26.03.2010 · Paralleluniversen sind unter Physikern keine exotischen Objekte mehr. Tobias Hürter und Max Rauner erklären die neue Faszination und finden am Multiversum dann etwas vorschnell Geschmack.
Von Ulf von RauchhauptEs ist viel einfacher, Romane zu schreiben", bemerkte Ivana Trump einmal, "da kann man sich einfach alles ausdenken." Aber vielleicht hat die amerikanische Milliardärsexgattin und Hobbyschriftstellerin mit ihrem 1994 erschienenen Opus über ein superreiches Society-Girl namens Katrinka Graham in Wahrheit ja ein Sachbuch geschrieben? Dazu ist lediglich erforderlich, dass unser Universum nur eines von unendlich vielen Universen ist. Dann wird es in einigen (ebenfalls unendlich vielen) davon auch Planeten geben, die der Erde aufs Sandkorn gleichen - bis auf die Tatsache, dass auf einigen (immer noch unendlich vielen) eine Katrinka Graham liebt und leidet: In einigen wird sie amerikanische Präsidentin, in anderen Nonne, und in einer widerfährt ihr exakt jenes Geschick, welches Mrs. Trump glaubt, frei erfunden zu haben.
Je nach Geschmack ein grauenvoller oder amüsanter Gedanke, aber kein neuer. Auch in Jorge Louis Borges' "Bibliothek von Babylon" steht Trumps Buch irgendwo, und wenn der französische Mathematiker Émile Borel 1909 bemerkte, dass ein Affe an einer Schreibmaschine, wenn er nur unendlich viel Zeit hätte, irgendwann auch Shakespeares Hamlet tippen würde, so ist zu ergänzen, dass Katrinka Grahams Abenteuer notwendig ebenfalls dabei herauskämen.
Die Popularität der vielen Welten
Neu ist allerdings, dass einige Physiker heute in vollem Ernst glauben, es gebe diese unendlich vielen Parallelwelten tatsächlich - und dazu formelgespickt Abhandlungen veröffentlichen. Wie es dazu kommen konnte, berichten die beiden Wissenschaftsjournalisten Tobias Hürter und Max Rauner auf höchst vergnügliche Weise. Dabei wird kaum etwas ausgelassen, was zum Verständnis dieses Phänomens notwendig ist: von der Geschichte der Kosmologie bis zu Interpretationsfragen der Quantenphysik. Bei der wissenschaftshistorischen Darstellung geht das Bemühen der Autoren um Lesbarkeit zwar zuweilen auf Kosten der Genauigkeit, dafür gelingen ihnen die Erklärungen vertrackter physikalischer Sachverhalte meist wunderbar anschaulich. Und in Beobachtungen wie der, dass nicht zuletzt die Hinwendung des prominenten Stringtheoretikers Leonard Susskind die Paralleluniversen unter Wissenschaftlern populär gemacht hat, wird auch die soziologische Dimension gestreift: "Wenn ein Alphatier wie Susskind in eine andere Richtung läuft, trabt die Herde hinterher."
Tatsächlich hat die Popularität der Par-allelwelten viel mit neueren Entwicklungen in der Stringtheorie zu tun. Diese soll dereinst die Quantenphysik mit Einsteins Gravitationstheorie zu einer einheitlichen fundamentalen Theorie der Physik, einer "Weltformel", verheiraten. Sie ist nicht der einzige Ansatz dazu, aber derzeit der mit den meisten Anhängern. Vor einigen Jahren stellte sich nun heraus, dass der Stringansatz nicht nur ein einziges Universum erlaubt, sondern eine absurd hohe Anzahl von größtenteils sehr verschiedenen Universen. Auch eine ausformulierte Stringtheorie wird nach gegenwärtigem Stand der Erkenntnis daher keine Gründe dafür angeben können, warum unsere Welt gerade diese Eigenschaften hat und nicht andere.
Interpretationen der Quantenmechanik
Wenn aber die materielle Welt in letzter Konsequenz naturwissenschaftlich beschreibbar sein soll und diese Beschreibung eine Stringtheorie ist, geht das nur dann, wenn jedes mögliche stringtheoretische Universum tatsächlich verwirklicht ist. Und wie Rauner und Hürter berichten, lassen sich durchaus mathematische Modelle für ein solches sogenanntes Multiversum konstruieren, in denen unser Universum nur eines von vielen ist.
Das können aber nun sehr viele sein. Ihre Zahl kann hinreichend nahe am Unendlichen liegen, dass Katrinka Grahams Realexistenz unausweichlich wird. Sie wird es insbesondere dann, wenn zur Stringtheorie auch noch die "Viele Wel- ten"-Deutung der Quantenphysik hinzukommt. Sie ist heute ein weiterer Grund für manche Physiker, der Multiversums-Idee anzuhängen. Sie geht auf den Amerikaner Hugh Everett zurück und behauptet, der Zufall in quantenmechanischen Prozessen sei eine Illusion, und alle möglichen, in unserer Welt nur mit gewissen Wahrscheinlichkeiten eintretenden Ergebnisse eines solchen Prozesses würden tatsächlich verwirklicht - nur eben in verschiedenen Universen, in die sich die Welt in jedem Moment aufspalte.
Die Idee eines Multiversums ist zweifellos ein wissenschaftshistorisches Krisenphänomen. Sie entspringt einer seit Einstein geradezu traditionell gewordenen Vorstellung einer naturwissenschaftlichen Letztbegründbarkeit der Welt und dem Hang mancher Physiker, ihre Beschreibungen mit der Realität selbst zu identifizieren anstatt mit unserem möglichen Wissen von ihr. Eine eingehendere Reflexion auf die philosophischen, um nicht zu sagen weltanschaulichen Voraussetzungen jener "gestandenen Professoren", die das Multiversum propagieren, fehlt bei Hürter und Rauner leider. Stattdessen sprechen sie "von einem sich verdichtenden Verdacht", am Multiversum könnte etwas dran sein, und sehen hier offenbar selbst allen Ernstes eine neue wissenschaftliche Revolution kopernikanischen Ausmaßes heraufziehen.
Vorschnelle Sympathien
Doch was den besagten Verdacht da nährt, das sind mitnichten irgendwelche Möglichkeiten einfacherer Naturbeschreibung wie bei Kopernikus. Es sind erst recht keine neuen Erkenntnisse, auch nicht der Erfolg des hier immer wieder ins Feld geführten sogenannten Inflationsmodells der Kosmologie oder das Fehlen einer messbaren Raumkrümmung des sichtbaren Universums als Ganzes. Garantiert ist damit nicht einmal, dass es hinter dem Horizont, den die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts unserer möglichen Erfahrung setzt, tatsächlich unendlich weitergeht - von raumzeitlich abgetrennten Paralleluniversen ganz zu schweigen. Der Verdacht, es könnte solche transzendenten Welten geben, ist nicht mehr als ein denkerischer Ausweg aus der Situation, in die jene im Zuge der Weltformelsuche geraten, die sich an bestimmte ontologische Vorstellungen über die Physik und ihre Objekte klammern. Wenn Hürter und Rauner etwa schreiben "Wer das Multiversum nicht akzeptieren will, der muss die Quantenmechanik verwerfen", dann stimmt das so nicht. Es stimmt allenfalls für den, der die Entität, mit der Quantenphysiker rechnen, die sogenannte Wellenfunktion, für etwas fundamental Reales hält.
An einem solchen Quanten-Realismus bestehen nun durchaus Zweifel, und die Nachricht, ein Glaube daran verpflichte auch zu einem Glauben an ein unendliches Multiversum, sind nicht unbedingt dazu angetan, diese Zweifel zu mildern. Im Gegenteil. Und dazu muss man sich gar nicht erst ein Multiversum voller Katrinka Grahams vorstellen oder einem sauertöpfischen Rationalismus anhängen, der sich über die mangelhafte Falsifizierbarkeit unsichtbarer Parallelwelten beklagt. Es reicht der Blick darauf, wie Physiker in der Praxis das Auftreten von Unendlichkeiten bewerten: als untrügliches Zeichen dafür, dass entweder eine Rechnung falsch ist oder eine Theorie auf etwas angewandt wurde, für das sie ungültig ist.
Ulf von Rauchhaupt Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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