„Demokratie und Lotterie“ - so lautet der Titel eines mutigen Buches, das der Greifswalder Politikwissenschaftler Hubertus Buchstein jüngst veröffentlicht hat. Darin fasst er zusammen, welch lange Geschichte im westlichen Kulturkreis das Losen als Mittel politischen Entscheidens hat. Der australische Philosoph John Burnheim entwickelte schon 1985 unter dem Begriff der „Demarchie“ das Konzept einer maßgeblich auf Losentscheid basierenden Form politischer Verfassung. Buchstein führt dieses Thema der englischsprachigen politisch-philosophischen Debatte nun in die deutsche Diskussion ein, um für die Rationalität des Losverfahrens zu werben.
Gelost wird auch heute schon häufiger, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt, hauptsächlich bei der Zuteilung von Leistungen und Pflichten. In nicht wenigen Staaten lost das Militär die Teilnehmer für Kampfeinsätze aus. Und auch ein Teil der Studienplätze wird durch Los vergeben, in den Vereinigten Staaten sogar Güter des Gesundheitswesens. Im alten Athen waren es aber auch Inhaber staatlicher Ämter, die durch Los bestimmt wurden, namentlich Richter und auch einzelne Archonten, die mit administrativen Aufgaben betraut waren.
Ein Relikt sakraler Entscheidungsfindung
Buchstein setzt sich von der These ab, das Losen sei im alten Athen gleichsam die Fortentwicklung der demokratischen Idee gewesen. „Los und Wahl brauchen nicht als einander ausschließende und miteinander konkurrierende politische Verfahrensinstrumente angesehen zu werden, sondern ihre jeweiligen funktionalen Leistungen lassen sich bei einer geschickten Kombination der Instrumente sogar optimieren.“ Der Autor neigt eher der Meinung zu, namentlich im antiken Athen sei Losen Relikt sakraler Entscheidungsfindung gewesen. Diese Form der Entscheidungsermittlung habe unmittelbar den Götterwillen widergespiegelt.
Wie auch immer die religiösen Hintergründe und Ursprünge zu bewerten sein mögen: Auffallend bleibt, dass sich Losentscheide in der westlichen Geschichte dort häufen, wo (proto-)demokratische Herrschaftsformen längere Zeit bestehen, im alten Athen, in der römischen Res publica und in den italienischen Stadtrepubliken, die an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit blühten. Die sich im Laufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts ausbildenden Massendemokratien moderner Flächenstaaten bildeten freilich zunächst einmal die große Ausnahme: Während zu Zeiten der amerikanischen und der Französischen Revolution das Los noch lebhaft als Möglichkeit der Ämtervergabe erörtert wurde, empfand das neunzehnte Jahrhundert die Wahl vor allem aufgrund des ihr vorausgehenden Wettbewerbes als das rationalere und effektivere Mittel der Entscheidungsfindung.
Entpersonalisierte Herrschaft
Obwohl die moderne Demokratie sich mit der Meritokratie verbündet, wirkt im Grundbegrifflichen eine Affinität mit der Losauslese latent fort. Seit der Antike ist die Demokratie einem Ziel verpflichtet, das als Widerspruch in sich wahrgenommen werden kann: Gleichheit in der Freiheit herzustellen - wenngleich die Freiheit im antiken Athen eine ausschließlich kollektive war und kein Individualrecht im neuzeitlichen Sinne. Die Gleichheitsrechte, die die Umstellung des politischen Systems auf Partizipation vorantreiben, korrelieren mit der Anonymisierung der Herrschaft: Ohne Ansehen der Person Rechte und Pflichten zu verteilen ist eines der spezifischen Merkmale der Demokratie. In der Idee des Losentscheids erfährt solche Anonymisierung ihren Gipfel: Herrschaft wird gänzlich entpersonalisiert, ja sozusagen automatisiert.
Gibt es womöglich sogar eine demokratischen Rechtsstaaten eigene Neigung, personengebundene Herrschaft aufzulösen? Dagegen mag die ewige Wiederkehr des charismatischen Politikers sprechen. Die Vorstellung, dass die Berufspolitikerschicht eine Elite des Verdiensts darstellt, gilt heute als unplausibel. Gleichzeitig herrscht der Eindruck vor, ideologische Gegensätze, die im klassischen Zeitalter des Parlamentarismus Parteiunterschiede und Wahlentscheidungen bestimmten, hätten sich mehr oder weniger erledigt. Wahlergebnisse werden als zufällig und beliebig empfunden wie teilweise auch schon die Auswahl an Konzepten und Personen selbst. Die Demokratie, so stellt es sich vielen Zeitgenossen dar, funktioniert wie eine Lotterie. Dem Vorschlag, lieber ehrlicherweise sogleich zum Losen zu schreiten, könnte im Zeitalter der sogenannten Politikverdrossenheit neue Attraktivität zuwachsen. So haben Verteidiger des englischen Erbadels vor der Reform des Oberhauses mit dem Argument gewarnt, der negativen Auslese sei eine Zufallsauslese vorzuziehen.