der allgemein als Lügenbaron bekannt sei. Skepsis sei bei seinen Berichten ebenso angebracht wie bei allem, was man nicht selbst nachprüfen könne. Auch umgekehrt gelte aber, dass nicht alles, was man für unwahrscheinlich halte, deswegen automatisch falsch sei: Der Maßstab zur richtigen Beurteilung der Welt ist die Rationalität, aber nur, wenn auch sie ihre Grenzen kennt.

„Der Mensch ist seiner Natur nach politisch“

Der vom Historiker Mas'udi (893 bis 956) übermittelte Bericht über Alexander den Großen, der in einem Glaskasten ins Meer getaucht sein soll, um Seeungeheuer zu beobachten und Zeichnungen von ihnen anzufertigen, sei, so zerlegt Ibn Khaldun den Mythos, aus zwei Gründen sicher erfunden: Zum einen würde man in einem solchen Glaskasten unweigerlich ersticken; zum anderen würde kein Herrscher ein solch gefährliches Unterfangen selbst unternehmen, wenn er sich nicht um seine Herrschaft bringen und die Leute zur Rebellion anstacheln wollte. Sogar die kolportierten Zahlen über das Heer Moses' seien leicht als Übertreibung zu entlarven, wenn man nur bedenke, wie wenige Generationen laut Tora zwischen dem Stammvater Israels und Moses lägen und wie sehr sich die Menschen tatsächlich vermehrten.

Ibn Khalduns Rationalität versteht sich nicht zuletzt als politische Klugheit, denn, wie es heißt, "der Mensch ist seiner Natur nach politisch". Aristoteles' "Politeia" wird natürlich als Vorbild erwähnt, "nur dass es nicht erschöpfend und mit anderen Dingen vermischt ist". Wer politisch denkt, illustriert Ibn Khaldun seine Theorien, wird zum Beispiel wissen, dass der Kalif Harun ar-Raschid seinen Wesir Djafar al-Barmaki nicht deshalb umbringen ließ, weil dieser ein Verhältnis mit Haruns Schwester gehabt habe, wie die Klatschmäuler zu wissen glaubten. Vielmehr seien Djafar und sein Klan dem Kalifen zu mächtig geworden.

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