16.02.2012 · Humanismus aller Couleur: Hubert Cancik versucht sich an der Rettung eines etwas verschlissenen Begriffs und weiß dabei einiges zu dessen neuerer Geschichte beizubringen.
Von Uwe WalterSein vorerst letztes Hurra feierte er in der DDR. Ein dort erarbeitetes Lexikon der Antike definierte den "sozialistischen" Humanismus als das "auf das griechische Ideal zurückgreifende Streben des Menschen nach vermehrtem Wissen und allseitiger Bildung". Diese Errungenschaft stelle eine neue Qualität dar, weil in einer von Ausbeutung und Unterdrückung freien Gesellschaft die humanistischen Ideale nicht nur proklamiert, sondern auch die Bedingungen zu ihrer Verwirklichung geschaffen würden. Heute steht "humanistisch" verhüllend für eine antireligiös erziehende Schule, etwa im Berliner Kulturkampf.
Humanismus als Begriff ist ein Produkt vielfältigster historischer Kommunikationen und daher von Überforderung, Missverständnis und Vergessen bedroht. Dem will Hubert Cancik, emeritierter Altphilologe in Tübingen, entgegenwirken. Weder einen neuen Entwurf bietet die Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen an noch eine Rettung im Wissen um Alfred Andersch' Wort "Schützt Humanismus denn vor gar nichts?", sondern Klärungen: "Humanismus" sei ein offener, wenig fixierter Begriff, was zu "Ungenauigkeit, Phrase, Festredengeschwätz" verführe.
Da der Band jedoch in der Reihe "Der Mensch im Netz der Kulturen - Humanismus in der Epoche der Globalisierung" erscheint, wird dem Konzept sofort ein neuer, zumindest festredentauglicher Aspekt hinzugefügt, indem von "Weltgesellschaft" die Rede ist. Denn schon seit der Antike und dann sehr klar bei Herder basierte seine Ausrufung zwar stets auf dem Grundgedanken, die Natur lege den Menschen auf Selbstformung fest, mithin darauf, sich durch Bildung zu vervollkommnen, doch in den realen Verhältnisse war es lange nur vergleichsweise wenigen Auserwählten vergönnt zu erfahren und zu zeigen, was ein so konzipiertes Menschsein im Idealfall bedeuten konnte.
Das galt auch für den vor zweihundert Jahren aufkommenden Neuhumanismus, als Humboldts Gedanke, Altgriechisch zu lernen sei auch für Tischler wertvoll, rasch seine Grenzen am Interesse eines Bürgertums fand, zwar Geburt durch Bildung abzulösen, aber Letztere zum neuen Distinktiv für den eigenen Vorrang zu machen. Und der sogenannte Dritte Humanismus der Weimarer Jahre war durch seine dreifache Fixierung - auf vage ästhetische Normen, auf das exklusive Bündnis der neuen Deutschen mit den alten Griechen und auf den Vorrang des Staates vor dem Individuum - von vornherein wenig geeignet, irgendwie universalistisch zu wirken.
Klar und geduldig, in der Summe der Texte mitunter redundant legt Cancik die Dimensionen von "humanitas" bei Cicero, Seneca und Plinius dar, die Rezeptionen in der italienischen Renaissance, die Karriere in den europäischen Sprachen und bei einzelnen Denkern seit dem achtzehnten Jahrhundert. Der Autor trägt seine Begriffsarchäologien geradezu lehrbuchartig vor; wer so belesen ist und zugleich so sehr hinter seinen Gegenstand zurücktritt, hat es nicht nötig, assoziative Feuerwerke abzubrennen. Der Preis: Es wird nicht immer ganz klar, für welche Position er selbst eigentlich steht.
Römischer "humanitas" und europäischer Humanität sind zwei Bestimmungen gemeinsam: Entrohung und Menschlichkeit - letzteres Wort ist zwar etwas vage, aber gerade deshalb den zu eng bestimmten Ausdrücken "Barmherzigkeit" und "humanitäre Praxis" vorzuziehen. Kritisch bleiben die Nahtstellen zwischen Konzept und bisweilen zu wenig befragter Wirklichkeit. Wenn etwa Cicero nach stoischer Lehre zur Vorschrift der Natur erklärt, der Mensch sorge für den Menschen, wer immer es sei, und das dann "ius gentium" nennt, dann sollte dieser Ausdruck gleichwohl nicht mit "Menschenrecht" wiedergegeben werden, denn er meinte ganz überwiegend das, was unter allen Völkern üblich und so auch rechtmäßig war, etwa Kriegsgefangene in die Sklaverei zu verkaufen.
Gleichwohl erscheint es berechtigt, die antiken Begründungen humanitärer Praxis und Hilfe zu beleuchten, obgleich Menschenrechte im politischen, juristischen und sozialen Feld unbekannt waren. Cancik ist nicht betriebsblind: Die lateinischen Äquivalente von Menschenwürde, Toleranz und Person hatten "in der römischen Kultur einen anderen Ort, einen anderen Zusammenhang, ein anderes Gesicht als in der Neuzeit".
Im deutschen Traditionsstrang macht er den verglichen mit Wilhelm von Humboldt weniger bekannten Friedrich Immanuel Niethammer stark, der den Humanismus als Gegenmodell zur damals modernen Pädagogik der Philanthropen entwickelte. Die Bildung des Menschen als Menschen und zum Menschen sei entscheidend, nicht die schnelle, praxisnahe Vorbereitung auf Beruf und Fachstudium, die nur das Ziel verfolge, die Kinder in das "Maschinenwesen" der Zeit einzupassen. Das katapultiert geradezu in aktuelle Curriculum-Debatten.
Was als pädagogisches Programm und Teil europäischer Antikerezeption begann, konnte in den Katarakten und Kapillaren der Ideengeschichte vielfältig weiterentwickelt werden. Aus der Idee der individuellen Perfektibilität des Menschen ohne festgelegtes Programm oder System heraus ließ sich Humanismus mit Ernst Mach als Lehre verstehen, "eine unvollendete Weltanschauung zu ertragen". Mit feinem Pinsel erweist Cancik Herders Humanitätsprojekt als höchst politisch. Die skeptische Anthropologie führt zugleich zu einem eindeutigen Auftrag: "Griechische Kunst ist eine Schule der Humanität." Friedrich Heers Versuch hingegen, mit den Leitbegriffen Europa, Humanismus, Antike und Christentum ebenfalls ein Programm der Erneuerung zu schaffen, barg zu wenig zupackende Vergangenheitskritik und war zu religiös durchwirkt, um die Orientierungsbedürfnisse nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich erfüllen zu können.
Der DDR gelang es bekanntlich nicht, den Humanismus neu zu erfinden, ihn von seinen Attributen - antimodern, retrospektiv, defensiv und elitär - zu befreien. Als Weltrettungsformel aller Wohlmeinenden wäre er unter Wert geschlagen. Stark war der Humanismus hingegen immer dann, wenn es galt, kritische Einreden wider die Gegenwart zu formulieren, der Vereinseitigung von Werten oder der Fragmentierung des Menschen in dessen vielen Rollen - zwischen Marktteilnehmer und Stammzellenproduzent - radikal das allseits gebildete, dabei zur Bildung verpflichtete Individuum entgegenzustellen.
Die Sache selbst ist es wert
Thorwald Franke (thorwald_franke)
- 17.02.2012, 23:53 Uhr