Zu den fragwürdigen Routinen des Lebens gehört die stille Hinnahme tierischen Leids. Max Horkheimer sprach von der „Tierhölle“ im Keller der menschlichen Gesellschaft. Steven Pinker konnte seine These vom Rückgang der Gewalt in der Weltgeschichte schreiben, ohne dem unverminderten Leid der Tiere, den Schlachthöfen, Versuchslaboren und Pelzfarmen, eine Zeile zu widmen. Wie kommt es zu dieser Arbeitsteilung des Bewusstseins, dass man Lebewesen eben noch niedlich und wenig später ungerührt auf der Speisekarte findet? Es hat mit einer langen Blickprägung zu tun, lautet die Antwort der Animal Studies, einer relativ jungen Forschungsrichtung, die angetreten ist, dieses Blickregime zu brechen. Dem Mensch dient das Tier zur Selbstvergewisserung nach unten. Er braucht es, um positive Auskunft über sich selbst zu bekommen.
Ihre Wurzeln haben die Animal Studies oder Human-Animal Studies (auch der Mensch fällt hier ins Reich des Animalischen) in den Vereinigten Staaten, von dort setzen sie seit einigen Jahren zum Sprung nach Europa an. Unter dem Dach des interdisziplinären Ansatzes versammeln sich in der Mehrzahl Soziologen, daneben Politikwissenschaftler, Historiker, Geographen, Philosophen, Juristen. Das Forschungsprogramm ist sicher mehr als der wissenschaftliche Reflex auf die breite gesellschaftliche Bewegung, die - inspiriert durch Bücher wie Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ - den Vegetarismus zum allgemeinen Stilvorbild gemacht hat. Die meisten Forscher sind im aktivistischen Milieu der Tierrechtsbewegung verwurzelt, viele kommen aus der linken Subkultur und sind vom ethischen Rigorismus von Hardcore und Straight Edge gestählt.
Eine zweite Traditionslinie liegt nicht zufällig im Feminismus. Die Animal Studies gehen davon aus, dass alle Formen der Unterdrückung eine strukturelle Verwandtschaft haben. Daraus ergibt sich eine Allianz von Naturschutz, Tierschutz, Feminismus. Von den Gender Studies hat man sich abgeschaut, nicht einen fixen Gegenstand, sondern eine Grenzlinie, die zwischen Mensch und Tier, sozialkonstruktivistisch in den Blick zu nehmen. Diese Grenze, lautet das Mantra der Animal Studies, ist gemacht und nicht naturgegeben. Ziel ist es zu zeigen, wie sie immer wieder neu gezogen und stabilisiert wird. Grundlegend ist dabei der Gegensatz von Natur und Kultur. Der Anfang aller Unterdrückung liegt darin, die Grenze als unverrückbare Naturkonstante auszugeben. Indem die Tiere dem Bereich der Natur zugeschlagen werden, liefert man sie menschlicher Verfügungsgewalt aus.
Was macht das Tier zum Gesellschaftstier?
Braucht man diesen koordinierten Blick auf diesen Grenzbereich? Oder folgen die Animal Studies nur dem Trend, jedes Thema zum neuen Forschungsparadigma auszurufen? Der erste Sammelband aus dem Kreis der neuen Wissenschaft kann diesen Verdacht noch nicht ausräumen. Man gibt sich als engagierte Wissenschaft zu erkennen, verzichtet aber auf jeden agitatorischen Ton. Der Akzent liegt auf der Theorie, der Kritik der Wahrnehmungsstrukturen, die für die Versachlichung von Tieren verantwortlich sind. Als Gegner ist schnell das Einheitsdenken der westlichen Philosophie ausgemacht, die von Aristoteles über Descartes bis Kant und Heidegger den Blick auf das Tier als das Andere, Niedrige festgeschrieben hat, von dem der Mensch positiven Aufschluss über sich selbst sucht. Die tief verwurzelte Blickprägung versucht man mit den eingespielten Formeln der französischen Differenzphilosophie, mit Theoretikern wie Latour und Derrida, Judith Butler und Donna Haraway aufzulösen. Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Arbeit am sprachlichen Sediment dieses Denkens. Man spricht vom nicht-menschlichen Tier, weil auch der Mensch mit beiden Beinen im Tierreich steht. Man sagt tierlich statt tierisch, weil es weniger instinktnah klingt.
Leider verfängt man sich zu sehr in Referaten poststrukturalistischer Formeln statt sie aufs Konkrete anzuwenden: Welche Formen der Sprache und des Verhaltens bei Tieren gehen über das hinaus, was ihnen normalerweise zugeschrieben wird? Was hebt Tiere über die Instinktbindung hinaus, was berechtigt dazu, von Sprach- und Gesellschaftsfähigkeit zu sprechen? Das empirische Defizit hat damit zu tun, dass die Integration zoologischer Fachkenntnis nicht gelingt oder gar nicht erst versucht wird. Der Grund dafür mag in der Scheu sozialkonstruktivistischer Ansätze liegen, in biologistisches Fahrwasser zu geraten.
Nackte Haut für nacktes Fell
Die Lektion in Demut ließe sich auch besser vermitteln, wenn sie nicht mit einem verkrampften Korrektheitsanspruch verbunden wäre, der die Benennung von Unterschieden verhindert. Alle Trennlinien zwischen Mensch und Tier - Geist, Sprache, Sozialverhalten - seien hinfällig, heißt es mit Donna Haraway, näher ausgeführt wird es nicht. Je nachdem wie stark man das begriffliche Objektiv einstellt, wird man Tier oder Mensch näher oder weiter voneinander entfernt sehen. Die Konzession menschlicher Besonderheiten bedeutet noch keinen Chauvinismus der biologischen Art. Die Versuche der philosophischen Anthropologie, die humane Differenz über Begriffe wie exzentrische Positionalität, weltoffenes oder symbolschaffendes Wesen zu markieren, bleiben ohne Resonanz. Vor allem wird der Leser mit der Frage alleingelassen, wie denn nun der richtige Umgang mit dem Tier auszusehen habe. Akten, Gesten, Taten sei mehr Beachtung zu schenken. Wer wollte widersprechen? Bezeichnend bei der Diskriminierung von Tieren ist ja gerade, dass viele aus dem, was sie für richtig hielten, keine praktische Konsequenz ziehen.
Beeindruckend ist die Skrupulösität der Animal Studies, die noch in der Tierrechtsbewegung die Diskriminierungslogik fortgesetzt sieht. Ob Frauen in der Werbung die nackte Haut präsentieren müssen, um auf die Ausbeutung von Tieren hinzuweisen, oder Tiere in den Fotos von Befreiungsaktionen zum schmückenden Accessoire ihrer strahlenden Befreier werden: die Spirale dreht sich auch dort weiter, wo man es kaum vermutet. Und selbst der Tierbefreier hat oft lieber das telegene Kätzchen als das Huhn oder die Ratte im Arm.